So schwierig ist die Wohnungssuche für alleinstehende Frauen

Der Wiener Wohnungsmarkt explodiert preislich. Und so mancher Vermieter nützt die Situation aus. Die Opfer sind nicht selten alleinerziehende oder alleinstehende Frauen.

Es ist eine dieser Geschichten, die zu selten an die Oberfläche gelangen. Frau Z. hätte sich wohl auch nie gedacht, dass das alles so endet. Denn ganz am Anfang wollte sie bloß eins: eine Wohnung in Wien finden. Wie schwierig das für sie als alleinerziehende Mutter dreier Kinder ist, sollte sich erst später herausstellen. Dafür umso drastischer.

Mit 20 Jahren ist die heute 37-Jährige Tunesierin der Liebe wegen nach Österreich gekommen. „Am Anfang habe ich gut gelebt, mein Mann hat gut verdient. Ich habe mir über Geld keine Sorgen machen müssen. Nicht einmal einen Erlagschein habe ich selbst ausgefüllt.“ Nach der Scheidung hat sich ihr Leben jedoch komplett verändert. „Als Frau alleine mit Kindern ist es schwierig. Ich habe nicht gewusst, wie teuer Strom und Miete sind, zum Beispiel.“ Mit kaum Kontakten und „nicht einmal einem Euro für Milch“ ist sie von Salzburg nach Wien gekommen, um sich hier ein neues Leben aufzubauen.

Von ihren FreundInnen hat sie hin und wieder Unterstützung bekommen. „Ich wollte für meine Kinder stark bleiben.“ Zuerst hat sie im Verkauf gearbeitet, dann in der Gastronomie als Kellnerin. Sie hat Geld zusammengespart und Schmuck verkauft, um in eine neue Wohnung einziehen zu können. Denn Frau Z. konnte nur auf dem Privatmarkt mieten, denn Zugang zu einer Gemeindewohnung haben nur jene, die fünf Jahre Aufenthalt in Wien und zwei Jahre durchgängige Meldung am gleichen Ort in Wien nachweisen können.

„Ich bin nicht dumm, ich habe etwas geahnt“

Die Wohnungssuche war und ist für Frau Z. daher sehr schwierig. „Alle wollen Gehaltsnachweise, hohe Kautionen, Maklerprovisionen“ – etwas, das sie als Alleinerzieherin finanziell nicht stemmen kann. Im Internet ist sie schließlich auf eine 1-Zimmer-Wohnung in Floridsdorf gestoßen, der Vermieter wollte keine Gehaltsnachweise, nur die Miete: und die war nicht billig. Für 715 Euro im Monat lebte sie mit ihren drei Kindern in einem Zimmer, den Mietvertrag befristete er nicht rechtmäßig auf nur 6 Monate. Eine Frage beim Unterschreiben des Mietervertrags machte Frau Z. stutzig: „Er fragte mich, ob ich einen Mann oder Freund habe, zu dem ich Kontakt habe. Ich bin nicht dumm, ich habe etwas geahnt, aber ich habe so dringend eine Wohnung gebraucht.“ Und dann fing der Horror an.

Wohnraum in Wien ist zum Luxus geworden

„Er kam fast täglich zu mir, wollte einen Kaffee trinken, Wein trinken. Ich habe ihn ständig abweisen müssen“, erzählt sie. „Einmal hat er gesagt, dass er geträumt hat, er hätte mich geküsst.“ Nach sechs Monaten wollte er den Mietvertrag nicht verlängern, schikanierte sie, wollte 20 Euro mehr Miete. „Er war sehr manipulativ. Kalt. Er hat immer mehr versucht, aber vorsichtig.“ Sobald sie ihn abgewiesen hat, hat er ein anderes Gesicht gezeigt, sie angeschrien, Streit gesucht.

„Es gibt Vermieter, die gezielt alleinstehende Frauen suchen, um sie auszunützen, um sie zu belästigen“, weiß Frau Z. heute. Sie hat ihren Ex-Vermieter verklagt. Der Mietvertrag war selbst aufgesetzt, nicht ordentlich vergebührt, und zu viel Strom hat er ebenso verrechnet. „Er hat sich seine eigenen Gesetze gemacht“, so die dreifache Mutter.

Vermieter, die alleinstehende Frauen ausnützen

Alexandra Rezaei, Geschäftsführerin der Mietervereinigung, kennt solche Fälle gut: „Ich habe einmal ein Verfahren geführt für eine junge Mutter, die gerade erst nach Wien gekommen ist. Sie hat für eine 1-Zimmerwohnung 500 Euro gezahlt, dann hat sie einen Monat lang die Miete nicht zahlen können und der Vermieter hat die Räumungsklage eingebracht. Sie hat auch ein überhöhtes Maklerhonorar gezahlt, weil in dem Fall nicht ein Makler aufgetreten ist, sondern die Hausverwalterin, die zu 50 Prozent Eigentümerin war. Insgesamt hat die junge Frau 5000 Euro zurückbekommen. Sie hatte einen befristeten Mietvertrag, der falsch formuliert war. So dass schlussendlich ein unbefristetes Mietverhältnis vorgelegen ist. Alleinstehende Frauen sind wirklich besonders betroffen."

Laut Rezaei werden die meisten Mieten zu hoch vereinbart, und viele werden nur befristet angeboten. Während es im Gemeinde- und Genossenschaftssegment in der Regel keine Befristungen gibt, sind im privaten Mietbereich laut Statistik Austria heute vier von zehn Hauptmietwohnungen befristet.

Auch das Wiener Frauentelefon (01 408 70 66), das Wienerinnen zu verschiedensten Themen berät, sieht dringenden Handlungsbedarf beim Thema Wohnen. Während die Beratungen zu den Themen „Scheidung“ und „Trennung (2016: 44%) sowie Finanzielles (2016: 14%) als die zentralen Themen über die Jahre hinweg relativ konstant geblieben sind, ist seit etwa 2010 ein Anstieg der Beratungen rund um das Thema „Wohnen“ und „Wohnungslosigkeit“ (2016: 5%) zu beobachten und auffällig. Davor spielte das Thema eine eher geringe Rolle.

Eine Scheidung kann existenzbedrohend sein

Marion Gebhart, Leiterin der Frauenabteilung der Stadt Wien (MA 57), sagt: „Ein Problem ist definitiv das leistbare Wohnen. Die Preise sind ständig am Steigen.“ Als Familie mit zwei berufstätigen PartnerInnen tue man sich leichter, für Wohnkosten aufzukommen. „Wenn es zu einer Scheidung oder Trennung kommt, dann wird es existenzbedrohend für die Frauen, wenn sie nicht voll berufstätig sind. Manchmal nützt aber nicht einmal die volle Berufstätigkeit etwas, weil manche noch immer unter 1500 Euro verdienen.“ Wenn dann Frauen mit Kindern und einem geringem Einkommen da stehen und sich die Miete nicht leisten können, kommt es nicht selten zu einer Delogierung. „Menschen müssen leistbar und auch menschenwürdig wohnen können. Nicht in irgendeinem ,Loch‘, das irgendwer hochpreisig vermietet, aber in dem die Lebensbedingungen nicht zumutbar sind", plädiert Gebhart.

Bernhard Litschauer-Hofer, Abteilungsleiter von FAWOS (Fachstelle für Wohnungssicherung) für Personen, die vom Verlust ihrer Wohnung bedroht sind, kann Ähnliches berichten: „Die allgemeine Entwicklung der Mietpreise (in Wien), die zunehmenden Befristungen für Mietverträge und auch die geringen Lohnsteigerungen, vor allem im Niedriglohn-Sektor, wo oft weibliche Mitarbeiterinnen überwiegen, wirken sich generell negativ aus. Nachdem zum einen immer größere Teile des Haushaltseinkommens für Wohnversorgung ausgegeben werden müssen, die Löhne und sozialen Transfer-Leistungen jedoch nicht im gleichen Maße angepasst werden, ist es vor allem für BezieherInnen von geringen Einkommen schwierig, sich adäquat mit Wohnraum zu versorgen. Der Gender-Gap ist also auch hier wirksam und benachteiligend.“

"Ich beneide niemanden, der gerade auf Wohnungssuche ist", lautet das vernichtende Fazit der Chefin der Mietervereinigung, die leistbares Wohnen für alle fordert.

Wienerinnen und Wiener wenden mittlerweile 46 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen auf (Quelle: Immoscout).

In den fünf Jahren von 2011 bis 2015 verteuerten sich die Mieten (inklusive Betriebskosten) im österreichweiten Schnitt um weitere 14,9 Prozent. (Quelle: Statistik Austria) Überdurchschnittlich stark gestiegen ist der Preis im Fünfjahreszeitraum für privat vermietete Wohnungen - mit einem Plus von 16,5 Prozent. Empfindlich verteuert haben sich aber auch Genossenschaftswohnungen (plus 12,9 Prozent) und Gemeindewohnungen (plus 12,7 Prozent).

Das sieht die Architektin und Stadtplanerin Gabu Heindl ähnlich: „Es müssen viel mehr neue Gemeindebauten und geförderte Wohnbauten errichtet werden. In beiden Fällen sind die Mietpreise begrenzt. Bei beiden geht es aber auch darum, dass der Zugang für vulnerable Bevölkerungsgruppen erleichtert wird – außerdem wegzukommen vom reinen Wohnbau: hin zu städtischen Häusern, die viel mehr als das kleinfamiliäre Wohnen möglich machen – von Arbeiten, experimentellen Wohngemeinschaften bis hin zu Selbstverwaltung.“

Um diese großen Probleme am Wohnungsmarkt zu lösen, muss viel passieren, weiß auch die Chefin der Mietervereinigung: „Die Mieten müssen begrenzt werden, damit eine Leistbarkeit gewährleistet wird. Insgesamt sollten auch die Löhne angehoben werden.“

Ein neues Leben

Frau Z. würde von diesen Verbesserungen direkt profitieren. Heute sitzen wir in ihrer neuen Wohnung, die ihr vom Verein Immo Humana provisorisch zur Verfügung gestellt wurde. Hier kann sie erst einmal durchatmen und ihr Leben neu ordnen. Gabriele-Aisha Bichler von Immo Humana sieht in ihrer Arbeit immer wieder Fälle von Übergriffen seitens der Vermieter: "Manchmal sogar bis hin zu versuchter Vergewaltigung. Weil sie glauben, mit der Frau können sie alles machen. Die hat keinen Job, die ist ohne Mann und ohne Schutz, in seinen Augen." Schuld ist das totale Abhängigkeitsverhältnis - ausgelöst durch einen Wohnungsmarkt, der scheinbar ohne Regeln funktioniert.

Frau Z. steht mit ihrer Geschichte nur stellvertretend für viele. Oder wie sie es selbst treffend formuliert: „Wer mehr Geld hat, hat eben mehr Chancen.“

 

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