Stefano Bernardin: "Darum kriegen meine Söhne keine Spielzeugwaffen"

"Bist du schwul?", fragte ihn kürzlich eine Frau. Er drauf: "Das war ein Kompliment." Schauspieler Stefano Bernardin über "eierlose" Politik und Emanzipations-Rückschritte.

Der Schauspieler und Dreifach-Vater Stefano Bernardin steht vor zwei Theater-Premieren. Mit uns sprach er über "eierlose" Politik und Emanzipations-Rückschritte.

WIENERIN: Stefano, starten wir mit einem Zitat. Sagt der Kannibale zum Gulasch: „Ich hab dir gesagt, du wirst dich noch wundern, was alles geht!“ Der Satz stammt aus dem Nestroy-Stück „Häuptling Abendwind“, in dem du ab 4. November 2016 im Theater Akzent spielen wirst. Es soll eine Art vergnüglicher Weltuntergang werden, was ist das?

Stefano Bernardin: Eine gute Frage. Wie bei allen Hubsi Kramer Stücken weiß man bis zum Schluss nicht wirklich was es wird, aber es wird ein sehr buntes Stück. Es kommen viel Lieder und Tänze vor – bei denen ich zum Glück rausgehalten werde aufgrund meiner Figur, die mit dem Stamm ja nichts zu tun hat.

Welche Figur spielst du?

Stefano Bernardin: Ich bin der Friseur, der auf einer Südseeinsel strandet und auf der Suche nach seinem Vater ist. Dort verliebt er sich in eine junge Wilde – wie s bei Nestroy heißt – und zum Schluss kommt man drauf, dass ich der Sohn des Gegenspielers von Häuptling Abendwind bin. Und es geht um Kannibalen, die hungrig sind, weil eben so wenig Leute stranden und schon so viel aufgefressen worden sind. Das heißt: Sobald sie einen Flüchtling entdecken, wird der sofort in den Kochtopf geschmissen.

Genau, und da kommt jetzt das Zitat vom „du wirst dich noch wundern, was alles geht“ vor? Aber der Satz ist ja wohl kein Zufall, oder?

Stefano Bernardin: Naja, es gibt natürlich ein paar Karlauer, die sich auf die heutige Zeit beziehen – und ja gut, am Schluss muss das Stück auch wiederholt werden wegen Ungereimtheiten. Aber wer genau die Menschenfresser sein wollen – ob die ganze Gesellschaft oder vielleicht eine Partei, das bleibt offen.

Politische Theater 2016 – was bedeutet das für dich?

Stefano Bernardin: Theater sollte immer eine Haltung haben, auch zur Gesellschaft und zur Gesellschaftsstruktur und was die Politik damit macht. Mittlerweile ist das aber schon sehr verschwommen, weil ja die Politik selbst so eierlos ist – durch Dinge, die ihr von Konzernen aufgedrängt wird. Man weiß ja oft schon nicht mehr, ob Politiker Gesetze machen oder ob sie ihnen von internationalen Multis diktiert werden.

Jemand hat gerade auf sein Wahlplakat „So wahr mir Gott helfe“ gedruckt – wie findest du das?

Stefano Bernardin: Es ist absolut lachhaft, gerade wenn eine Partei so einen neoliberalen Zugang hat. Und wenn so eine Partei mit Gott daherkommt, dann müsste man doch auch die Nächstenliebe proklamieren. Und dazu hat diese Partei ja leider eine recht eindeutige Sicht, dass es nämlich klare Unterschiede gibt, wer geliebt wird. Man will damit die Stimmen der ÖVPler sichern. Aber generell muss ich dazu halt schon sagen: Hallo, Trennung Staat und Kirche??

Der US-Wahlkampf zeigt deutlich, wie viel offener Sexismus eigentlich noch möglich ist – was lösen Trumps Aussagen von Frauen in dir als Mann aus?

Stefano Bernardin: Dass der Trump unter jeder Sau ist, wissen wir schon, aber dass auch seine Frau ihn so verteidigt und meint, naja, das waren halt Jugendgespräche – das finde ich bemerkenswert. Und ich finde es zeigt die Rückschrittlichkeit der Gesellschaft insgesamt, weil es im Verhältnis trotzdem recht wenig Empörung gibt. Wie damals bei uns die Po-Grapsch-Affäre, wo sich auch viele Männer eher bestätigt gefühlt haben, dass das eh nicht so schlimm ist. Ich sehe einfach, dass wir uns gerade in Sachen Emanzipation gerade in Retourschritten bewegen. Die Frau wird plötzlich wieder ganz extrem als Sexobjekt gesehen, auch medial unterfeuert und manche Frauen verkaufen sich auch genau so, wenn ich mir Michaela Schäfer oder die Frau vom Lugner ansehe. Johanna Dohnal würde sich im Grab umdrehen angesichts dessen und im Wissen wofür sie so stark gekämpft hat.

Bist du Feminist?

Stefano Bernardin: Ich finde es problematisch, dass es bei derzeit nicht mehr sondern wieder weniger Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern gibt und dass gerade die Sexualisierung so stark zunimmt – vor allem in den sozialen Medien und gerade bei und mit jungen Frauen. Für mich ist das Wort Feminist aber behaftet, ich würde für mich lieber sagen, ich setze mich für die Gleichstellung der Geschlechter ein. Und zwar ohne mit der Wimper zu zucken.

Du bist ja selbst Vater, hast drei Kinder (die Zwillinge sind neun, der ältere zehneinhalb) – welches Wertesystem sollen sie von dir lernen?

Stefano Bernardin: Die Kinder sind ja die Hälfte der Woche bei mir und da sehen sie, was der Papa so macht. Also neben arbeiten auch waschen und kochen und einkaufen gehen - so wachsen sie auf. In dieser Konstellation ist das auch für die Kinder normal, für ältere Beobachter jedoch oft nicht, denn es gibt schon noch einen Zugang der besagt: Wenn du arbeitest, dann konzentriere dich auf die Arbeit. Doch speziell in meinem beruflichen Umfeld haben Mütter und Väter oft beide Elternrollen, das ist nicht mehr so getrennt und es ist doch gut.

Es sind drei Burschen – welches Frauenbild willst du ihnen vermitteln?

Stefano Bernardin: Die Kleinen fangen jetzt erst an, überhaupt zwischen Mädchen und Buben zu unterscheiden. Heuer war der erste Geburtstag, wo kein einziges Mädchen eingeladen wurde. Aber sie dürfen natürlich einladen wen sie wollen, also hab ich das akzeptiert. Sie haben zwar Freundinnen, speziell am Spielplatz sieht man das, aber das sind halt Kumpel. Scheinbar sind sie jetzt in einer Phase, in der ihnen wichtig ist, unter sich zu sein. Und mit mir wollen sie derzeit sowieso gar nicht über Mädchen reden.

Also wirkst du nicht ein in dem Punkt...

Stefano Bernardin: Nein, was ich aber mache ist, dass ich Aussagen hinterfrage wie „Da haben wir dann Mädchenlieder gesungen…“. Ich versuche ihnen zu zeigen, dass es keine Mädchenlieder gibt, denn Burschen können sie genauso singen. Aktuell spielen sie mit ferngesteuerten Autos und neuerdings sind Hubschrauber ein großes Thema, aber bis vor kurzem waren ihre Stofftiere noch sehr wichtig und mit denen haben sie sich auch sehr auseinandergesetzt, haben sich gekümmert und sie mütterlich lieb gehabt. Aber: Ich habe ihnen kein Puppenhaus gekauft, dafür aber auch keine Pistolen.

Du bist auch Teil der Society, musst also dein Privatleben auch teilen. Macht das Spaß?

Stefano Bernardin: Ich versuche Privates auszugrenzen, aber wenn es um Themen, wie etwa jetzt hier um Kindererziehung und ich mir denke, da hab ich schon was zu sagen, dann sag ich das auch gerne. Früher wurde ich ein bisschen in die Society-Rolle gedrängt, das war bei mir damals mit Dancing Stars (2005, Anm. d. Red.) so, aber da war ich halt noch sehr jung. Diese Rolle hat mich aber wirklich eher gestört, ich geh auch nicht mehr auf diese ganzen Charity-Sachen, denn es ist aus meiner Sicht schon absurd: Fressen und Trinken für hungernde Kinder, Tanzen für Gelähmte und Fotos machen für Blinde…

…aber bist du nicht gerade Testimonial für „Licht für die Welt“? Die Kampagne unterstützt du doch, oder?

Stefano Bernardin: Stimmt eigentlich. Ja, da siehst du wie sehr mir das gelungen ist - ein bisschen selbstironisch gesprochen. Im Grunde sind die Events schon oft sehr grenzwertig, aber eine Aktion zu unterstützen finde ich ok.

Stefano, du spielst mit Anfang November die Amnesie-Komödie „Reset“ alles auf Anfang im Wiener Konzerthaus (Premiere: 7. November 2016). Welchen Part hast du?

Stefano Bernardin: Ich bin der uneheliche Halbbruder der Hauptrolle. Ich bin nicht nur homosexuell, sondern eine richtige Tunte, die ich gerne spiele. Das ist vielleicht politisch unkorrekt, aber sonst funktioniert das Stück nicht. Außerdem muss Theater, aber auch Kabarett immer auch politisch unkorrekt sein.

Fällt dir das leicht? Einen tuntigen Schwulen zu spielen?

Stefano Bernardin: Ja, das ist kein Problem für mich. Unlängst wurde ich bei einem Fest sogar gefragt ob ich schwul sei. Und für mich war diese Frage ein echtes Kompliment, weil oft fällt den Leuten bei mir eher so ein Blödsinn wie Italiener oder Latin Lover ein. Aber bei dieser Frage bin ich dahingeschmolzen, das hat mir sehr geschmeichelt...

Und woran hat die Dame ihre Frage festgemacht?

Stefano Bernardin: Sie hat gemeint, dass ich so viele feminine Züge in meinen Bewegungen habe und das hab ich schön gefunden.

Sag, hast du künstlerisch denn noch große Ziele? Willst du am Theater bleiben oder wieder mehr Fernsehen machen?

Stefano Bernardin: Ich hab jetzt gerade wieder gedreht, eine große Produktion von ORF und Sat1, das wird ein Film 2017 und heißt „Die Ketzerbraut“ - ich mache auch gerne Fernsehen, würde gerne auch wieder mehr machen. Aber das Theater wird in meinem Leben immer enorm wichtig sein. Dieser unmittelbare Raum in dem man sieht, was entsteht, den liebe ich.

 

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