Stadt, Land, Frust?

Viele Städter träumen vom Land: Weil uns eine Existenz „dort draußen“ natürlicher erscheint, näher am Leben, vielleicht auch glücklicher. Aber kann das gut gehen, als Citymensch aufs Land zu ziehen? Ein Dossier von Mareike Steger über die Diskrepanz zwischen zwei Welten und die Frage, ob wir diese auch vereinen können.

Plötzlich spielen wir verkehrte Welt

Noch vor wenigen Jahren konnte es uns nicht schnell genug gehen, vom Landei zum Großstädter zu werden. Keine Metropole war uns zu groß, kein Weg zu beschwerlich - Hauptsache, nicht wie Mama, Papa, Oma, Opa und der Rest der Großfamilie auf dem Land versauern. Wir wollten schließlich vom echten Leben kosten, statt weiter den Paradeisern beim Wachsen zuzuschauen. Und heute? Würde sich die Jungausgabe von uns verwundert die Augen reiben angesichts unserer Wehmut nach dem Land.

Romantikindustrie

Praktisch, dass sich auch gleich eine ganze Industrie um diese Neoromantisierung gebildet hat, die uns bedient und gut an uns verdient: Im Supermarkt steht Marmelade „wie die von Oma". Der Verein Perma Vitae bietet Städtern kostenpflichtige Seminare an, in denen sie von der Pike auf lernen, wie das eigentlich geht, Landwirtschaft und Tierhaltung. In den Zeitschriftenregalen stapeln sich Titel mit erdig duftenden Namen wie Servus, Landlust, Land & Berge. Auch der Buchmarkt ist auf den Trend aufgesprungen, mit Sachbüchern und Romanen, die mit dem Klischee vom heilen Landleben spielen. Und in der Seestadt Aspern im 22. Wiener Bezirk kann seit 1. Juni jeder beim „Urban Gardening" das Land in die Stadt holen - schön Gemüse pflanzen, Kräuterspiralen basteln, Komposthaufen anlegen. Was ist da bitte los?

Wunsch: Artgerechte Haltung

Antwort darauf hat Andreas Weber, Naturphilosoph, Biologe und Autor von Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur (€ 18,50, Ullstein-Verlag): „Menschen suchen das Landleben, weil jeder Mensch das Leben sucht. Und das Landleben mit seiner Versprechung von mehr Natur ist ein Versprechen für eine bestimmte Art von mehr Lebendigkeit." Unsere Zeit habe nämlich grundsätzlich ein Problem, meint Weber: Uns allen fehlt Lebendigkeit, wir sind ausgerichtet auf Effzienz, Nutzwert, Optimierung. „Der Wunsch, aufs Land zu ziehen, ist vielleicht der verzweifelte Versuch, wieder artgerechter zu leben."

Wagnis Land

Wir haben für dieses Dossier drei Frauen gefunden, die tatsächlich die Stadt fürs Land aufgegeben haben. Ein Weg gegen den Trend: Denn nach wie vor ist, so die Statistik, der Zustrom in die Städte ungebremst. Dass viele anscheinend nur vom Land träumen und nicht wirklich dorthin umziehen, erklärt Naturphilosoph Weber so: „Als Menschen brauchen wir Bindung zu anderen, und als Lebewesen, die zoologisch Tiere sind, fühlen wir uns in wilder Umgebung wohl." Außerdem könne man sich ja heutzutage auch in der Stadt lebendig fühlen: „In kleinteiligen Vierteln, wo Menschen zu Fuß gehen, miteinander reden und Urban Gardening betreiben, herrscht ja etwas Dörfliches." So kommt es dann auch, dass sich in Kärnten, der Steiermark sowie in den nördlichen Grenzregionen von Nieder- und Oberösterreich die Bevölkerung ausdünnt - Sehnsucht nach dem Land hin oder her. Und das hat Krisenfolgen, weiß Martin Heintel, Professor für Humangeographie an der Uni Wien: „Was zunehmend fehlt, ist die Infrastruktur im Ortskern, ob Post, Greißler oder Wirtshaus. Die Landwirtschaft ist ausgereizt und die Intelligenz wandert ab, weil Arbeit fehlt und urbanes Leben ansprechender erscheint." Bleibt die Frage: Kann das Land für mehr Zuzügler wieder attraktiv werden? Oder taugt es halt doch nur zum Traum, den man keiner Realitätsprüfung unterziehen will?

Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur
von Andreas Weber
€ 18,50, Ullstein-Verlag

Landfrust
von Axel Brüggemann
€ 15,40, Rowohlt-Verlag
Neue Ideen braucht das Land – Trends und Visionen für das Landleben 2030

„Die Landgestalter“ werden aktiv und rufen zur regen Mitgestaltung und Förderung des ländlichen Raums auf.

Seniorenwohngemeinschaften auf Bergbauernhöfen, Car- und Traktorsharing-Initiativen, vegane Dorfgasthäuser, Internet-Cafés am Hauptplatz. Wie sieht das Landleben im Jahr 2025 aus? Verarmte, leere Landstriche durch Arbeitslosigkeit und Abwanderung oder lebendige, boomende Regionen?

Der neu gegründete Verein „Die Landgestalter“ setzt sich für die Entwicklung, Gestaltung und Förderung eines modernen, innovativen Landlebens für jedermann/frau ein.

Umgesetzt werden sollen die Ziele der Landgestalter u.a. durch die Schaffung der interaktiven Netzwerkplattform: www.dielandgestalter.at.
 

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