Solltest du um die Beziehung kämpfen oder sie verlassen?

Zu gut, um zu gehen, zu schlecht, um zu bleiben. Wer kennt es? Wir schauen uns an, was man tun kann, wenn man in so genannter Beziehungsambivalenz gefangen ist.

Solltest du um die Beziehung kämpfen oder sie verlassen?

"Als ich dreiundzwanzig war, hatte ich eine Beziehung, die zu schlecht war, um zu bleiben, und zu gut, um sie zu verlassen. Wir trennten uns ständig und flickten uns wieder zusammen. Jeder, der schon einmal in einer solchen Beziehung war, weiß: Wenn sie gut ist, ist sie großartig. Und wenn es schlecht ist, ist es schrecklich. Beziehungsambivalenz - diese widersprüchlichen Gedanken und Gefühle von Liebe und Hass, Anziehung und Abscheu, Aufregung und Angst - bringt uns ständig dazu, uns zu fragen: Soll ich bleiben oder soll ich gehen? Das daraus resultierende Schleudertrauma ist anstrengend, nicht nur für die Menschen in der Beziehung, sondern auch für die Menschen um sie herum", berichtet die bekannte Paarpsychologin Esther Perel von ihrer eigenen On-Off-Beziehung.

On-Off

Mehr von uns als man vermuten würde, waren an irgendeinem Punkt in ihrem Leben in so einem Beziehungskonstrukt, das ein ständiger Tanz ist zwischen Bleiben wollen und gehen müssen. Die Anziehung ist da, die Gefühle sind da. Was fehlt ist allerdings die Kompatibilität. Es ist wie ein Musikstück mit dem immerselben Rhythmus: Man beginnt, weil das alles so kostbar und einzigartig ist, es fühlt sich gut an, bis es das irgendwann nicht mehr tut und man sich trennt. Dann beruhigt man sich. Man sieht das, was passiert ist, mit etwas Abstand und fragt sich: "War es wirklich so schlimm? War es wirklich wert, all das was wir hatten aufzugeben."

Und dann taucht diese kleine Stimme auf: "Sollen wir uns treffen? Nochmal darüber reden?" Wir erinnern uns daran, wie toll es war... als es gut war? Vielleicht meldet sich die andere Person zuerst. Vielleicht wir. Wir treffen uns in einem Kaffee, einfach um ein paar Dinge zu klären. Nur um sicher zu stellen, dass wir das beide nicht mehr möchten. Und wir können so gut miteinander reden. Das Gespräch fließt dahin. Es ist ein Flirt. Wir haben eine Verbindung, Sehnsucht. Es war dumm von uns, das wegzuwerfen, nicht wahr? Wir haben so viel investiert. Und es gibt hier so viel Potenzial. Zentimeter für Zentimeter, Blick für Blick arbeiten wir uns zurück... nur um es eine Woche später wieder hinzuschmeißen.

Stimmungsbarometer

Esther Perel beschreibt diese Dynamik und jede*r, der so etwas schon erlebt hat, weiß genau wovon sie spricht. Manche von uns investieren Jahre in solche Beziehungen, immer in der Hoffnung, dass es alles sein könnte, immer in der Angst, dass es eigentlich Nichts ist.

Esther Perel und ihr On-Off-Partner entschieden damals ihre Probleme mit einer Paarpsychologin zu besprechen: "Wir haben eine Sitzung durchgehalten. Die Therapeutin sagte uns, wir hätten keine Zukunft. Wir trennten uns, aber ein paar Tage später rief ich sie an: 'Wie konnten Sie das tun? Sie wissen doch gar nicht, was wir haben!' Ich werde nie vergessen, was sie mir sagte. Sie vertrat den Standpunkt, dass man bei der Arbeit mit Paaren, die in ihrer Ambivalenz erstarrt sind, den Kreislauf durchbrechen kann, wenn man für sie Stellung bezieht. Wenn Paare auch der Meinung sind, dass diese Beziehung keine Zukunft hat, erfahren sie Erleichterung durch die Erlaubnis es zu beenden, die sie sich selbst nicht geben konnten. Wenn sie nicht einverstanden sind, werden sie sich gegen die Psychologin und nicht gegeneinander stellen. Hätte sie nicht Stellung bezogen, erklärte die Psychologin, würde sie mit uns tanzen - in der einen Woche das Gute und in der nächsten das Schlechte erkunden und so die Achterbahn fortsetzen. Rückblickend weiß ich, dass sie uns einen Gefallen getan hat."

Schockstarre

Beziehungsambivalenz beschreibt den Zustand, wenn man sich quasi in einer Schockstarre befindet, unfähig eine Entscheidung für oder gegen die Beziehung zu treffen. Warum vielen von uns genau diese Situation so schwer fällt, ist, weil sie sehr üblich ist. Die meisten von uns haben in irgendeiner Art und Weise solche Beziehungen bereits in seinem*ihrem Leben (gehabt).

Und solche Beziehungen müssen nicht immer aufgelöst werden. Sei es eine schwierige Beziehung mit den Eltern oder Geschwistern oder alten Freunden. Manchmal reicht es anzuerkennen, dass es kompliziert ist. Das Leben und allem voran Beziehungen. Es ist nicht einfach zu verstehen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um loszulassen. Was hilft, ist sich bewusst zu machen, in welchen Momenten man in so einer Situation war und wie sich das angefühlt hat:

  • Wo hat sich Beziehungsambivalenz in deinem Leben gezeigt? In der Familie? Bei Freund*innen? Mit dem*der Partner*in?
  • Wie fühlt sich dieses Gefühl an? Was ist die Sprache dafür?
  • In welchen Situationen hattet ihr das Gefühl, eine Lösung finden zu müssen? Und warum?
  • In welchen Situationen hattet ihr das Gefühl, dass die Lösung darin bestand, keine endgültige Entscheidung in die eine oder andere Richtung zu treffen und einfach geduldig zu sein?
 

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