Spermidin: Warum wir jetzt alle intervallfasten sollten

Leerer Teller mit Besteck und Wecker

Verzicht ist gerade sehr trendig und unseren Körper freut's. Medizinisch begleitet können wir sogar über mehrere Wochen ohne Essen auskommen. Dabei geht es nicht ums Hungern, sondern um einen wissenschaftlich erwiesenen Jungbrunneneffekt.

Autophagie: So funktioniert das Zellrecycling

2016 ging der Nobelpreis für Medizin an den Japaner Yoshinori Ohsumi, weil er die Mechanismen hinter der sogenannten Autophagozytose oder Autophagie entschlüsselt hat: Essen wir für mindestens 16 Stunden nichts und trinken nur Wasser, stellt der Körper auf die „Ernährung von innen“ um. Bei diesem Zellrecycling richtet sich der gesamte Stoffwechsel darauf ein, in den Zellen gespeicherten Abfall abzubauen, sodass sich der Körper dadurch selbst reinigt. Mittlerweile weiß man auch: Eine Störung dieser Zellfunktion kann mit Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Morbus Parkinson in Verbindung gebracht werden. Ca. zwölf Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme passieren im Körper die ersten Umstellungsmechanismen des Stoffwechsels. Dann werden die Zuckerspeicher geleert, Fette werden aus den Fettspeichern abgebaut und weniger Eiweiß wird gebraucht. Der Effekt setzt auch ein, wenn wir, wie beim Intervallfasten, stundenweise auf Essen verzichten. Erlaubt sind in dieser Zeit nur Wasser und ungesüßte Tees. Alles, was den Blutzucker nach oben schnellen lassen würde, wie Säfte, Suppen oder Ähnliches, wäre kontraproduktiv.

Was ist Spermidin?

Verzichtet man mindestens 12 Stunden (besser wären sogar 16 Stunden mit Intervallfasten) auf Nahrung, produziert unser Körper Spermidin, um die Autophagie – also das Zellrecycling – zu aktivieren. Gesunde Zellen nutzen diesen Prozess, um beschädigtes Zellmaterial und Abfallprodukte des Zellstoffwechsels abzubauen. Spermidin ist ein sogenanntes Polyamin und kommt in unserem Körper ganz natürlich vor. In höchster Konzentration in Samenflüssigkeit (was den Namen erklärt), aber auch in Lebensmitteln wie Spinat, Brokkoli, Nüssen, Soja oder Weizenkeimen. Auch aus diesem Grund boomt der Markt mit Nahrungsergänzungsmitteln, die Spermidin vor allem aus Weizenkeim- oder Sojabohnenextrakt enthalten. Ein Team rund um die Grazer Forscher Frank Madeo und Tobias Eisenberg hat vor rund zehn Jahren herausgefunden, dass Spermidin auch ganz ohne Fasten den zellulären Reinigungsprozess der Autophagie in Gang setzen kann. Seitdem beschäftigt es weltweit hunderte Forscher*innenteams. Aktuelle Arbeiten zeigen: Spermidin könnte unsere Zellen nicht nur jünger machen, sondern auch in der Virenbekämpfung eine Rolle spielen.

Kann Spermidin wirklich Corona-Viren ausschalten?

Wissenschaftler*innen um den derzeit wohl bekanntesten Wissenschafts-Podcaster Christian Drosten und Marcel Müller (Charité Berlin) haben die Gabe von Spermidin als möglichen Angriffspunkt für die Bekämpfung des Coronavirus (SARS-CoV2 Virus) erkannt.

Die Wissenschaftler*innen konnten in einer Reihe von Experimenten zeigen, dass das Coronavirus den zellulären Prozess der Autophagie drosselt, um sich vermehren zu können. Die aktuelle Forschungsarbeit zeigt, dass das Coronavirus den gesamten Stoffwechsel der Zelle umstellt; vor allem senkt das Virus die Konzentration des vorhandenen Spermidin-Pools stark ab. Im Rahmen der Forschung gaben die Forscher*innen Spermidin zu den infizierten Zellenkulturen, und die Virusvermehrung konnte um rund 85 Prozent gesenkt werden.

Eine zweite Versuchsreihe hat gezeigt, dass eine Vorbehandlung gesunder Zellen mit Spermidin eine nachfolgende Infektion mit Coronaviren vermindert hat. Da frühere Arbeiten von Prof. Katharina Simon aus Oxford bereits gezeigt haben, dass Spermidin die Immunfunktion (vor allem die antivirale Immunantwort durch sogenannte T-Zellen) stärkt, könnte Spermidin somit eine zweifache Wirkung gegen Coronaviren entfalten: durch Hemmung der Virusvermehrung und durch Stärkung des Immunzellpools.

Achtung: Die Ergebnisse wurden als Preprint bei BioRxiv* publiziert und noch nicht von der Wissenschaftscommunity geprüft. Sie sind also Basis für weitere Forschungen und keine gesicherten Daten oder Basis für Gesundheitsempfehlungen.

 

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