„Sorry, Mister Monsanto, Sie haben das Saatgut nicht erfunden“

Die Ökofeministin Vandana Shiva erzählte uns, wie eine männerdominierte Wirtschaft den Planeten zerstört.

Schon als Kind wollte Vandana Shiva, 1952 in einem kleinen Dorf am Fuß des Himalaya geboren, Wissenschafterin werden. Sie ist promovierte Quantenphysikerin, Umweltschützerin, Feministin und Bürgerrechtlerin, Vorstandsmitglied im Weltzukunftsrat und Trägerin des Alternativen Nobelpreises. Mit uns sprach sie über Feminismus, Gewalt gegen Frauen und welchen ökologischen Problemen sich unsere Welt derzeit stellen muss.

Frau Shiva, was bedeutet Feminismus für Sie?

VANDANA SHIVA: Ich wurde in einer Familie geboren, in der meine Mutter Feministin war, bevor es überhaupt ein Wort dafür gab. Sie hat studiert, wollte jede gläserne Decke durchbrechen, setzte sich für die Bildung von Frauen ein. Auch mein Vater ist Feminist. Ich habe das Leben nicht anders gekannt und wurde da quasi hineingeboren. Für mich war es eine Überraschung zu sehen, wie unterschiedlich Mädchen und Buben draußen behandelt werden – weil es bei uns zuhause nie so war. Die Erfahrungen, die man in einer patriarchalen Gesellschaft macht, zeigen dir aber leider, dass Feminismus nichts Selbstverständliches ist und dass er erkämpft werden muss.

Feminismus bedeutet vor allem eins: ein besserer Mensch zu sein.
von Vandana Shiva

Was würden Sie jungen Mädchen heutzutage raten?

Feministin zu sein, bedeutet, dass jedes Mädchen weiß: sie hat das Potenzial, alles zu erreichen, ihr bestes Ich zu sein. Sie ist ein gleichwertiger Mensch und nicht weniger wert. Und für junge Männer, die auch Feministen sein sollten, ist es die Anerkennung, dass ihre Schwestern nicht Untergebene sind, dass Frauen keine Gewaltobjekte sind. Denn Feminismus bedeutet vor allem eins: ein besserer Mensch zu sein. Feminismus lebt – und jeder der sagt, dass Feminismus vorbei ist, ignoriert die Realität. Es wird sogar schlimmer – Frauen werden immer stärker objektifiziert, sind immer mehr Gewalt ausgesetzt. Die Herausforderung, unsere Menschlichkeit zu kultivieren, ist heute viel größer.

Sie haben das Thema Gewalt gegen Frauen erwähnt. Ist das ein großes Thema in Indien?

Ja, ein sehr großes Thema. Weil patriarchale Gesellschaften eine Struktur der Gewalt in sich tragen. Es gibt ein neues Level, das Männern ermöglicht, Frauen umzubringen. Auf der ganzen Welt gibt es eine neue brutale Gewalt gegen Frauen, die wieder auflebt. Wir brauchen rechtliche Lösungen, aber diese Art von Brutalität ist ein kulturelles Phänomen des Verfalls. Wir müssen kulturelle Wege finden, um wieder mehr Anstand einzufordern.

Denken Sie, dass manche Kulturen frauenfeindlicher sind als andere?

Ich bin Quantenphysikerin. In meiner Weltsicht gibt es keine fixen, essentialistischen Gegebenheiten. Es gibt keine Gesellschaft, die statisch ist. Jede Gesellschaft hat die Kapazität, noch patriarchaler zu werden oder weniger patriarchal zu werden. Auch in Europa werden Frauen unterdrückt – vielleicht nicht mit Waffen, aber immer mit System.

Wir erleben eine neue brutale Gewalt gegen Frauen auf der Welt.
von Vandana Shiva

Sie sind Öko-Feministin. Was kann man sich darunter vorstellen?

Erstens: die Weltsicht, die die Natur als tot definiert, definiert auch Frauen als passiv. Sie zerstört die Kreativität beider und erlaubt Gewalt gegen Frauen und gegen die Natur. Zweitens: diese Weltsicht, die das ermöglicht, ist eine Zusammenkunft des Patriarchats und des Kapitalismus. Diese Sichtweise hat ein Grundprinzip: die Natur ist tot, wir können sie erst kennen, wenn wir sie vergewaltigen, dominieren. Die Geburt einer patriarchalen Wirtschaft, die den Überfluss als oberstes Prinzip hat. Doch wer macht die meiste Arbeit in diesem System? Frauen. Ihre Arbeit wird jedoch nicht als Arbeit angesehen, sie bleibt unsichtbar, unbezahlt. Ein patriarchales Modell der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik – unsere Gesellschaft beruht auf männlichen Annahmen über die Welt, die keinerlei faktische Basis haben. Sie zerstören die Welt und lassen es auch noch so aussehen, als würden Frauen nichts zur Wirtschaft beitragen, obwohl sie es sind, die diese tragen.

Meine Arbeit als Ökofeministin ist es, diese unsichtbare Frauenarbeit hervorzuheben und zu sagen: ,Sorry, Mister Monsanto, Sie haben das Saatgut nicht erfunden. Saatgut wird seit tausenden Jahren von Frauen weitergetragen.‘ Dass sie das aber nicht in Laborkitteln machen, sondern mit Festen und Tänzen, macht es nicht weniger wissenschaftlich. Ökofeminismus wirft das Licht auf diese Frauen und zeigt Alternativen, wie wir mit unserer Natur kreativ und produktiv umgehen können – und wie wir das als zentrales Anliegen definieren.

Was sind die größten Umweltprobleme, mit denen wir derzeit zu kämpfen haben?

Die Welt sieht sich mit zusammenhängenden Bedrohungen konfrontiert. Es sind Krisen, die sich gegenseitig füttern und es für Menschen unmöglich machen könnten, dass sie noch lange auf diesem Planeten leben. Die Wasserkrise, die Klimakrise, die Biodiversitätskrise, die Bodenkrise sind alle ein zusammenhängendes Loch. Dasselbe landwirtschaftliche Modell, das unsere Biodiversität zerstört hat und uns Monokulturen und damit schlechtes Essen gegeben hat, hat viele Arten zum Aussterben gebracht. Schauen Sie sich die Bienen an, zum Beispiel. Schauen Sie sich die zerstörte Unterwasserwelt aufgrund der Verschmutzung an. Dasselbe Modell macht 50 Prozent des Klimaproblems, 90 Prozent des Wasserproblems und 80 Prozent der Bodenkrise aus. Jedes Mal, wenn ich Bilder von Flüchtlingen aus Syrien in Europa sehe, dann geht mein Gedächtnis zurück ins Jahr 2009, als Syriens große Dürreperiode begann. Das war auch der Beginn der Flüchtlingskrise. Doch die landwirtschaftliche Krise wurde nicht als solche thematisiert und dagegen angekämpft.

Auch in Europa werden Frauen unterdrückt – vielleicht nicht mit Waffen, aber immer mit System.
von Vandana Shiva

Wenn Sie auf ihre 45 Jahre Umweltaktivismus zurückblicken: was hat sich verändert?

Vieles hat sich verändert. Aber vieles läuft in eine ganz falsche Richtung. Als ich mit der Chipko Bewegung für den Erhalt des Waldes im Himalaya gekämpft habe, wurden wir ernst genommen, unsere Stimmen wurden in der Politik gehört. Wenn man heute einen Bericht über gemeinsame Marktorganisationen macht, wird er nicht gehört. Die Macht der Monopole ist bereits so groß. Die Macht der Verantwortungslosigkeit ist noch größer. Meine langjährige und leider schon verstorbene Freundin, Freda Meissner-Blau, hat die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf verhindert und eine neue Zukunft für Österreich gestaltet. Schauen Sie sich an, was mit all den Japanern und Japanerinnen passiert ist, die sich ein atomfreies Land wünschen: gar nichts.

Das liegt daran, dass Konzerne Strukturen geschaffen haben, die ihnen alle Rechte, aber null Verantwortung geben. Sie haben so viel Macht, dass sie selbst Politiker kaufen können. Wir brauchen Demokratie, um unsere kaputte Demokratie zu retten. Und das ist die große Herausforderung. Wir können nicht mehr annehmen, dass wir unsere Stimme einfach an korrupte Politiker abgeben, die sich dann von Konzernen bestechen lassen. Wir müssen selbst etwas tun, in unserem alltäglichen Leben. Die Nahrung, die wir essen, das Wasser, das wir trinken. Und das ist der Weg, wie Frauen Macht ausüben – indem sie Verantwortung übernehmen und ,Nein‘ sagen. Wir werden gutes Essen anbauen und das ist unsere Antwort auf diese schlechte Nahrungsindustrie.

 

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