So sexistisch ist die Fußball-EM wirklich

Die Fußball-EM ist bereits in vollem Gange. Und damit verbunden auch wieder jede Menge Sexismus.

Die Fußball-Europameisterschaft ist bereits in vollem Gange. Von 10. Juni bis zum 10. Juli 2016 findet das Spektakel in Frankreich statt und lädt ein zum Mitfiebern, Anfeuern - und auch zu jeder Menge Sexismus. Denn kaum ein anderes Thema scheint sexistische Meldungen derart heraufzubeschwören wie Fußball.

Das deutsche Magazin "Stern" machte letzte Woche bereits den Anfang - und postete auf Facebook Sprüche, die Frauen angeblich während des Fußball-Schauens sagen:

Unabhängig davon, dass diese Annahmen mehr als nur klischeebehaftet sind - warum wird aus dem Fußballschauen immer eine hochintellektuelle Angelegenheit gemacht, die sie einfach nicht ist?

Sport ist auch Unterhaltung


Der Grund ist einfach: weil es ein Männersport ist. Und alles, was von Männern für Männer gemacht wird, darf eines auf keinen Fall sein: trivial.

Das bestätigte auch die Wissenschaft. Die wohl größte und wichtigste Studie zur Medienwirkungsforschung - "Massenkommunikation" von Klaus Berg und Marie-Luise Kiefer (1992) - untersuchte unter anderem das Mediennutzungsverhalten von Frauen und Männern. Dabei wurde zwischen Informationsangeboten und Unterhaltungsangeboten unterschieden. "Sport" wurde jedoch keiner der beiden Kategorien zugeordnet und zur eigenen Kategorie gemacht. Das Ergebnis der Studie war daher: Frauen sind unterhaltungs-, Männer informationsorientierter.

Die Annahme, Frauen seien in ihrem Medienkonsumverhalten unterhaltungsorientierter als Männer, fußt jedoch einzig und allein darin, dass Sport nicht zur Unterhaltung gezählt wurde. "Sport - das ist Wettkampf und Spiel und ist damit im Zentrum von Unterhaltung angesiedelt", schrieb die Kommunikationswissenschafterin Elisabeth Klaus in ihrem berühmten Aufsatz "Der Gegensatz von Information ist Desinformation, der Gegensatz von Unterhaltung ist Langeweile". Hätte man den Sport in der besagten Studie ebenso der Unterhaltung zugeordnet wie etwa Seifenopern, hätten sich die Männer "unterhaltungsorienter" gezeigt als die Frauen. Außerdem lasse sich Medienrezeption nicht in derart einfache Kategorien pressen - vor allem "Frauenformate" werden aus diesem Grund schnell als trivial abgestempelt, während Medienformate, die hauptsächlich an Männer gerichtet sind, immer einen höheren Anspruch zu haben scheinen. Auch wenn dieser lediglich darin besteht, einen Ball in ein Tor zu schießen.

Das sexistische Rundherum einer EM


Bei einer EM sollen aber nicht nur die Spiele an den Mann gebracht werden, sondern auch Produkte. Und die werden mit allerlei Sexismus verkauft. Besonders "einprägsam" ist derzeit die Werbung eines Wettspielanbieters, auf der eine nackte Frau durch ein Fernrohr zu sehen ist. Der Slogan dazu: "Life is a game". Für die Werbewatchgroup liegt diese Werbung an der "Grenze zum sexuellen Übergriff":

Die deutsche Initiative "Pinkstinks" hat sich ebenso angesehen, wie Sexismus und Fußball zusammenhängen und schreibt: "Aus einer Gesellschaft, die sich zumindest gelegentlich für Emanzipation und Gleichberechtigung interessiert, wird eine mehrtägige sexistische Zote." Dabei hab sich die Autorinnen ein paar "Glanzstücke" herausgesucht - etwa ein Computerspiel, bei dem es darum geht, Models in Bikinis Fußbälle auf den Hintern zu schießen, um sich das anschließend in Zeitlupe anzuschauen. Oder Kinder-Überraschungseier, die mit "Weltmeister" (für Buben) und "Spielerfrau" (für Mädchen) betitelt werden. Auch bei uns trudeln derzeit Aussendungen mit Titeln wie "Mädels-Trips zur Flucht vor dem Fußball-Wahn" ein, bei denen man sich eine "Beauty-Auszeit" von der grölenden Menge nehmen kann.

Frauen sind in Zusammenhang mit Fußball also meistens: sexy, passiv und dumm. Und wenn die Frauen selber Fußball spielen, schießen sie ihre Bälle in Waschmaschinen:

Aber nicht nur auf dem Rasen, sondern auch hinter den Kulissen werden Frauen sexistisch repräsentiert. Beim deutschen ZDF wurde mit Claudia Neumann am Samstag zum ersten Mal eine Frau als Kommentatorin bei einem derart großen Fußball-Turnier eingesetzt. Sogleich trendete in der Folge der Hashtag #Kommentatorin auf Twitter und die Nutzer diskutierten heftig darüber, warum eine Frau ein Männerspiel kommentieren darf.

Kurzum: die Fußball-Europameisterschaft ist wieder ein Paradebeispiel dafür, wie tief veranktert Sexismus in unserer Gesellschaft ist. Da wird aus einem Ballspiel eine hochintellektuelle Angelegenheit, bei der Frauen nicht mitreden dürfen, in dutzenden Werbungen wird purer Sexismus betrieben und hinter den Kulissen und vor den Fernsehern übertrumpft man sich mit jovialen Sprüchen. So eine EM wollen wir nicht - und hoffen, dass sich da in Zukunft einiges ändern wird.

 

Aktuell