"Solche YouTube-Trends können Rutsche in krankhaftes Verhalten sein"

Kinder und junge Menschen stellen Videos online, in denen sie andere fragen, ob sie schön sind. Wir haben mit Ursula Knell, Leiterin der Hotline für Essstörungen der Wiener Gesundheitsförderung, über die Gefahren gesprochen.

Kein Tag vergeht ohne einen neuen Social-Media-Trend. Dieser hier macht aber selbst die Hartgesottenen unter uns sprachlos. Junge Mädchen, die oft nicht älter aussehen als zehn, laden Videos von sich hoch, in denen sie die UserInnen fragen, ob sie schön sind. "Es ist ok, schreibt eure ehrliche Meinung drunter", sagt ein Mädchen. "Viele sagen mir, dass ich hässlich bin und ich glaube auch, dass ich hässlich bin", sagt ein anderes Mädchen. Eine andere meint: "Ich will nur wissen, wie viele Leute denken, dass ich schön bin - und wie viele glauben, dass ich hässlich bin."

“Am I pretty?” another crazy trend on YouTube.

Posted by PlayGround + on Mittwoch, 30. November 2016

Dass sich bereits so junge Mädchen einer "Internet-Jury" stellen, die ihr Aussehen bewerten soll, sehen auch Expertinnen kritisch. Ursula Knell, Leiterin und Beraterin der Hotline für Essstörungen der Wiener Gesundheitsförderung, sieht vor allem zwei Faktoren, die sehr beunruhigend sind: "Die Mädchen sind alle sehr jung - und sie folgen diesem Trend nach Rückversicherung über Fremde. Das zeugt von einem geringen Selbstvertrauen." Denn es sei etwas Anderes sich von FreundInnen und Familie Meinungen zu holen, als von völlig Fremden aus dem Internet.

Die ständige Suche nach der Bestätigung von außen


"Die Folge ist leider, dass die Selbstaufmerksamkeit auf reine Äußerlichkeiten steigt", so die Expertin. "Je mehr Versicherung man sich von den anderen sucht, desto verunsicherter ist man." Knell kennt das aus ihrer Erfahrung mit Betroffenen von Essstörungen. "Der Wunsch nach Bestätigung ist groß."

Das mache solche Internet-Wettbewerbe derart gefährlich. Als weiteres Beispiel nennt Ursula Knell die "iPhone-6-Knie-Challenge", bei der man ein iPhone quer über beide Knie legt. Ziel ist es, dass die Knie zusammen schmaler als das iPhone sind. "Solche Trends können eine Rutsche in krankhaftes Verhalten sein", sagt sie. Doch dafür sind noch andere Faktoren ausschlaggebend, wie soziokulturelle, familiäre und persönliche. "Wie wird im eigenen Umfeld über so etwas gesprochen? Wie werden Schönheitsideale bewertet?"

WhatsApp-Gruppen, die Essstörungen befeuern


Immerhin gebe es auch immer Gegenbewegungen zu diesen Trends, merkt die Expertin positiv an. Doch eine negative Entwicklung kann sich durchaus feststellen: "Die Betroffenen werden immer jünger." Das liege auch an der früheren sexuellen Entwicklung der Mädchen - und daran, dass Social-Media-Trends überall präsent sind. "Früher mussten Betroffene von Essstörungen sich die Informationen selbst im Internet holen, heute sind immer mehr in eigenen Whats-App-Gruppen, in denen ihnen rigide Regeln für ihren Tages- und Essensablauf vorgegeben werden, unterwegs." Das sei extrem besorgniserregend - denn es werden Kontakte in der realen Welt mit virtuellen Kontakten ersetzt.

Was man dagegen machen kann? "Darüber reden, in technikfreien Zonen. Zum Beispiel eine Familieninsel einführen, wo Smartphones tabu sind", sagt die Expertin. Außerdem brauche es mehr Aufklärung und Sensibilisierung an Schulen. Junge Menschen müssten über die Risiken von Social Media aufgeklärt werden - auch wenn diese "nicht verteufelt" werden dürfen, so die Expertin abschließend.

Mag. Ursula Knell ist Klinische und Gesundheitspsychologin, Hypnosepsychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision, seit 2006 im psychotherapeutischen Team von intakt, seit 2013 als Leiterin und Beraterin in der Hotline für Essstörungen, seit 14 Jahren im Essstörungsbereich tätig.

Hotline für Essstörungen


Die Hotline für Essstörungen der Wiener Gesundheitsförderung bietet Betroffenen und Angehörigen von Menschen mit Essstörungen professionelle Beratung, Information und Hilfe - kostenlos - anonym und bundesweit.

Hotline für Essstörungen der Wiener Gesundheitsförderung: 0800 - 20 11 20

Montag bis Donnerstag von 12-17 Uhr (ausgenommen Feiertage); e-Mail-Beratung: hilfe@essstoerungshotline.at

Mehr zum Thema: Mädchen im Netz - Ein Leitfaden zum Umgang in den (a)sozialen Medien.

 

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