So wichtig sind feministische Pornos

Feministische Pornos boomen und brechen mit der frauenverachtenden Tradition der Mainstream-Porno-Industrie. Das ist gut und auch ein gutes Geschäft. Denn Frauen mögen Pornos – warum, ist leicht erklärt.

Spanische Sexszenen wirken irgendwie besonders: das Licht weich, die Stimmung sonnenwarm, die Blicke exzessiv und doch verträumt; die Szene insgesamt animierend. Es geht um Sex, um Spiel, um Sinnlichkeit und – ja, auch – um Genitalien in Nahaufnahme. Es geht um einen Porno für Frauen. Produziert von der angesagten schwedischen Filmemacherin Erika Lust, die sich als Politikwissenschaftlerin einem ganz neuen Genre zuwandte und anfing, pornografische Filme für Frauen zu drehen. Warum? „Weil ich nicht verstehen konnte, warum Frauen immer nur als Objekte dargestellt wurden und es immerzu um die geile Hausfrau, das verzweifelte Kindermädchen oder die Blondine ging, die sich vor lauter Dankbarkeit für das reparierte Auto ins Gesicht spritzen lässt", sagte Erika Lust in Wien auf der TEDx-Konferenz 2014. Zehn Jahre davor, 2004, schlug ihr erster Kurzfilm The good Girl ein wie eine Bombe. Innerhalb von nur vier Tagen hatte der Frauen-Porno zwei Millionen Downloads und Erika wusste, dass es vielen anderen Frauen ebenso ging wie ihr.

„Mittlerweile weiß man, dass Frauen genauso Pornos konsumieren wie Männer, und es geben auch immer mehr zu. Die Wissenschaft musste irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass Pornos keine Männer-Domäne sind", analysiert Corinna Rückert, deutsche Kulturwissenschaftlerin, die ihre Doktorarbeit zum Thema Frauen-Pornografie verfasst hat.

FRAUEN (IM) KOMMEN

Aber was ist denn nun Frauen-Pornografie, und kann es bei den expliziten Darstellungen tatsächlich um Feminismus gehen? Der PorYes-Award, den es seit 2009 in Deutschland gibt, ist dafür ein ganz eindeutiges Zeichen. Gefördert und prämiert werden hier im Zweijahrestakt Filme, die einen sexpositiven Zugang würdigen. „Das bedeutet, dass keine menschenverachtende Darstellung gewählt wird und dass es keine Gewaltverherrlichung gibt. Mainstream-Pornos spielen oft mit dem Element der Vergewaltigung.

Das darf nicht sein, es muss ganz klar ersichtlich sein, dass es eine beidseitige Einwilligung zum Sex gibt – auch wenn es um SM-Praktiken geht", fasst Rückert zusammen. Außerdem ganz wichtig für PorYes-Filme: Es müssen ethisch vertretbare Arbeitsbedingungen am Set herrschen und an den wesentlichen Schalthebeln – also Kamera, Regie usw. – auch Frauen sitzen.

Mein selbstgedrehter Porno macht mich nicht an

Für ihre Dissertation hat Rückert selbst einen Porno gedreht, von dem sie heute sagt: „Mich hat der Film nicht angemacht, aber es waren auch nicht meine Fantasien, die hier umgesetzt wurden." Womit ein ganz wesentliches Kapitel der weiblichen Lust aufgeschlagen wird, und die Frage dazu: Was finden Frauen denn überhaupt animierend an Pornos?
Die Antwort ist so vielfältig wie Frauen selbst. „Alle Forschungen zeigen, dass weibliche Lust im Kopf beginnt und Frauen durch reine Berührung – auch der Geschlechtsorgane – nicht erregt werden. Die sexuelle Fantasie im Gehirn muss angeregt werden, und daher ist das, was Frauen erregt, auch so unterschiedlich und weibliche Lust gleichzeitig so störanfällig", weiß Rückert aus ihren Studien. Diese persönlichen Fantasien, die Frauen mögen, haben sich feministische Filmemacherinnen zu Herzen genommen.

Erika Lust verfilmt etwa mit ihrer Serie Confessions immer wieder neue sexuelle Fantasien ihrer Kundinnen, auch Petra Joy spielt mit diesen Bildern von Fantasie und Hingabe. „Ich liebe es, zu zeigen, wie Frauen gestreichelt und oral befriedigt werden, denn davon sehen wir derzeit zu wenig. Vielen Frauen ist es immer peinlich, sich sexuell einfach mal verwöhnen zu lassen, statt ihren Partner zu verwöhnen", so die deutsche Filmemacherin in ihrem Manifest.

Oversexed and underfucked

Wie wichtig dieser weibliche Blick in dem ungebrochen boomenden und milliardenschweren Markt ist, zeigt ein Blick in die Sexualtherapie-Praxis von Barbara Balldini. Die gebürtige Vorarlbergerin ist Kabarettistin und Sexualpädagogin. „Ich sehe leider immer öfter, wie falsch die Bilder sind, die durch Pornografie hervorgerufen werden. Ich treffe 13-jährige Mädchen, die zueinander sagen: ,Was, du lässt dich nicht anal penetrieren? Was ist denn mit dir los?‘ Das ist eine kritische Entwicklung und mit dem quasi freien Zugang zum Internet so gut wie nicht eindämmbar. Jugendliche sagen häufig, dass Pornos ihre einzige sexuelle Aufklärung waren, und Burschen sind sich oft sicher, dass Pornos geiler sind als echter Sex. Das Wichtige an Frauen-Pornos ist daher aus meiner Sicht, dass dort Intimität eine große Rolle spielt. Wir sind – um meinen Kollegen Bernhard Ludwig zu zitieren – oversexed and underfucked", so Balldini, die sich in ihrem Sex-Kabarett auch mehr als Pädagogin denn als Unterhalterin sieht. „Denn ich bin überzeugt, dass nirgendwo sonst die Menschen mehr leiden als im Bett: ob sie es richtig machen, ob sie in Ordnung sind, gut riechen und überhaupt schön genug sind. Wenn dann der Druck einer konkreten Vorstellung dazukommt – ‚Ich lecke da und drücke dort und dann muss es geil sein!‘ – das führt dann zu Stress, Frustration und in Folge zu massivem Desinteresse."

Zu all den verzerrten Spiegelungen, die Frauen wie Männer über traditionelle Pornokanäle – also DVDs, Online-Videos oder klassische Magazine – bekommen, tritt nun ein neuer Player auf: die virtuelle Realität. Mit VR-Brillen soll nämlich das Porno-Erlebnis noch intensiver werden und das Unechte noch „echter" dargestellt werden. Wieder einmal Trendsetter: die USA. So soll der Markt für VR-Pornos bis 2025 auf eine Milliarde Dollar (900 Millionen Euro) wachsen. Die Technik ist zwar für die Produzenten weitaus aufwendiger, aber das Ergebnis sollen dann 360-Grad-Videos sein.

Barbara Balldini zu dieser neuen Marktentwicklung: „Ich sehe das mit Bedauern, denn die Richtung heißt Vereinsamung. Alles wird immer mehr nach außen gerichtet und in all der Ablenkung aus virtuellen Bildern und Welten ist der Blick nicht mehr nach innen und schon gar nicht auf einen Partner gerichtet. Es geht nicht darum, wer ich bin und was mich froh macht oder wie ich mein Gegenüber froh machen kann", so ihr wenig euphorischer Blick in die Zukunft.

Schweden fördert Femi-Pornos

Doch jeder Trend hat auch das Potenzial zum Gegentrend, und hier kommen feministische Pornos vielleicht doch noch in die Rolle eines Aufklärungsmediums. In Schweden werden Produktionen sogar explizit unterstützt. Ein Porno, der mit 50.000 Euro vom Schwedischen Filminstitut gefördert und beim PorYes-Award ausgezeichnet wurde, sind die Dirty Diaries der Filmemacherin Mia Engberg.

Kulturwissenschaftlerin Rückert ist vom pädagogischen Umgang mit Pornos jedenfalls überzeugt. Sie ist sicher, dass es für Jugendliche zur Medienkompetenz gehören sollte, auch Pornos einschätzen zu können. „Ich habe einen 13-jährigen Sohn und natürlich ist das Thema in unserem Haus allein durch mich wenig tabuisiert, aber auch für ihn ist klar, dass er das, was er in Pornos sieht, niemals mit einem Mädchen machen sollte."

Um diesen reflektierten Zugang zu Pornografie zu propagieren, darum geht es den feministischen Filmemacherinnen. Zu zeigen, dass Körper und Fantasien unterschiedlich sind und jede Frau ganz eigene Trigger hat, die ihre sexuelle Lust anheizen. Ursache dafür sind übrigens unsere Spiegelneuronen im Gehirn. Sie werden aktiv, wenn wir Emotionen nachvollziehen wollen – das funktioniert auch bei Lust. Es kann also gut tun, sich hinzugeben, um zu sehen, was einem Lust macht. Vielleicht auch nur, um es später wieder mal mit realem Sex zu probieren …

 

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