SOS Funkstille: Wenn der Partner plötzlich verschwindet

Kontaktabbruch: Aus heiterem Himmel verlässt der Partner die Beziehung, wendet sich die Freundin ab, brechen Töchter mit ihren Müttern. Die Verlassenen bleiben ratlos zurück – nur mit einem „Warum?“. Die WIENERIN hat sich auf die Spurensuche des Schweige-Phänomens begeben.

Mehr als 15 Jahre waren die beiden ein Paar, hatten erst vor 12 Monaten geheiratet. Dann war er plötzlich weg, ohne Ankündigung, ohne ein Wort, nicht einmal ein SMS. Er holte weder seine Kleidung, noch sonst etwas aus ihrem gemeinsamen Leben ab – und selbst als drei Jahre später der Scheidungsrichter fragte, „Ja, und warum eigentlich?“, konnte der Mann nur mit den Achseln zucken.

Das Phänomen Funkstille


Diese Geschichte ist wirklich passiert und sie zeigt, dass es in der Spannbreite an Beziehungsproblemen nicht nur Konflikt, Wut und Aggression gibt, sondern auch die kapitulierende Stille. Das Phänomen „Funkstille“, wie es die deutsche Autorin Tina Soliman in ihrem gleichnamigen Buch über Kontaktabbruch beleuchtet hat, ist ein Beziehungsdilemma, das trotz scheinbarer Dauerkommunikation immer öfter zutage tritt. Und es betrifft nicht nur Paarbeziehungen. Auch Freundinnen, die ohne ein Wort und aus heiterem Himmel weg sind, und Töchter, die sich von ihren Müttern abwenden, senden unbewusst oder bewusst diese „Funkstille“ aus. Um mitzuteilen: „Bitte höre das, was ich nicht sagen kann.“

Tina Soliman hat sich für ihr aktuelles Buch Der Sturm vor der Stille (Klett-Cotta, 217 Seiten, € 19,50) mit der Rolle der Kontaktabbrecher beschäftigt, nachdem sie in Funkstille die Sicht der Verlassenen beleuchtet hatte. Im Gespräch mit der WIENERIN erklärt Soliman, wie es sich mit den sogenannten Opfer- und Täterrollen verhält und dass eine Funkstille sogar zu einer ganz neuen, gereinigten Beziehung führen kann.

Wenn Menschen verschwinden und die Verlassenen ohne Erklärung zurückbleiben – was passiert da?

TINA SOLIMAN: Verlassene erzählen mir oft, dass der Abbruch aus heiterem Himmel kam und es zuvor überhaupt keine Anzeichen oder Signale gab. Doch vor einer Funkstille gibt es immer Botschaften, die jedoch von den Verlassenen nicht entschlüsselt werden können. Der Abbrecher glaubt, dass der Verlassene seine innere Unruhe, also den Sturm, doch hätte bemerken müssen. Später in den Gesprächen mussten die Abbrecher jedoch oft selbstkritisch einräumen, dass sie ihre Einwände nie deutlich ausgesprochen, sich dem anderen nicht erklärt hatten. Für diese Erkenntnis aber braucht es erst einmal Distanz – und Stille.

Welcher Prozess geht einer Funkstille denn voraus?

Oft wurde die Funkstille seit Monaten oder gar über Jahre vorbereitet. Der Bruch scheint zwar im Affekt zu passieren, doch, wie bei einem Schläfer, der einen Terroranschlag vorbereitet, war das Ende über eine längere Zeit vorbereitet. Der Auslöser ist nur der Moment der Entladung! Manchmal weiß aber auch der Abbrecher nicht genau, warum er bricht oder warum er zu diesem bestimmten Zeitpunkt bricht. Die Ursache dieser Handlung könnte in seiner eigenen Biografie liegen. In der Reinszenierung ungelöster Konflikte spielt der Zeitpunkt eine wichtige Rolle, z. B. bricht eine Frau mit 21 Jahren den Kontakt zur Mutter ab. Die Mutter hat ihrerseits den Kontakt zur Mutter mit 21 Jahren abgebrochen. Der Tochter ist dabei nicht bewusst, warum sie diesen Zeitpunkt wählt.

Verlassene ­müssen nicht nur mit dem „­Warum?“, sondern auch mit Kränkungen umgehen. Wie äußert sich das?

Die Funkstille ist eine existenzielle Erfahrung und kann einen Menschen in seinem Selbstwertgefühl komplett destabilisieren. Hier wird nicht nur eines, sondern sämtliche Grundbedürfnisse eines Menschen missachtet: Das wichtigste Bedürfnis ist das nach Bindung, außerdem gibt es das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, nach Lustgewinn und Unlustvermeidung und schließlich das nach Selbstwerterhöhung und Selbstschutz. Diese Grundbedürfnisse prägen unser Erleben und Verhalten. Und durch die fehlende Erklärung bleiben diese Kränkungen auf einem Ist-Stand.

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Wie kann man als Verlassener damit umgehen?

Wenn die Trauer zu groß wird, ist es hilfreich sich professionelle Hilfe zu holen. In der eigenen Aufarbeitung bemerken viele Verlassene auch, dass sie den Partner oder die Freundin in Wahrheit nicht richtig gekannt haben. Die kannten die Daten, aber nicht die damit verbundenen Gefühle! Oft gab es in solchen Beziehungen keinen echten Austausch, keine Intimität. Damit meine ich nicht Sexualität, sondern, dass man den Sprung zu einer echten Intimität wagt, sich ohne Maske dem anderen offenbart, sich traut zu vertrauen. Liebe, Intimität, Nähe hat etwas damit zu tun, sich hinzugeben, sich fallen zu lassen.

Inwieweit trifft Funkstille die Familie, also etwa Töchter, die sich von Müttern abwenden?

Bei meinen Recherchen traf ich tatsächlich am häufigsten auf Töchter, die den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen hatten. Die Erklärung der Tochter war meist dieselbe: „Ich habe mich nicht geliebt gefühlt, so wie ich bin. Meine Mutter hat meine Bedürfnisse nicht erkannt, hingegen ihre eigenen Wünsche auf mich projiziert und von mir erwartet, dass ich ein anderes Leben führe.“ Diese Töchter sind selten gefühlskalt oder egoistisch. Es sind verzweifelte Frauen, die sich nicht anders zu helfen wussten, als sich in den Schutzraum aus Schweigen zurückzuziehen. Ich war früher eher auf der Seite der Verlassenen, aber nach diesen Geschichten weiß ich, wie manipulativ und narzisstisch auch Mütter sein können. Die Töchter hatten zwar häufig auch Partner und eine eigene Familie, konnten bzw. durften jedoch ihr eigenes Leben nicht führen, da sich die Mütter ständig einmischten. Diese Mütter suchten nach der Funkstille selten die Ursachen bei sich selbst. Viele sagten mir, sie wüssten überhaupt nicht, was denn die Tochter plötzlich hätte. In dieser Konstellation wird der Bruch als besonders schamvoll empfunden, denn man hat eben nur eine Mutter und will doch eine gute Tochter sein.

Gerade in Familien wird Verhalten auch gelernt und übernommen, Schweigen als Strafe etwa. Kommt eine Tochter aus diesem Muster überhaupt raus?

Viele Frauen erzählten, dass sie sich geschworen hätten, dass ihnen das mit ihren eigenen Kindern niemals passieren würde. Und dann ist es doch passiert. Ja, aus diesen Verhaltensmustern kommt man sehr schwer heraus. Wenn kein anderes (vermeintliches) Konfliktlösungsmittel als das Schweigen in der Familie gelebt und gefunden wurde, dann wird die Funkstille sozusagen „vererbt“.

Gibt es Opfer und Täter oder ist das keine Kategorie?

Auf den ersten Blick ist scheinbar der Verlassene das Opfer. Doch es gibt auch ein Davor und da stellt sich häufig heraus, dass der Verlassene oft der Dominantere in der Beziehung war, vielleicht selbst Verletzungen verursacht hat und somit auch Täter sein kann. Grundsätzlich ist diese Kategorisierung aber nicht sehr hilfreich, weil es dabei immer nur um Schuld ginge. Doch hier geht es nicht um die Schuldfrage – hier geht es eher um die richtige Dosierung von Distanz und Nähe.

Hat eine Funkstille auch etwas Reinigendes, kann sie ein Neubeginn sein?

Ja, das ist möglich. Auch ich erlebe immer wieder Fälle, in denen Mütter und Töchter oder auch Freundinnen wieder zusammenfinden. Aber solch ein Neubeginn funktioniert nur, wenn beide Betroffenen ernsthaft an sich gearbeitet haben und bereit sind, eine neue, ehrliche Beziehung einzugehen. Wenn es diesen Willen gibt, dann bietet eine Funkstille die Möglichkeit für einen echten Neustart.

 

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