So lassen wir uns von Schönheit blenden

Wer schön ist, muss auch nett sein. Immerhin waren schon die alten Griechen ­davon überzeugt, dass Schönes auch gut ist. Und wir? Sehen das definitiv etwas kritischer. Oder etwa nicht?

Der süße Lover outet sich als aggressiver Arsch, die hübsche neue Mitarbeiterin als dominante Furie und der so vertrauenswürdig wirkende Politiker landet wegen Betrug im Gefängnis. Dabei hätten wir, wo sie doch so lieb aussehen, nur Gutes von ihnen erwartet – enttäuschend! Aber wie kommen wir eigentlich darauf, dass ein Mensch nur, weil er gut aussieht, auch gut ist? Und wer jetzt „Ich glaube das überhaupt nicht!" schreit, muss sich vielleicht eines Besseren belehren lassen. Denn laut Gernot Gerger, Attraktivitätsforscher am Institut EVA – Empirical Visual Aesthetics der Uni Wien, reagieren wir ganz automatisch: „Ein schönes Gesicht anzusehen hat einen ähnlichen Effekt auf uns, wie ein Stück Schokolade in Aussicht zu haben. Beides aktiviert das Belohnungszentrum unseres Gehirns." Der Wissenschaftler untersucht, wie Menschen auf Attraktivität reagieren, vor allem bei Gesichtern und in der Kunst: „Studien zeigen, dass wir innerhalb von Sekundenbruchteilen­ erkennen, ob uns ein Gesicht gefällt." Wir ziehen dann z. B. minimal die Mundwinkel nach oben, wie bei einem leichten Lächeln.


Von guten Genen und bösen Stereotypen

Warum das so ist, hat mehrere Gründe. Zum einen spricht eine gewisse Schönheit für Gesundheit, ein starkes Immunsystem und gute Gene – wichtige Voraussetzungen für gelingende Fortpflanzung. Das zu erkennen ist augenscheinlich Teil unseres biologischen Programms. (Die Schlussfolgerung „Je schöner, desto gesünder" gilt allerdings nicht!) Zweitens zeigt die Forschung, dass attraktive Gesichter vom Gehirn leichter zu verarbeiten sind. Das weckt ebenfalls positive Gefühle – Stichwort Schokolade. Und drittens lernen wir von klein auf das Stereotyp: Was schön ist, ist auch gut. Gerger: „Disney-Filme sind das beste Beispiel. Da sind die guten Charaktere immer schön, während die bösen Figuren immer hässliche Züge haben."

Ein Teil unseres Faibles für Schönheit liegt demnach am Fortpflanzungstrieb. Genau wie über den Geruch erfassen wir instinktiv, wer fürs Kindermachen gut zu uns passt. Allgemeine Schönheitsideale und individuelle Bedürfnisse werden zum persönlichen Beuteschema.

Männer im Vorteil

Was wir allgemein an Frauen attraktiv finden, ist bekannt. Bei Männern ist die Sache etwas schwieriger festzumachen; auch, weil sie, wie der Attraktivitätsexperte sagt, „ein längeres Fruchtbarkeitsfenster haben als Frauen". Deswegen werden Männer nicht so stark über ihr Alter bewertet und die reine Schönheit ist auch nicht so wichtig. Denn sowohl den harten, dominanten als auch den weicheren Männergesichtern schreiben wir für die Fortpflanzung positive Eigenschaften zu. Die maskulinen, mit den durch Testosteron ausgeprägten Kiefern und Augenbrauenwulsten, versprechen gutes genetisches Material – nach dem Gedanken: Wenn der Körper trotz hohem Testosteronlevel so symmetrisch aussieht, muss er ein starkes Immunsystem haben.

Die etwas weniger dominant aussehenden Männer wirken dagegen vertrauenswürdiger. Ihnen werden gute soziale Eigenschaften zugeschrieben – ideal für das Zusammenleben mit Kindern.

Rein in die Schublade

Viel Information, die da an wenigen Merkmalen festgemacht wird. Kann man denn wirklich vom Aussehen auf den Charakter schließen? Gernot Gerger: „Wir Menschen glauben zwar, dass wir besonders gut darin sind, andere aufgrund ihres Aussehens einzuschätzen. Tatsächlich sind wir aber irrsinnig schlecht darin." Studien zeigen, dass nur ganz wenige Eigenschaften wie Offenheit, aber auch Narzissmus, in Gesichtern erkannt werden können. Die Wahrscheinlichkeit, dabei richtig zu liegen, ist allerdings nicht viel höher als beim Münzewerfen.

Trotzdem halten wir stark an unseren ersten Eindrücken fest. Wenn wir mal jemanden in eine Schublade gesteckt haben, kommt der nicht so schnell wieder raus. Gerger: „In der Psychologie nennt man das Confirmation Bias: Wir nehmen Informationen, die unsere Erwartungen erfüllen, eher auf als welche, die ihnen widersprechen." Und so tappen wir, ohne es zu merken, in unsere eigenen Fallen und nehmen dabei in Kauf, dass weniger attraktive Menschen indirekt diskriminiert werden; wenn etwa hübsche Kinder messbar mehr Zuwendung und damit bessere Startbedingungen bekommen als weniger hübsche Kinder. Oder wenn gut aussehende Personen vor Gericht milder bestraft werden: Ihnen nimmt man eher ab, Opfer äußerer Umstände zu sein, als hässlicheren Straftätern.

Das ist doch total ungerecht!

Auf die Frage, wie wir das verantworten können, erwidert der Psychologe, dass Schubladendenken nicht nur schlecht ist: „In einer komplexen Welt ist es manchmal wichtig, zu vereinfachen, um schnelle Entscheidungen zu treffen, und es stecken ja doch kleinste Funken Wahrheit in Stereotypen." Wie beim Fortpflanzungs­aspekt: Da ist es schon gut, wenn wir instinktiv erkennen, wer genetisch zu uns passt. „Das Problem ist nur, dass wir diese Aspekte generalisieren und auf andere Bereiche übertragen."

Je weniger Information wir über eine Person haben, desto eher bewerten wir sie über das Aussehen. Mit dem Tempo, das der digitale Informationsfluss vorgibt, und den bildreichen Accounts, die wir anlegen, um uns selbst darzustellen, bekommt das Aussehen noch mehr Gewicht. Das merkt man auch in der Politik, wenn ein Großteil des Wahlkampfs über die sozialen Medien läuft und darin die Optik der Kandidaten zum Thema Nummer eins wird. Laut Gerger führt das zusammen mit der „Lust am Lästern" zu Entwicklungen, die ziemlich grausam werden können, wenn Kandidaten nicht dem aktuellen Schönheitsideal entsprechen.

Umgekehrt lassen wir uns von Bildern leicht blenden; schenken freundlichen Gesichtern so viel Vertrauen, dass wir die politischen ­Aussagen dahinter gar nicht mehr wahrnehmen, oder schreiben einem Charaktergesicht inklusive imposantem Gehabe Führungsqualitäten zu, auch wenn die Inhalte dagegensprechen. (Ja, Trump ist gemeint.)

Liebe wider Willen

Ein zweiter und dritter Blick sowie das genaue Hinhören zahlen sich also genauso aus wie das Bewusstmachen und Hinterfragen von Stereotypen. Der Wissenschaftler meint: „Durch Lernprozesse und Erfahrungen kann man seine positiven wie negativen Vorurteile schon loswerden – zumindest teilweise." Denn auch, wenn man bereits schmerzlich erfahren hat, dass der fesche Typ ein Trottel, die hübsche Bekannte eine falsche Schlange oder – gesellschaftlich relevanter – der attraktive Politiker total korrupt ist, bleiben möglicherweise trotzdem aus evolutionären, kognitiven und kulturellen Gründen ein paar positive Gefühle übrig. Dann hasst man eine Person, freut sich aber – der Optik wegen – trotzdem, wenn man sie sieht. Und das ist ja wohl ein wirkliches Dilemma.

Schönheit kann aber auch Nachteile haben. Mehr im Interview mit Attraktivitätsforscher Gernot Gerger von der Uni Wien.

 

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