„So möchte ich auch sein, wenn ich älter bin"

Sind ältere Models eigentlich einfach nur eine Laune der Modeindustrie?


Ältere Models nicht einfach nur ein Trend. Die Unternehmen haben gelernt, sich um die Zielgruppe, die das Geld hat, zu kümmern. Denn das Image der Älteren hat sich in den letzten Jahren verändert: Cremes für fünfzigjährige Frauen werden nicht mehr von 25jährigen Models verkauft. Tatsächlich wird mit Kundinnen ab Fünfzig Geld verdient - jetzt nähert man sich in der Werbung an diese Realität an. Ich selbst bin seit vier Jahren im Segment der älteren Models unterwegs, ich habe damals gemerkt, dass wir da nicht mehr drum herum kommen.

Was hat sich denn verändert innerhalb dieses Zeitraums?


Seit 2013 beobachte ich eine verstärkte Nachfrage nach älteren Models, das hat sich dieses Jahr noch gesteigert. In meiner Agentur machen die Anfragen nach älteren Models mittlerweile 40 Prozent aus. Vor vier Jahren wurde im Monat vielleicht ein älteres Model, „Typ Großmutter", nachgefragt. Heute wollen Firmen wie Garnier oder Vichy 45- bis 50 jährige Modelle. Eine 60jährige als Trendsetterin würde zu weit gehen, meist sieht die Inszenierung eher family-mäßig aus: Die 60jährige übernimmt die Rolle der Mutter oder auch mal der Großmutter.

Warum setzen Sie denn auf ältere Models?


Letztlich ist Carmen dell' Orefice „schuld". Sie ist eine Freundin von mir und, wie ich finde, eine tolle Persönlichkeit. In Europa kannten die Leute Carmen dell' Orefice lange nicht. Ich fand das komisch, weil sie ja in den USA seit Jahrzehnten eine echte Model-Ikone ist. Dafür, dass sie dann in Europa ein Name wurde, habe ich gesorgt.

Wie macht man denn das, wie geht man da vor?


Wichtig ist, in große Editorials reinzukommen. Carmen hat mehrere Seiten in der italienischen Vogue bekommen, dann kamen 12 Seiten in der Vanity Fair, die Madame mit Interview und Coverstory und die Süddeutsche Zeitung. Die Medien haben eine ungeheure Macht. Sie sind es, die uns sagen: Diese Frau ist Kult, diese Frau ist sexy - oder sie sagen eben: Diese Frau ist zu alt. Durch die Medien sind unsere Kunden auf Carmen dell' Orefice aufmerksam geworden. Sie bekam dann eine Rolex- oder eine MAC-Kampagne. Die kleineren Kunden beobachten das und wollen irgendwie auch mit dabei sein. Wenn sie sich eine Carmen nicht leisten können, dann suchen sie sich eben jemand Vergleichbares.

Warum funktionieren ältere Models so gut als Sympathieträgerinnen?


Jeder hat Angst, alt zu werden. Wenn Frauen grauhaarige Models in der Werbung sehen, ist der Gedanke meist: Wow, die ist toll! Ältere Models werden nicht als Konkurrentin, sondern als Vorbild verstanden - getreu dem Motto: So möchte ich auch sein, wenn ich älter bin. Wenn diese Frauen von den Medien und der Modebranche akzeptiert werden, heißt das, dass ich in dem Alter auch cool aussehen kann und nicht zwingend als alt abgestempelt werde. Und die heute älteren Frauen? Die sehen in der Werbung ihr Spiegelbild.

>>> Weiterlesen auf Seite 2

Können ältere Models denn so viel wie die Jungen verdienen?


Ich komme Ihnen mit einem Beispiel: Vor drei Jahren habe ich Catherine Loewe entdeckt. Die war damals 57 und unter den älteren Models meine erste richtige Entdeckung. Am Anfang musste ich die Fotografen bitten, sie zu fotografieren. Die wollten einfach nicht. Was soll ich mit einer Frau mit Falten, das war damals der Tenor von denen. Ich habe damals schon gesagt: Eines Tages müsst Ihr wissen, wie man eine ältere Frau fotografiert. Mit Catherine habe ich ein Buch gemacht, das ich selbst bezahlt habe.

Wann kamen die ersten Aufträge?


Nach zwei Jahren - zum Glück hatte Catherine genügend Geduld. Aber wenn man ein Image aufbauen will, muss man auch auf Jobs verzichten. Catherine habe ich gesagt: Ich bereite Dich auf etwas Größeres vor - ich möchte Dein Gesicht nicht für Rheumapflaster und Menopause verbraten. Sie hätte sonst auch jeden zweiten oder dritten Tag arbeiten müssen. Das ist in dem Alter sowieso nicht das richtige. Wenn man ein älteres Model durch die Gegend jagt, wäre sie nach einem halben Jahr ausgebrannt.

Und der erste richtige Job?


Den hat sie für Vanity Fair Italy gemacht, ab dem Zeitpunkt ging es los: Eine weltweite H&M Kampagne, jetzt Gaultier für den Laufsteg, Cavalli für eine Accessoire-Kampagne und die Vogue Japan mit Anna dello Russo. Sie hat dort mit den größten jungen Topmodels wie Hanne Gaby Odiele geshootet.

Da verdient eine Hanne Gaby aber sicher mehr?


Bei der Vogue und bei Cavalli haben die jüngeren und älteren Models die gleiche Gage bekommen, bei H&M sah das zuletzt noch anders aus. Da hat Catherine sicher viel weniger bekommen.

Wie funktionieren ältere Models im Modebusiness?


Nach den gleichen Kriterien wie die Jungen, ich mache da keine Unterschiede. Sie müssen einfach in die Kollektionsgröße für High Fashion passen: Ob ein Model 60 ist, ist mir da egal. Für Models, die für Rheumapflaster in der Apothekenzeitung werben, gelten diese Kriterien natürlich nicht. In dem Kontext müssen Models fit und trainiert sein, aber nicht in eine 34/36 passen. Diese Models brauchen dann aber auch nicht vom Cavalli-Lauftsteg träumen.

 

Aktuell