Späte Mutterschaft: Ab wann ist eine Frau zu alt für ein Kind?

Frauen, die später Kinder bekommen, sind einer Menge Beurteilungen ausgesetzt. Wir sprechen mit einer Hebamme über gesellschaftliche und medizinische Vorurteile, die auf den Prüfstand gehören.

Frauen, die später Kinder bekommen, sind einer Menge Beurteilungen ausgesetzt

Ab wann ist eine Frau zu alt für ein Kind? Wie sehr darf man sich von Risikowarnungen verunsichern lassen? Und hat es vielleicht sogar Vorteile, spät Mutter zu werden? Wir haben mit Barbara Schildberger gesprochen. Sie ist Leiterin des Studiengangs Hebamme an der FH Gesundheitsberufe Oberösterreich und hat bei einer großen Studie zum Thema Spätgebärende mitgewirkt.

WIENERIN: Vielleicht zuerst eine Begriffserklärung: Ab wann gilt eine Frau als "späte Gebärende"?

Barbara Schildberger: Ab 35 gilt man als "ältere Erstgebärende", wobei diese Definition als Risikopatientin aus den 1950er-Jahren stammt. Mittlerweile wird 40 als Cut-off-Wert für steigende Raten an schwangerschaftsbedingten Komplikationen diskutiert.

Sie kritisieren den Begriff der "Risikogebärenden". Warum?

Weil er angstbehaftet ist und die Frauen verunsichert. 35-Jährige sind heutzutage junge Frauen. Die kann man nicht vergleichen mit der aus den 50er-Jahren, wo die Menschen unter schweren Bedingungen aufgewachsen sind. Bei heutigen 35-Jährigen gab es keine schwere Mangelernährung in der Kindheit oder Ähnliches. Ich glaube, allein die Begrifflichkeit Risikogebärende kann schon etwas auslösen bei den Frauen.

Wird Frauen durch solche Bezeichnungen auch unterstellt, verantwortungslos zu sein – nicht früh genug an die Familienplanung gedacht zu haben?

Hier muss man ein bisschen differenzieren. Wenn in den Medien von 60-, 70-jährigen Frauen gesprochen wird, die sich mithilfe von Reproduktionstechniken zu einer Schwangerschaft verhelfen – das polarisiert auf jeden Fall. Ich würde sagen, bei 35- bis 40-Jährigen erkennen wir dieses Problem noch nicht, aber mit steigendem Alter der Frau bestimmt. 

Bei Vätern stellt im Gegenzug niemand die Frage, bis zu welchem Alter das okay ist …

Im Gegenteil, oder? Aber wir urteilen ja auch sehr schnell über "zu junge" Mütter. Die werden dann medienwirksam vorgeführt – nach dem Motto: "Die sind ja asozial."

Sie haben bei einer Studie zum Thema späte Mütter mitgearbeitet. Was waren die Ergebnisse?

Wir haben mit Registerdaten gearbeitet und über 686.000 Geburten ausgewertet. Wir haben uns aber nur die Häufigkeiten, die Inzidenzen und Prävalenzen angeschaut. Und wir haben herausgefunden, dass die Rate an Kaiserschnittgeburten, an vaginaloperativen Geburten – also mit der Saugglocke – und die Frühgeburtlichkeit auch mit dem mütterlichen Alter ansteigt. Allerdings haben wir keine beeinflussenden Faktoren mit einbeziehen können – etwa Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck … Ich denke, Lifestylefaktoren müssen noch viel mehr in die Beurteilung einfließen.

Sie glauben, dass das eine größere Rolle spielt als das Alter?

Ich glaube, wir müssen differenzierter auf den Begriff Risiko schauen und es als multifaktorielles Geschehen ansehen. Die großen Sprünge in der Inzidenz haben wir erst ab 45 -da haben wir bei Erstgebärenden die höchsten Raten an Komplikationen. Wobei wir hier von der Statistik reden, von Wahrscheinlichkeiten.

Sollte man Frauen mehr über die Risiken einer späteren Schwangerschaft informieren?

Meine Erfahrung als Hebamme war, dass Frauen sehr überlegt in die Schwangerschaft eintreten; sehr bewusst und informiert.

Wir haben viel über Risiken gesprochen. Kann es auch Vorteile haben, später Mutter zu werden?

Ich habe schon die Beobachtung gemacht, dass sich junge Frauen, wenn sie das erste Kind bekommen, mit der Lebensumstellung viel schwerer tun; und dass ältere Frauen sehr bedacht in diesen Kinderwunsch hineingehen. Dass auch eventuell die Beziehungen stabiler sind, die Väter überlegter in den Prozess mitgehen, und dass ältere Väter eine bessere Stütze abgeben als junge Väter, die noch in der Sturm-und-Drang-Phase sind ...

Noch mal zu der Studie: Wenn ich die Ergebnisse richtig verstanden habe, entscheiden sich über 50 Prozent der über 45-jährigen Gebärenden für einen geplanten Kaiserschnitt anstelle einer natürlichen Geburt. Woran liegt das?

Ich glaube, dass man hier einfach jegliches Risiko eliminieren möchte. Und momentan ist der geplante Kaiserschnitt die einzige Möglichkeit, dieses Risiko zu eliminieren.

Sind wir zu sehr besorgt, Risiken zu eliminieren - bloß nichts dem Zufall überlassen?

Ich glaube, die Medizin ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wir versuchen, unser Leben immer sicherer zu gestalten. Wahrscheinlich ist für uns deswegen die Pandemie so schlimm: weil wir einfach nichts mehr einschätzen und eliminieren können.

Abschließend: Was würden Sie einer Frau raten, die mit Ende 30, Anfang 40 ein Kind kriegen will?

Ich würde ihr raten, sich Ärztinnen und Hebammen zu suchen, bei denen sie sich gut betreut fühlt -sowohl medizinisch als auch psychisch. Damit sie sich sorgenfrei auf dieses wunderbare Abenteuer des Mutterwerdens einlassen kann.

 

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