Ständig online - Macht das unser Gehirn noch mit?

24/7 ONLINE. E-Mails checken, Facebook-Status updaten, Nachrichten lesen, telefonieren, Fotos auf Instagram hochladen, SMS schreiben und dazwischen noch ein Buch querlesen: Macht unser Hirn das noch lange mit?

Ständig Online Gehirn

Was passiert, wenn Sie einen Tag lang Ihr Smartphone abschalten? Wir verraten Ihnen ein Geheimnis: gar nichts! Oder besser gesagt: keinesfalls etwas Schlimmes! Irmgard hat diese Erfahrung gerade hinter sich. Nicht nur für einen Tag, sondern eine ganze Woche lang hat die 42-jährige Abteilungsleiterin eines großen IT-Konzerns Urlaub vom Handy, Auszeit von der Erreichbarkeit genommen. In der Almhütte im Lungau auf 1.900 Metern Seehöhe hat sie eine neue Sicht auf ihr Leben bekommen. "Hörbücher habe ich mir auf meiner Digital-Detox-Kur erlaubt und mir Mail halten! von Anitra Eggler angehört. Ich musste lachen und weinen - denn was die Expertin da sagt, ist hart und trifft auf mich total zu." Die Digital-Detox-Pionierin Eggler (Mail halten! Die beste Selbstverteidigung gegen Handy-Terror, E-Mail-Wahnsinn & digitale Dauerablenkung, Nova Md, € 25,70) formuliert es tatsächlich schonungslos:"Wir sind dauerabgelenkt statt aufmerksam. Wir reagieren, statt zu agieren. Wir sind überkommuniziert, aber uninformiert."

Die permanente Erreichbarkeit und ununterbrochenes Multitasking verursachen Chaos im Kopf. Wir wissen nicht mehr, wer uns was erzählt hat, wo wir was mit wem besprochen haben, was eigentlich der Inhalt des Artikels war, den wir gerade gelesen haben, oder schlimmer noch: Wir sind uns nicht einmal mehr 100-prozentig sicher, ob wir etwas selbst erlebt oder doch nur in einer Serie gesehen haben.

Hirn abschalten

Sind wir schon komplett gaga? Und: Kann man uns noch retten? Wir haben beim Neurobiologen, Hirnforscher und Autor Bernd Hufnagl (Besser fix als fertig: Hirngerecht arbeiten in der Welt des Multitasking, Molden Verlag, € 22,99), nachgefragt. "Es stimmt tatsächlich, dass die exzessive Nutzung digitaler Medien unsere Gehirnstruktur verändert. Wer ständig digital kommuniziert, wird nachweislich ungeduldiger und oberflächlicher. Menschen haben Schwierigkeiten damit, anderen zuzuhören oder sich ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer; wir brauchen immer länger, um abzuschalten."

Menschen haben Schwierigkeiten damit, anderen zuzuhören oder sich ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer; wir brauchen immer länger, um abzuschalten.

von Bernd Hufnagl

Bumm. Mit einer Langzeitstudie lieferte Hufnagl sogar den wissenschaftlichen Beweis für seine Aussage. Für fünf Minuten wurden die Menschen von ihrem Arbeitsplatz weg in einen leeren Raum gebeten, wo sie an ein EKG angeschlossen wurden. Ihr Job: Gehirn abschalten! 2004 schafften es 30 Prozent der TeilnehmerInnen, ihr System runterzufahren und zu entspannen, 2018 scheiterten 95 Prozent an dieser simplen Aufgabe. Das Problem: Die Regenerationsfähigkeit sinkt nicht nur, das Gehirn beginnt, sich aus Verzweiflung zu "optimieren", und verbleibt im Funktionsmodus. Dabei funktioniert es nur im -wie Hufnagl es nennt - "Tagträumermodus", über uns und andere nachzudenken, den Blick auf unser Leben zu bekommen, Empathie zu entwickeln und die richtigen Entscheidungen zu treffen. "Im Tagträumermodus bekommen wir die für uns so wichtige Außenperspektive auf unser Leben, was uns das Reflektieren und Relativieren ermöglicht", konkretisiert der Experte. Dieses wichtige Netzwerk im Gehirn wird aber erst dann mobilisiert, wenn wir nicht zielgerichtet denken.

Handy abschalten

"Tagträumermodus klingt easy. Krieg ich hin!", dachte sich Irmgard, bevor sie den Ausschaltknopf ihres Smartphones betätigte. "Es ist eigentlich beschämend, aber ich muss mir eingestehen, dass ich anfangs wirklich überhaupt nicht wusste, was ich eigentlich machen soll. Ich habe mir sogar eingebildet, mein Handy zu hören, obwohl ich wusste, dass es aus war. Und ich weiß, es ist eigentlich perfide, aber ich hatte auch Angst, etwas zu versäumen beziehungsweise wollte ich einfach wissen, was los ist auf meinen Social-Media-Kanälen." Eine völlig normale Reaktion, wie Bernd Hufnagl bestätigt. Zwei urmenschliche archaische Triebe spielen hier eine Rolle: Angst und Neugierde. Wenn wir auf unser Smartphone schauen, tun wir nämlich nichts anderes, als diese Triebe zu befriedigen. Unser Gehirn folgt nach wie vor einer Logik, die wir früher zum Überleben gebraucht haben. Wir können gar nicht anders, wir müssen nachschauen, wenn wir ein Geräusch wahrnehmen -es könnte ja ein gefährliches Tier sein, das uns um die Ecke bringen möchte. In der Medizin wird das Phänomen FOMO (Fear of missing out) als suchtähnlicher Zustand beschrieben. Fakt ist: Unsere zwischenmenschliche Kommunikation hat sich dadurch verändert. Liegt das Smartphone am Tisch, fällt es uns schwer, dem Gegenüber zuzuhören. "Wir können allenfalls anhören, was der Mensch zu sagen hat, aber das hat nichts mit Zuhören zu tun", sagt Hufnagl.

Der Homo digitalis verbringt 250 Tage seines Lebens mit Löschen von E-Mails, aber nur 14 mit Küssen.

von Anitra Eggler

Ja, es scheint, dass das größte Geschenk, das man heute jemandem machen kann, die ungeteilte Aufmerksamkeit ist. Oder wie Anitra Eggler meint: "Die wertvollste Währung unserer aktionistischen Sofortness-Gesellschaft ist Zeit. Der Homo digitalis verbringt 250 Tage seines Lebens mit Löschen von E-Mails, aber nur 14 mit Küssen." Das kann man ändern. Das muss man ändern. Denn auch, wenn Sie zu den Digital Natives zählen und Sie sich, wie wissenschaftlich nachgewiesen ist, vom Multitasking nicht mehr so stressen lassen, weil sich das Gehirn quasi softwaremäßig schon angepasst hat, gilt: Wer versucht, alles gleichzeitig zu machen, macht am Ende gar nichts richtig. Daher ergeht der ermutigende Ratschlag der ExpertInnen an alle: einfach mal E-Mail-Öffnungszeiten einführen. Handy abschalten. Tagträumen. Zuhören. Meditation lernen. Aktiv Musik machen.

 

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