Stefanie Sargnagel: "Vielleicht überlegt er es sich bei der nächsten Frau zweimal"

Stefanie Sargnagel hat einen Mann angezeigt, der sie im Zug sexuell belästigt haben soll. Die Ermittlungen sind im Gange, der Mann leugnet die Tat. Wir haben mit der Autorin gesprochen - über gute Schaffner und schlechte Berichterstattung.

Stefanie Sargnagel sitzt in einem Zug nach Graz, als ein Mann neben ihr Platz genommen und sie sexuell belästigt haben soll. Später teilt die Autorin den Vorfall öffentlich in den sozialen Medien. Lapidar und gesellschaftskritisch, wie man es von ihr gewohnt ist: "Ich dachte, man ist als 33-Jährige endlich immun gegen Öffiwichser. Pfui Deiwel!"

Das aber bleibt nicht das Einzige: Sargnagel wehrt sich rechtlich gegen die mutmaßliche Belästigung, sie erstattet Anzeige. Auch wegen des professionellen Auftretens des Schaffners und der Polizei, wie sie im Gespräch mit der WIENERIN betont: "Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, die Polizei zu holen oder den Mann anzuzeigen, aber der Polizist meinte: 'Wenn er sie angegriffen hat, können sie ihn wegen Belästigung anzeigen.'Das hat mich ermuntert."

Solche Berührungen sind seit der Strafrechtsreform 2016 laut Paragraph 218 StGB strafbar. Bis zu sechs Monate Freiheitsstrafe oder Geldstrafen können "unerwünschte Berührungen an Körperstellen" nach sich ziehen - zumindest in der Theorie. Die Verurteilungsrate bei sexuellen Belästigungen und Gewalttaten ist in Österreich generell niedrig. Das weiß auch Sargnagel: "Mir ist klar, dass die Beweislage da dünn ist und es wahrscheinlich keine Konsequenzen hat, aber vielleicht überlegt er sich es bei der nächsten Frau zwei Mal, ob er das wieder versucht."

Dennoch: Es scheint sich etwas bewegt zu haben. Darauf lassen die Reaktionen des Schaffners und des Polizeibeamten hoffen: "Ich kann mir gut vorstellen, dass Männer da viel sensibler sind, dadurch dass diese Themen stark in der Öffentlichkeit waren", so Sargnagel. "Ich fand den Umgang super."

Wie man mit "Öffi-Wichsern" umgehen soll

Das rasche Handeln des Schaffners sei vorbildhaft, bestätigt auch Daniel Pinka, Pressesprecher der ÖBB: „Wir informieren bei allen internen Schulungen, dass Beschwerdeführer dahingehend informiert werden sollen, umgehend Anzeige bei der Polizei zu erstatten.“ Betroffene sollen sich „im Fall der Fälle unbedingt beim Zugteam melden“, so Juliane Pamme, Pressesprecherin der ÖBB, gegenüber WIENERIN. Beim Griff zu den Notsprecheinrichtungen, mit denen alle Züge ausgestattet sind, solle also nicht gezögert werden. Auch im Anschluss nehme die ÖBB jeden Vorfall sehr ernst: „Die KollegInnen der Beschwerdeabteilung informieren die interne Vorfallsuntersuchung und die Konzernsicherheit. Zusätzlich erfolgt eine empathische Rückmeldung an den/die KundIn; unter anderem mit dem Verweis auf eine Anzeige bei der Polizei inklusive Personenbeschreibung“, so Pamme auf Nachfrage der WIENERIN. Die Maßnahmen scheinen zu greifen: Die Anzahl der Beschwerden bezüglich Belästigung im Zug sei laut der Pressesprecherin in den letzten Jahren stabil und im heurigen Jahr sogar rückläufig.

Einen ähnlichen Trend beobachte man auch bei den Wiener Linien, wie Christoph Heshmatpour aus der Unternehmenskommunikation gegenüber der WIENERIN bestätigt: „Das Sicherheitsgefühl unserer Fahrgäste ist durch unsere Sicherheitsoffensive der vergangenen Jahr stark gestiegen. 76 Prozent fühlen sich in den U-Bahnen sicher. Vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei 57 Prozent.“ Seit Jahresbeginn sei das Thema Frauensicherheit bei den Wiener Linien ein spezieller Schwerpunkt in der Ausbildung der SicherheitsdienstmitarbeiterInnen geworden. Die Workshops, die in Kooperation mit dem Frauenservice Wien (MA 57) umgesetzt werden, müssen alle MitarbeiterInnen des Sicherheitsdienstes in einem neuen Ausbildungsmodul absolvieren.

Klar ist: Im Zweifel ist es ein Notfall.

von Christoph Heshmatpour von den Wiener Linien

Auch die Sicherheitsmaßnahmen für die Fahrgäste seien in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut worden: „Unser Sicherheitsteam wird aktuell auf 120 MitarbeiterInnen aufgestockt. 13.000 Videokameras, deren Material bei Anzeigen wegen sexueller Belästigung direkt der Polizei zur Verfügung gestellt wird, und 2.500 Notsprecheinrichtungen stehen im U-Bahnnetz zur Verfügung“, so Heshmatpour. Fahrgäste und speziell Frauen sollen ermutigt werden, ebendiese Sicherheitseinrichtungen zu verwenden – und immer dem Bauchgefühl, das auch Sargnagel in ihrem Posting thematisierte, zu vertrauen, denn: „Klar ist: Im Zweifel ist es ein Notfall.“

Die Polizeidirektion Niederösterreich, deren Beamten beim Vorfall mit Sargnagel im Einsatz waren, empfiehlt Betroffenen sexueller Belästigung, sich so schnell wie möglich zu melden und Anzeige zu erstatten. "Je eher die Anzeige erstattet wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit den bzw. die Täter auszuforschen und zur Anzeige zu bringen," betont Pressesprecher Raimund Schwaigerlehner. Die Polizeibediensteten würden bereits in der Grundausbildung über das richtige Einschreiten bei sexuellen Belästigungen geschult und sensibilisiert.

Auch Sargnagel findet es wichtig, sich gegen Belästigungen zu wehren: "Wenn es einem für einen selbst zuviel Action ist, Radau zu machen, sollte man es den jungen Frauen zuliebe machen, die man eventuell schützen könnte oder sich an Securities wenden. Solche Dinge im öffentlichen Raum passieren einem ja am häufigsten wenn man grad in der Pubertät ist, weil die Täter davon ausgehen, dass man viel unsicherer ist. Viele Frauen verfallen auch in eine Art Starre, was man dagegen tun kann, weiß ich leider nicht, das passiert mir Gott sei Dank nicht, ich werde da eher wütend."

Müssen UserInnen sexuelle Belästigung diskutieren?

Im Internet ist dann alles wieder ein bisschen anders. Auf krone.at musste die Kommentarfunktion deaktiviert werden, zu untergriffig und beleidigend waren die Wortmeldungen. "Es hat natürlich viel damit zu tun, dass es mir passiert", sagt Sargnagel. "Daran zeigt sich halt die ganze Verlogenheit der selbsternannten Frauenschützer. Sobald es ein Migrant ist, sorgen sie sich um das Wohl der Frauen. Bei einer Frau, die als links oder feministisch wahrgenommen wird, hagelt es im Gegenteil Vergewaltigungswünsche, Beleidigungen und Belästigungen werden heruntergespielt. Da wird es dann immer sehr deutlich, dass es diesen Menschen nie wirklich um die Unversehrtheit von Frauen geht, sondern einzig um die Befeuerung von Fremdenhass. Ich finde das interessant, wie das Thema dann politisiert wird. Jeder, der etwa eine jugendliche Tochter hat, egal aus welchem Lager, sollte doch ein Bewusstsein dafür haben, dass solche Belästigungen Alltag sind."

Den Hasspostern geht es nie wirklich um die Unversehrtheit von Frauen, sondern einzig um die Befeuerung von Fremdenhass.

von Stefanie Sargnagel über Berichterstattung zu sexueller Belästigung

Hate-Clickbaiting schadet Betroffenen

Öffentlich über Erlebnisse sexueller Belästigung oder Gewalt zu sprechen, hat für Frauen oft postwendend unangenehme, bis hin zu bedrohlichen, Konsequenzen. Aus so wird Frauen die Stimme genommen. "Ich hatte jetzt kein großes Interesse daran, dass das von den Medien aufgegriffen wird und hab damit gar nicht gerechnet, da es ja ein ziemlich alltäglicher Vorfall ist. Sobald das nämlich in den Medien verhandelt wird, kann man mit hunderten Belästigungen in sozialen Medien und direkt via Email rechnen", weiß Sargnagel.

Berichterstattungen zu jeder Form von sexueller Belästigung sind wichtig, um Öffentlichkeit und Bewusstsein zu schaffen - nur müssen Medien hier verantwortungsvoll handeln. Victim Blaming oder Verharmlosungen dürfen in Berichten keinen Platz haben. Sargnagel sieht etwa reißerische Headlines kritisch, auf Twitter spricht sie von "Hate-Clickbaiting". Ein Vorwurf, der nicht nur für Boulevardmedien gilt: "Ich finde es schade, wenn seriöse Medien beginnen, Artikel nur wegen dem Aufregungspotential zu veröffentlichen. Ich verstehe auch nicht, warum man bei solchen Themen unbedingt Userkommentare braucht, die sich gegenseitig in ihrem Frauenhass aufstacheln. Das Kunst oder Satire halt auch provokativ sein muss, das ist für mich klar, seriöser Journalismus hat eine andere Aufgabe."

 

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