Stefanie Sargnagel: "Erfolg würde die Pointe in meiner Biografie kaputt machen"

Eine, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Der Liebling der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur Stefanie Sargnagel im Interview.

"Nächstes Jahr komm' ich!" Diesen Eintrag hat Stefanie Sargnagel im vergangenen Jahr im Gästebuch des Bachmann-Preises hinterlassen, als sie für eine Reportage wenige Stunden in die Atmosphäre der "Tage der deutschsprachigen Literatur" hineinschnupperte. Heuer kommt die 30-jährige Autorin und Zeichnerin tatsächlich wieder nach Klagenfurt. Als einzige österreichische Teilnehmerin.

"Ich hatte es mir viel größer und eindrucksvoller vorgestellt. Es war aber alles recht unspektakulär", erinnert sich Sargnagel im Gespräch mit der APA an ihre letztjährige Erfahrung. "Den Eintrag hab ich natürlich als Witz gemeint." Ihre Reportage für Bayern 2 trug damals den Titel "Wie Deutschland sucht den Superstar für Streber". Nicht gerade etwas, mit dem sich die Wiener Schulabbrecherin, die sich bis vor wenigen Monaten ihren Lebensunterhalt im Callcenter der Rufnummernauskunft verdient hat, bisher sonderlich identifiziert hätte.

Von der Schulabbrecherin zur Zeitgeist-Autorin

Sie selbst sei lange "eine gute Schülerin, die aber auch goschert war", gewesen, erzählt die Hernalserin. "Irgendwann bin ich nicht mehr viel in die Schule gegangen. Da war ich dann eine schlechte Schülerin, die goschert war. Das war eine deutlich schlechtere Ausgangsposition." Auch Abendschule und Kunst-Uni konnten sie nicht lange halten, desaströs geriet auch das Aufnahmeverfahren an der Akademie für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst. Mit ihren kurzen Facebook-Texten schaffte sie zwar die erste Runde im Aufnahmeverfahren, "dann gab es aber ein Jury-Gespräch und eine sechsstündige Prüfung, bei der man eine Art Aufsatz zu einem richtigen Thema schreiben musste. Das war wie eine Schularbeit. Da wusste ich, das ist auch nicht so mein Ding."

Callcenter-Anekdoten und Facebook Poesie

Sargnagels Ding sind kurze, witzige, lakonische Texte, Miniatur-Dialoge aus dem Callcenter, Alltagsbeobachtungen, Aphorismen und Kommentare, die sich kein Blatt vor den Mund nehmen. "Mein Lieblingsfach in der Schule war Ofen rauchen" etwa, oder: "Wenn Kardinal Schönborn eine rote Mütze trägt, wisst ihr, dass die Kirche mich gepfändet hat." Damit fand sie auf Facebook eine rasch wachsende Anhängerschar. Als diese in geballter Buch-Form - "Binge Living - Callcenter-Monologe" (2013) und "Fitness" (2015) - ihren Witz keineswegs verloren, nahm eine erstaunliche Karriere ihren Anfang, die Stefanie Sprengnagel (wie sie eigentlich heißt) aus dem Gemeindebau ins Museum und zum Bachmann-Wettlesen führte.

"Ich finde, Erfolg würde die Pointe in meiner Biografie kaputt machen", hat sie einmal geschrieben. Heute ist sie zwar ganz froh, dass sie "ja doch noch irgendwie die Kurve gekratzt" hat und nicht mehr von 700 Euro für einen 20-Stunden-Job leben muss ("Das war zwar kein Problem für mich, ein bisschen hatte ich aber schon Zukunftssorgen."), wundert sich gleichzeitig aber auch über den Hype, der um sie entstanden ist. Ihre zum Markenzeichen gewordene rote Mütze ist derzeit bei einer Ausstellung zur Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes im Wien Museum zu sehen. "Dort ist sie jetzt auf 1.000 Euro versichert, obwohl sie nur 15 Euro gekostet hat. Hoffentlich wird sie gefladert. Dann kann ich mir ganz viele Mützen kaufen."

Sargnagel beim Bachmann-Preis

Und obwohl sie sich im Literaturbetrieb weiterhin als Außenseiterin fühlt, ist sie ab 29. Juni beim heißesten Live-Event des Literaturjahres dabei. Wie kommt das? "Zwei Juroren haben mir geschrieben, ob ich was hinschicken will. Ich fand das eine super Chance, ich wüsste nicht, warum ich da anti sein soll. Ich hatte aber bis zwei Tage vor Abgabeschluss noch keinen Text." Das in zwei Nächten entstandene elfseitige Resultat fanden dann sowohl Sandra Kegel als auch Klaus Kastberger gut.

Wenn Sargnagel nun auf Einladung der "FAZ"-Redakteurin in den Ring steigen wird, "will ich einfach einen lustigen Text vorlesen und fertig. Ich finde es pseudo, was Provokatives zu machen. Ich finde meine Sachen ja gar nicht sooo unkonventionell, ich finde eher schräg, dass sie als freakig und unkonventionell wahrgenommen werden. Humoristisches Erzählen hat doch eh Tradition. Ok, es ist vielleicht ein bisschen derberer Humor..."

"Wenn ich Zeilenbrüche einbauen würde, wäre es halt Lyrik"

Den Literaturbetrieb findet Stefanie Sargnagel vergleichsweise spießig. "Es kommt mir alles hochkultureller vor, nicht so zeitgenössisch, wo alles Neue gleich geschnappt und begrüßt wird. In der Literatur kann man noch mit etwas anecken, was in der bildenden Kunst und in der Musik längst normal ist." Kritikern, die bezweifeln, dass Statusmeldungen sozialer Netzwerke gleich Literatur seien, wirft sie oberflächliche Lektüre ihrer Texte vor. "Es gibt eben verschiedene Formen von Literatur. Was soll es sonst sein? Witze sind ja auch Literatur. Wenn ich Zeilenbrüche einbauen würde, wäre es halt Lyrik."

Sargnagels Texte sind Teil eines Gesamtprojekts, in dem ihre Person und ihre Zeichnungen eine fast ebenso große Rolle spielen. "Zeichnen hab ich immer am liebsten gemacht. Grafikerin oder Cartoonistin war mein Berufswunsch. Meine Fanzines mit kurzen Texten und Cartoons sind gut gegangen. Bei den kleinen Cartoons hab ich mich immer mit roter Kappe und Bier und Tschick gezeichnet. Die Leute denken immer, es ist eine bewusste Inszenierung, aber ich mache das ohne große Überlegung. Ich habe halt Eigenschaften von mir überspitzt, wie das eben Humoristen oder Kabarettisten auch tun."

Ihre Cartoons? Zu witzig, zu cartoonhaft oder einfach zu schlecht gezeichnet

Weil sie sich nicht als Kunstfigur sieht, nimmt sie sich auch die Freiheit, dem Klischee nicht zu entsprechen. Beim Interview bestellt sie Soda-Zitron und wehrt den Verdacht, es handle sich um einen bewussten Stilisierungsbruch schulterzuckend ab: "Es ist auch ok, dass sich Menschen ändern. Ich muss jetzt nicht bis 50 ein Dosenbier-Punk bleiben... Mein Problem war immer, dass ich nirgendwo hineingepasst habe: Meine Cartoons und kleinen Texte waren für die Literatur zu witzig, für die bildende Kunst zu cartoonhaft, für die Comicszene zu schlecht gezeichnet."

Gerade das Unangepasste könnte beim Bachmann-Preis aber überzeugen. Ihr selbst gezeichnetes und von einem Kollegen animiertes, super-lakonisches Porträtvideo (O-Ton: "Meine Mutter fand mich 1986 in der Hofer-Filiale Bergsteiggasse zwischen den Aufbackbroten. Sie nahm mich mit nach Hause und zog mich mit viel Liebe auf.") hat ihr jedenfalls bereits viel Spaß gemacht und könnte zum Auftakt einer Animations-Video-Serie werden.

Auch Tex Rubinowitz, dessen Comic-Workshop an der Kunst-Uni Linz Sargnagel nach seinem Bachmann-Preis interimistisch übernahm, war 2014 als Outsider ins Rennen gegangen. "Es kann aber natürlich sein, dass sie das jetzt schon mal hatten und wieder zum Seriösen zurückwollen. Ich will nicht mit hohen Erwartungen hingehen und dann enttäuscht sein. Da gehe ich lieber mit niedrigen Erwartungen hin und gewinne dann den Preis", sagt Sargnagel. Dieses Spannungsfeld zwischen großem und kleinem Ego, zwischen utopisch und dystopisch, zeichnet auch ihre Texte aus. "Wenn ich komme, seid ihr blamiert", lautet etwa ein Eintrag in "Fitness". Und wenige Seiten später: "Wovor hab ich eigentlich solche Angst?! Ach so, weiß schon wieder."

 

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