So viel Kraft hat Reue

Lange war die Psychologie der Ansicht, dass Gefühle des Bedauerns und der Reue uns im Alltag nur sinnlos behindern. Doch neue Studien zeigen: Das Gegenteil ist der Fall. So verwandeln Sie Ihre Zweifel in Chancen.

Haben Sie heute schon Ihren persönlichen Rumpelstilzchen-Moment gehabt? Sich ordentlich über eine Sache geärgert, die Sie anders hätten machen können? Gut so, das ist gesund, sagen Psychologen. Denn mit dem kleinen Hättiwari im Kopf gestalten wir die Zukunft. Heftiger Grant über "Hätt' ich doch nur ..." und "Wär' ich bloß nicht ..." beinhaltet nämlich eine große Chance: Das nächste Mal, ganz bestimmt, machen wir es besser, früher, später, schneller - egal wie, Hauptsache anders.

Eine wichtige Regel im Umgang mit Grübeleien über verpasste Chancen gibt es aber. Wenn "Wär' ich bloß"-Gedanken so tun, als wären sie die Grinsekatze bei Alice im Wunderland: Obwohl das gemeine Vieh schon längst verschwunden ist, hängt das hämische Grinsen weiter in der Luft und bleckt schadenfroh die Zähne. Dann findet Leben nur mehr im Konjunktiv statt und die Pop-up-Fenster im Kopf wachsen zur Größe des Himalaja. Und so ein Riesengebirge kann ganz schön die Aussicht verstellen. Aus dieser Spirale findet man heraus. Zweimal die Fünf Tibeter und ein Traumfänger über dem Bett - ganz so leicht ist's allerdings nicht. Man sollte sich schon anstrengen. Denn wer ständig an dem Ast sägt, auf dem er sitzt, kommt auf lange Sicht gesehen auf keinen grünen Zweig.

Sag den Fehlern leise Servus

Üben Sie sich in der Kunst des Annehmens. Ziehen Sie das Büßerhemd aus, das kratzt bloß und ist hoffnungslos unmodisch. Na gut, Sie haben eine ordentliche Delle ins Auto gemacht, intime Details über die Kollegin ausgeplaudert und dem Friseur nicht genau erklärt, was Sie unter kurz verstehen - zum Leben gehören Fehlentscheidungen einfach dazu. So what! Viele Dinge lassen sich auch wieder geradebiegen - und wenn das nicht geht, hören Sie auf die Urstrumpftante in Ihrer Familie mit ihrer banalen Weisheit: Wer weiß, wozu's gut war. Abschiednehmen von Allmachtsfantasien tut sauweh, aber wollen Sie wirklich weiter das Kleine- Ich-bin-Ich spielen? Statt sich selbst zu quälen, gehen Sie lieber dem Steuerberater auf die Nerven.

Schlimmer geht's immer

Erfinden Sie ein Worst-Case-Szenario. Nehmen Sie sich Zeit, ein Gläschen Wein und überlegen Sie, was noch schlimmer hätte laufen können: Zum Glück haben Sie nur einen Smart touchiert und keinen Hummer, die Bürokollegin ist nicht die Personalchefin und mit Britney Spears nach der Rehab kann man Sie wirklich nicht verwechseln. Das macht zwar nicht alles paletti, befreit aber ungemein.

Zweifel sind Gelegenheiten, die an die Tür klopfen.


Im Großen und Ganzen ist's gut

Betrachten Sie das "Big Picture": Eine Entscheidung, die früher einmal richtig war, kommt Ihnen jetzt falsch vor? Das ist okay, denn niemand kann Ihnen verbieten, dass Sie über Nacht klüger werden. Dass Sie damals zu einer Sache Nein gesagt haben, hatte Gründe, die richtig waren. Versuchen Sie hinter den Ärger zu sehen: Warum wurmt es Sie jetzt, dass Sie die Abteilungsleitung vor Jahren abgelehnt haben? Vielleicht, weil Ihnen der Job eine Nummer zu groß war, weil Sie nicht besonders konfliktfähig sind und Kritik schlecht vertragen? Das ist ehrlich. Jetzt hätten Sie die Kraft. Damals eben nicht.

Tue Buße und rede darüber

Reden, beichten, bloggen: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es zu einer messbaren Verbesserung der psychischen Situation kommt, wenn man einer anderen Person von seiner Reue erzählt oder sich wenige Minuten am Tag Zeit nimmt, um sie niederzuschreiben. Das Tête-à-Tête zwischen Altar und Taufbecken ist nicht jedermanns Sache, aber wer auch immer Ihr Beichtvater ist, erleichtert Ihnen Ihr Herz. Stellen Sie sich Ihren Gefühlen, zeigen Sie Kehle, schildern Sie alle Einzelheiten, das nimmt dem Bedauern den spitzen Stachel. Zum Einstimmen summen Sie den Fledermaus-Klassiker: Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist ...

Handeln schützt vor Reue

Nur wer sich nicht vom Fleck bewegt, macht keine Fehltritte. Und keine Fortschritte. Es ist viel gesünder, sich über eine Sache zu ärgern, die wir verhaut haben, als über nicht Getanes. Noch nie in Paris gewesen? Nie eine Amour fou erlebt? Die Ausbildung zum Coach doch nicht gemacht? Der Sicherheitsgurt für Reuegefühle lautet also: aktiv sein, handeln, tun. Pimp your life!

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