SOS Kinderdorf-Psychologe über die Auswirkungen des Kriegs auf Kinderseelen

Der Krieg in Syrien geht ins fünfte Jahr und hinterlässt vor allem bei Kindern dramatische Spuren. Tausende erleben täglich Zerstörung, Tod und Gewalt. Ein Psychologe von SOS Kinderdorf in Damaskus über die Auswirkungen.

Traiskirchen ist in den letzten Wochen Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gewesen. Die Menschen, die dort leben, haben Schlimmes erlebt. Sie haben Familie verloren, ihr Hab und Gut zurückgelassen und ihre Heimat verlassen müssen.
Diese Flüchtlinge konnten in ein sicheres Land wie Österreich fliehen, das nicht von Krieg bedroht ist.

Doch was passiert mit den Menschen, die zurückbleiben? Mit traumatisierten Kindern, die die Schrecken des Krieges mit ansehen mussten und die ihre Familie verloren haben? Viele von ihnen leiden unter den Folgen des blutigen Bürgerkrieges und nur wenigen konnte bisher geholfen werden.

Die meisten kämpfen mit Depressionen und Angstzuständen und werden leicht Opfer extremistischer Strömungen.

Psychologe Nabil Kafrouni (30) arbeitet im SOS Kinderdorf in Al-Saboura bei Damaskus und behandelt kriegstraumatisierte Kinder.

Er erklärt, welchen Gefahren traumatisierte Kinder ausgeliefert sind und wie man ihnen helfen kann:

Herr Kafrouni, wie reagieren Kinder auf verstörende Kriegserlebnisse?
Kinder, die direkt mit dem Krieg konfrontiert waren, also Tote und Verletzte gesehen haben oder Bombardierungen und Explosionen erleben mussten, verdrängen die Erlebnisse oft. Das wirkt sich enorm auf die seelische Gesundheit aus. Sie entwickeln Phobien.

Wie entwickeln sich diese Phobien später?
Für uns alltägliche Geräuschkulissen werden für sie zur Bedrohung. Diese verursachen Angst und Panik, weil sie die Kinder an bestimmte Erlebnisse in der Vergangenheit erinnern. Andere verlieren das Vertrauen in die Menschen, die sie umgeben. Nach Gewalterfahrungen trauen sie niemandem mehr. Sie entwickeln Depressionen und haben Angst, rauszugehen. Viele zeigen extrem aggressives Verhalten gegenüber ihrer Umwelt und sich selbst.

Was passiert mit Kindern, die keine psychologische Unterstützung erhalten?
Trotz aller Anstrengungen erreichen SOS-Kinderdorf und andere Organisationen wie die UNO oder der Rote Halbmond nur acht bis maximal zehn Prozent der traumatisierten Kinder. Die Folgen einer Nichtbehandlung können erschreckend sein.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Vor sechs Monaten wurden wir auf vier Kinder in einem Park in Damaskus aufmerksam. Sie lebten dort allein, waren offensichtlich Waisen. Zwei der Kinder konnten wir nach Genehmigung von den Sozialbehörden aufnehmen, zwei blieben dort. Die beiden Kinder unter unserer Obhut bekamen sofort psychologische Hilfe. Sie fanden im SOS-Kinderdorf eine Umgebung, in der sie sich sicher fühlen, spielen und mit anderen Kindern interagieren können. Ihre Entwicklung ist positiv. Ihre Aggressionen gegen sich selbst und gegen Mitmenschen nahmen deutlich ab.

Und was passierte mit den anderen beiden?
Die anderen beiden Kinder im Park haben neulich ein Kind getötet beim Versuch, ihm Geld zu stehlen. Sie sind neun und zehn Jahre alt.

Wie behandeln Sie Traumata?
Traumatisierte Kinder suchen ständig Schutz. SOS-Kinderdorf reagiert auf dieses Bedürfnis, indem wir ihnen die Geborgenheit einer Familie und eines stabilen und sicheren Umfelds geben.

Lassen sich die Kinder einfach behandeln?
Viele Kinder müssen zunächst medikamentös beruhigt werden. Dann versuchen wir, sie wieder mit ihrem Umfeld und der Umwelt zu konfrontieren. Zuerst mit Gleichaltrigen und Schritt für Schritt auch mit Erwachsenen. Wir schicken die Kinder zusammen mit Altersgenossen zum Schwimmen oder zum Fussballspielen, damit sie wieder soziale Fähigkeiten ausbilden können und das Vertrauen in die Menschheit zurückgewinnen.

Können Kinder Schutzmechanismen ausbilden, um mit einer Kriegssituation besser umzugehen?
Wenn Kinder Gewalt oder verstörenden Ereignissen ausgesetzt sind, ist es sehr schwer für sie, diese Schutzmechanismen zu entwickeln, wie es normale Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren tun würden. Wir beobachten in Syrien, dass die Kinder sehr schnell erwachsen werden. Ihr Verhalten entspricht nicht dem eines gleichaltrigen Kindes in Europa oder in den USA.

Wie lösen Sie dieses Problem?
In der Therapie versuchen wir sie mit Spielen, Malen und Ähnlichem wieder zu dem Zeitpunkt zurückzuführen, der ihrem Alter entspricht.

Hinterlässt der Krieg eine Generation von Gewalttätern?
Ja, die Möglichkeit besteht. Natürlich heisst das nicht, dass jedes syrische Kind, das während des Krieges aufwächst, zum Gewalttäter wird. Aber die Wahrscheinlichkeit ist deutlich höher bei schwer traumatisierten Kindern, die mehrfach Tod und Gewalt erlebt haben und dadurch komplexe Belastungsstörungen entwickelt haben.

Was ist Ihre Prognose für die Zukunft?
Wenn dieser Krieg nicht aufhört und wir es nicht schaffen, diesen Kindern zu helfen, können sie Verhaltensweisen entwickeln, die für sie auch als Erwachsene nicht kontrollierbar sind. Die Folgen sind Angst, Aggression, Selbstaggression, Depression bis hin zu Kontrollverlust über ihren Körper.

Und die Folgen davon?
Hier ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieser Mensch, wenn er mit Gewalt konfrontiert wird, in alte Muster verfällt. Diese Menschen sind tickende Zeitbomben. Zudem neigen unbehandelte Kinder dazu, sich ein Umfeld zu suchen, in dem sie ihre Aggressionen ausleben können. Für extremistische Gruppierungen sind diese Kinder eine leichte Beute.

Gibt es denn nichts, was dem entgegenwirkt?
Doch. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Kinder eine starke psychische Widerstandskraft entwickeln können. Diese Widerstandskraft entwickeln sie am besten in einer stabilen Familie, die ihnen Schutz und Geborgenheit gibt. Auf diesen Bereich sind wir bei SOS-Kinderdorf spezialisiert. Unsere Programme fokussieren genau darauf.

Das Nothilfe-Programm des SOS-Kinderdorf läuft seit Mitte 2012 und kümmert sich um Familien, die sich in ihrer Heimat auf der Flucht befinden. Die Menschen werden mit Lebensmittel und Hygieneartikeln versorgt, außerdem bekommen Kinder Decken und Bekleidung zur Verfügung gestellt. Die Betreuer in syrischen Kriegsgebieten wurden zur Bewältigung und Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse in Trauma-Bewältungs-Seminaren weitergebildet.

Das Interview wurde von der Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf geführt und WIENERIN online zur Verfügung gestellt.

 

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