Solidarität unter Frauen: "Feminismus bedingt Intersektionalität"

Aktivistin Maja Bogojević nutzt Instagram als Plattform für politische Bildungsarbeit. Unter @yugodeinesvertrauens zeigt sie, warum sich Feminismus nicht nur um die Gleichstellung weißer Frauen mit Männern drehen darf. Wir haben mit ihr über Intersektionalität gesprochen.

yugodeinesvertrauens

Für Leser*innen, die dich noch nicht kennen: Wie stellst du dich vor? Wer bist du? Was machst du?

Hi, ich bin Maja. Ich studiere Sozialwissenschaften und beschäftige mich seit ungefähr sieben Jahren mit politischen Themen, mit intersektionalem Feminismus, mit Antirassismus, mit Klassismus und mit Antiromaismus. Ich habe ganz lange in der Hochschulpolitik gearbeitet und habe da viele Einblicke zum Thema soziale Ungleichheit bekommen. Jetzt mach ich grad voll viel politische Bildungsarbeit, das heißt konkret: Ich gebe rassismus-kritische Workshops in verschiedenen Kontexten – etwa an Unis oder im Rahmen von Festivals – und mache auch Bildungsarbeit auf Instagram auf eine Art und Weise. Ich würde mich einfach als Aktivistin bezeichnen.

Frauen wird mit Begriffen wie „Stutenbissigkeit“ oder „Zickenkrieg“ oft eine solidarische Haltung abgesprochen. Hattest du schon Berührungspunkte mit diesem Klischee?

Diese Vorurteile habe ich tatsächlich erst vor Kurzem kennengelernt. Ich finde das aber total problematisch, da es Frauen Missgunst unterstellt, was ich gar nicht unterschreiben würde. Ich habe in verschiedenen Communities ganz viel Solidarität gespürt – vor allem in der feministischen Community, weil hier viele versuchen, sensibilisiert gegenüber unterschiedlichsten Themen zu sein. Ganz besonders die Insta-Community. Ich habe kaum Menschen als Follower*innen bzw. in meiner Bubble, die Cis-Männer sind. Das zeigt auch, wer sich mit Themen auseinandersetzt, die einen selbst nicht betreffen. Und das sind eben oft Personen, die nicht Cis-Männer sind. Das find ich superschade.
Moment, jetzt muss ich kurz nachdenken, was ich dazu noch sagen will. (lacht) Ich mein, ich versteh das irgendwie. Wahrscheinlich gibt es Personen, die so denken, aber das wird am Ende des Tages wieder auf patriarchale Strukturen zurückzuführen sein – etwa die Annahme, dass Frauen sich Ehrgeiz, Skrupellosigkeit, etc. aneignen müssen, um etwas erreichen zu können. Da ist nicht die Frau, die sich diese Charaktereigenschaften aneignet, Schuld, sondern alles, was um sie herum ist. Aber man spricht nicht darüber, warum sich Frauen so krass anpassen müssen und warum sie so werden müssen, um was zu erreichen – das ist ein sexistisches Narrativ und eine Verschiebung der Problematik und der Fokus rückt weg vom eigentlichen Problem.
Ich arbeite jetzt nicht in Großkonzernen, aber da ist es halt oft auch so, dass Frauen nicht von ihren Sexismus-Erfahrungen berichten können, weil sie dann entweder als „Feminazis“ – was natürlich ein voll problematischer Begriff ist – beschimpft werden oder ihnen Übersensibilität zugesprochen wird; obwohl es voll wichtig ist aufzusprechen, wenn Leute nicht zuhören oder zum dritten Mal die eigene Idee von irgendeinem Typen wiederholt wurde. Daher sehe ich in diesen Vorurteilen eher Überlebensstrategien, die Frauen vielleicht entwickelt haben – was aber trotzdem nicht cool ist natürlich, aber das kommt ja nicht von irgendwo.

Ich sehe in 'Stutenbissigkeit' oder 'Zickenkriegen' eher Überlebensstrategien, die Frauen entwickelt haben

von Maja Bogojević

Wie können Frauen untereinander – vor allem zwischen vergleichsweise privilegierten Frauen und Frauen aus marginalisierten Gruppen – noch solidarischer sein? Was kann jede einzelne dazu beitragen?

Der erste Schritt muss immer sein, sich diesen Problematiken bewusst zu werden, also: Bücher von Perspektiven von marginalisierten Frauen, von queeren Frauen, von nicht weißen und von geflüchteten Frauen lesen und diesen Stimmen damit auch Raum geben. Durch den Kauf dieser Bücher gibt man auch finanzielle Unterstützung. Und dann natürlich auf verschiedenste Arten: Auf Demos gehen, Initiativen unterstützen, sich bei der Lohnarbeit solidarisch mit marginalisierten Frauen zeigen, etc. Dazu kommt auch nicht-materielle Hilfe wie Unterstützung beim Schreiben von Bewerbungen oder beim Ansuchen von Stipendien.

Warum ist intersektionaler Feminismus für dich der einzig wahre Feminismus?

Eine feministische Einstellung bedingt Intersektionalität. Mainstream-Feminismus kommt jenen Frauen, die keine Marginalisierung erfahren haben, zugute und wird damit auf den Schultern von Marginalisierten ausgetragen. Wenn Feminismus nicht intersektional ist, etablieren sich in der Kategorie „Frau“ wieder neue Hierarchien. Das reproduziert nur vorhandene Strukturen: Das Patriarchat wird quasi durch neue rassistische Strukturen ersetzt. Auf dem Papier mag zwar durch Mainstream-Feminismus dann Gleichstellung vorhanden sein – es handelt sich aber dann eben nur um die Gleichstellung von weißen Frauen mit Männern und nicht von allen Frauen. Viele Personen, die sich als Feminist*innen bezeichnen, hetzen trotzdem gegen muslimische Personen oder geben muslimischen Personen die Schuld an sexualisierter Gewalt – dabei gibt’s das aufm Oktoberfest genauso wie überall anders. Es müssen bei Feminismus einfach alle Lebensrealitäten mitgedacht werden!
Oder wenn man an den Gender Pay Gap denkt: Selbst wenn der kleiner wird, muss man schauen: Okay, wer hat denn überhaupt diese Führungspositionen? Das sind dann zwar Frauen, aber es sind fast nie migrantische Frauen oder Frauen, die aus Arbeiterfamilien kommen. Wir müssen alle gemeinsam dastehen und alle die gleichen Chancen erkämpfen.

Wenn Feminismus nicht intersektional ist, etablieren sich in der Kategorie 'Frau' wieder neue Hierarchien. Das reproduziert nur vorhandene Strukturen.

von Maja Bogojević

Du leistest auf Instagram wichtige Bildungsarbeit: Welche Kritik bekommst du für deine Arbeit am häufigsten zu hören? Und was entgegnest du?

Ich habe Freund*innen, die das noch viel schlimmer trifft. Ich krieg jetzt nicht krass viel Hatemail oder so. Aber in Privatnachrichten kommt manchmal, dass Leute das halt alles viel zu übertrieben finden, oder dass es prätentiös wirkt - obwohl ich in keinster Weise finde, dass das was ich sage, übertrieben ist. Viel mehr sollte das Normalität sein. Das ist nicht dafür da, sich aufzuspielen, sondern um Problematiken aufzuweisen. Würde man sich selbst aufspielen wollen, könnte man sich in ganz anderen Kreisen bewegen. Das ist manchmal schon ganz schön anstrengend.
Und manche wollen halt diskutieren – was auch natürlich voll wichtig ist, aber ich hab nicht die Kapazität mit allen stundenlang zu diskutieren.

Bildungsarbeit ist auch Arbeit: Wenn du Maja für ihre Aufklärungsarbeit auf Instagram etwas zurückgeben, sie entlohnen und unterstützen möchtest, kannst du das HIER via Paypal tun.

Bei Feminismus müssen ALLE Lebensrealitäten mitgedacht werden!

von Maja Bogojević

Apropos Diskussionen: Müssen wir mit Menschen, die komplett anderer Meinung sind als wir, reden und den Diskurs suchen?

Was meine Position momentan ist: Ich versuche meine Kapazitäten und Energien effektiv einzusetzen. Oft rauben diese Gespräche mehr als sie Outcome haben. Ich investiere meine Energien lieber in Menschen, die etwas vielleicht gut gemeint haben, aber die Problematik darin noch nicht sehen. Es ist da halt viel einfacher, die Leute abzuholen und zu sensibilisieren. Ich habe aufgehört, Leute, die komplett anderer Meinung sind, zu bilden - weil ich keine Kraft mehr dazu habe und gemerkt habe, dass es nichts bringt. Die reflektieren ihr Verhalten sowieso nicht.

Du sagst es: Feminismus bedeutet auch das ständige Reflektieren des eigenen Handelns und Denkens und das anschließende Dazulernen. Welches deiner Denkmuster hast du zuletzt hinterfragt? Was hast du dazugelernt?

Genau das: Ich habe dazugelernt, dass das konstante Reflektieren einen erst zur intersektionalen Feminist*in macht. Dazu kommt das Hinterfragen von Powersharing – dass ich Anfragen (etwa für Interviews), die ich bekomme, weiterleite an Personen, Freund*innen, Aktivist*innen. Dass ich bei jeder Sache, die ich mache, nachfrage, welchen Personen bei dem Thema noch zugehört wird.* Zudem habe ich gelernt, mir konstant einzugestehen, dass ich mir voll viel von schwarzen Autor*innen aneigne – und, dass man das auch immer angibt, woher man sich welche Thematiken angeeignet hat. Und: Feministische Praxis wird niemals ein Endstadium erreichen, da der Diskurs einfach viel zu komplex ist. Der intersektionale Ansatz kann fast nie gewährleistet werden – außer wir haben JEDE Perspektive; eine kurdische Perspektive, eine armenische Perspektive, eine queere Perspektive, etc. Ich habe also auch gelernt, dass der intersektionale Anspruch ganz oft nicht gegeben werden kann, wir es aber immer wieder versuchen müssen!

*Anmerkung der Redaktion:

Im Ablauf und der Durchführung des Interviews hat Maja immer wieder nachgefragt, welchen Frauen zu dem Themenschwerpunkt Frauensolidarität außer ihr noch eine Stimme gegeben wird. Das fanden wir beeindruckend und wichtig - vor allem auch, weil es unser Anspruch ist, in Richtung Diversität noch mehr zu tun!

 

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