Sollten wir alle mehr oversharen?

Es gibt Menschen, die behalten alles für sich und andere, die ihre Probleme einfach erzählen. Wie könnte eine Welt aussehen, in der alle einfach offen teilen?

Oversharing

Würde mich jemand fragen, wie ich mich mit einigen Worten beschreibe, würde ich wahrscheinlich anführen, dass ich overshare. Ich habe kein Problem damit, Menschen von meinen Familien- oder Beziehungsproblemen zu erzählen. Auf Fragen wie es mir geht, antworte ich ehrlich. Und ich hasse Smalltalk. HASSE es. Erzähl mir doch bitte, wie du mit dem Krebs deiner Mutter umgehst, aber nicht, dass es wirklich schon extrem kühl in Wien im Herbst wird. We know.

Ich persönlich bin ja der Meinung, dass ich nicht overshare, sondern andere Menschen undersharen. Wieso ist es notwendig, dass Probleme Geheimnisse bleiben? Warum willst du nichts von den Leichen in deinem Kasten erzählen, die doch ohnehin jede*r hat? Vielleicht lindert sich dein Schmerz, wenn du merkst, dass du damit nicht allein bist?

Oversharing auf Social Media

Auch Stars auf Social Media wird häufig Oversharing vorgeworfen. Allerdings nicht dann, wenn sie jede Mahlzeit teilen. Nein, das ist okay. Sondern lustigerweise besonders dann, wenn sie Tabu-Themen ansprechen, wie beispielsweise die Fehlgeburt von Chrissy Teigen. Oder wenn Ed Sheeran über Suchtprobleme spricht. Oder überhaupt irgendein Promi etwas teilt, das zeigt, dass sie auch nur echte Menschen mit Problemen und Gefühlen sind.

Oversharing. Ein Begriff, der am liebsten dann verwendet wird, wenn ein Thema aufkommt, das Leute aus ihrer Komfortzone holt. Über Fehlgeburten, Alkoholismus, Betrug, Selbstmordgedanken spricht man nicht. Wir haben kein Regelbuch mitbekommen, wie man darauf antwortet. Und das führt dazu, dass Menschen sich dann unwohl damit fühlen. Sie sind nicht darauf vorbereitet, wissen nicht, was sie sagen sollen. Aber ist das gleich Oversharing? Oder ist es nur ein Versuch langsam die Masken, die gerade Social Media noch fester geklebt hat, runter zu nehmen, damit wir wieder Menschen sind?

Teil mit mir!

Ich persönlich habe etwas sehr Spannendes bemerkt, wenn ich overshare. Manche Menschen fühlen sich unwohl. Aber viel mehr Menschen teilen daraufhin gleich ihre eigenen Geheimnisse mit mir. Dinge, über die sie eigentlich nicht sprechen. Gefühle, die ihnen zum Teil gar nicht bewusst waren, bis sie sie ausgesprochen haben. Sie sprudeln aus ihnen heraus, als hätten sie nur darauf gewartet, sie endlich aussprechen zu dürfen.

Denn damit, dass ich meine ausgesprochen habe, haben auch sie die Erlaubnis bekommen. Die Regeln wurden geändert. In diesem Moment entsteht zwischen mir und dieser Person eine ganz eigene Verbindung, in der wir beide anerkennen, dass die*der andere echt ist. Wir sind als Menschen verbunden. Und daraus können die schönsten Gespräche, Verbindungen und vielleicht sogar Freundschaften entstehen.

In einer Welt, in der wir uns alle nach mehr Verbindung und Nähe sehnen, halten wir trotzdem an Masken fest, die uns davon abhalten echt zu sein. Warum? Warum haben wir so viel Angst, was das Gegenüber mit dieser Geschichte tun könnte oder wird? Würden wir alle unsere Geschichten teilen, hätten diese keinen Wert mehr. Dann wären sie nur das: Geschichten. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr Oversharen?

 

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