So kämpfen Stadt-Imker gegen das Bienensterben

Ein Haustier haben viele Leute. Oder zwei. Aber mehrere tausend? Warum immer mehr Stadtbewohner auf die Biene kommen und wie (Hobby-)Imkern gegen das Bienensterben hilft.

Hätten wir uns doch vorher schlau gemacht. Der Fotograf und ich stehen inmitten herumsausender Bienen und sind schwarz angezogen. Für Sumsi heißt das: Der Bär ist los – stechen! „Schwarz assoziieren die Bienen mit Fell“, erklärt Susanne Stefans.
Sie hält ein Rähmchen mit Waben voller Honig, Brutzellen und da­rauf herumkrabbelnder Bienen in der Hand. Gerade ist eine Bienenkönigin geschlüpft. Ihr Schwager Matthias Kopetzky, mit dem sie seit drei Jahren imkert, hält den Raucher in den Stock. In dem Metallgefäß brennen Holzspäne. „Waldbrand“, denken Bienen dann. „Sie machen sich fürs Ausziehen bereit und saufen sich mit Honig an, als Wegzehrung. So werden sie träge und stechen nicht“, sagt Susanne. Wir sind beruhigt. Schutzanzüge trägt hier nämlich keiner. Die Honigbiene steht für Fleiß, Organisationstalent und Produktivität, aber auch für schmerzhafte Stiche. „Klar wird man manchmal gestochen“, meint Matthias gelassen, „aber mit der Zeit schwillt es nicht mehr so an.“


Unten summt der Verkehr, oben die Bienen

Der Wind weht heftig um die sieben Bienenstöcke, die am Dach eines Bürogebäudes in Wien-Meidling stehen. Die Aussicht ist fantastisch. Matthias, knapp 50 Jahre alt und Unternehmensberater, hat hier sein Büro. Unten summt der Verkehr, oben summen die Bienen. Ein paar Pflanzen stehen herum, und ein Sonnenwachsschmelzer, mit dem das Restwachs aus den Rähmchen geschmolzen wird, um es, wenn man will, zu Wachsprodukten weiterzuverarbeiten. Im Dachkammerl lagern frische Waben, Gläser und Werkzeug.
Susanne, Mitte 40 und Psychologin, hatte quasi Biene Maja als beste Freundin. „Mein Vater war Imker in Niederösterreich. Der Geruch nach Honig, Wachs und Propolis – das ist eine Kindheitserinnerung. Mir gefällt das Sinnliche am Imkern“, schwärmt sie. „Es interessiert mich, etwas ganz anderes zu machen, als mein Job es ist. Je mehr ich mich mit dem Bienenstock beschäftige, desto narrischer werde ich darauf. Weil es ein Superorganismus ist, bis ins Detail durchorganisiert.“ Das kann auch Matthias bestätigen: „Ich wollte etwas Landwirtschaftliches machen, als Ausgleich. Man lernt so viel über die Umwelt.“

Stadtimkerei Wien Meidling
Stadtimkerei am Dach in Wien Meidling


Tradition

Als Susannes Vater krankheitsbedingt nicht mehr imkern konnte, holte sie das Equipment nach Wien, nahm ihren Schwager beiseite und sagte: „Lass uns das machen.“ Einen Anfängerkurs auf der Volkshochschule später kauften sie zwei Völker von einem Züchter und schleuderten in der ersten Saison schon 50 Kilo Honig. Damals noch mit der Handschleuder, inzwischen lieber elektrisch. Die Imkerei ist körperlich schon fordernd. Die Honigräume etwa, die oben am Stock stehen und von den Bienen mit dem süßen Gold gefüllt werden, haben bis zu 25 Kilo.
Was man für das Hobby also braucht, ist Kraft, Energie, Zeit, Platz und schließlich Geld für die Anfangsinvestitionen. Unter 1.000 Euro geht es kaum, aber Vereine verleihen oft Equipment an Anfänger. Matthias organisiert gerade eine andere Alternative: die Bee-Coop (bee-coop.at), in der alles geteilt wird, auch Wissen. Ein „moderner, urbaner Ansatz für Leute, die nicht alles selber machen wollen“.


Imkern als neues Trendhobby

Immer mehr Stadtbewohner interessieren sich für Bienenhaltung. Am Land war es früher normal, Bienen hinterm Haus zu haben. Seit den 1960er-Jahren war der Trend rückläufig, hebt jetzt aber wieder ab. Vor allem in der Stadt. 23.774 Mitglieder zählte der Österreichische Imkerbund 2014 landesweit. Um 859 mehr als im Jahr davor. In Wien sind 641 Imker gemeldet, im Vorjahr waren es 600.
Bei den neuen Imkern steht nicht der Honig im Vordergrund. Es ist das Interesse an Insekten, am Garteln und Imkern – Natur ist en vogue. Man will die Sinne nutzen, mit den Händen arbeiten, Regionalität leben. „Erdung“, im wahrsten Sinn des Wortes. Als ­Gegenpol zu unserer globalisierten, abstrakten Arbeitswelt.
Die Biene stachelt viele aber auch deshalb zur Aktion an, weil es von überall tönt: Sie stirbt! Spätestens seit dem Film More than honey wissen wir: Den Bienen geht es sehr schlecht. Und: Stirbt die Biene, stirbt der Mensch. „Rund 25 % der Lebensmittelproduktion hat mit der Bestäubung durch Insekten zu tun. Die Biene ist die wichtigste Bestäuberin“, erklärt Karl Crailsheim, Bienenspezialist an der Uni Graz (siehe Factbox). Imkern hilft durchaus, die Bienenpopulation stabil zu halten.
Bienenfreunde ohne Hang zum Handwerk greifen zu anderen Methoden: Pflanzen säen, Projekte unterstützen, Platz zur Verfügung stellen, Bienenpatenschaften übernehmen oder Bienen mieten (bienenpatenschaft.at). Um rund 160 Euro lässt man einen Stock bei sich aufstellen, der nach zwei Monaten abgeholt wird. Dafür gibts Honig und gutes Gewissen.

Bienenhaltung = Männersache?

Hardliner meinen allerdings: Wer Bienen wirklich helfen will, solle einen Kurs machen und sich selbst kümmern. Kurse bieten etwa Volkshochschulen oder die Imkerschule im Donaupark Wien an. In ihnen sitzen auch immer mehr Frauen. Heidrun Singer, spezialisiert auf Bienenköniginnenzucht, war lange die einzige Frau in diversen Gremien. Bis sie die Plattform Imkerinnen Österreich gründete (imkerinnen.at). 2006 erhob sie, dass österreichweit 5 %, in Wien sogar 17 % der Imker weiblich sind. Heute sind es vermutlich noch mehr.
Neben dem Verein Stadt-Imker (stadtimker.at) war auch Heidrun Singer Trendsetterin. 2010 stellte sie medienwirksam die ersten Stöcke auf der Wiener Staatsoper auf. Seither werden immer mehr Dächer zur Bienenheimat: vom Kunsthistorischen Museum über die Secession bis hin zum Steigenberger Hotel Herrenhof. Gut für die Biene, gut für die PR.

Bio-Bienen

Auf dem Dach des WUK, des Werkstätten- und Kulturhauses im 9. Wiener Gemeindebezirk, wohnen die Bienen von Claudia Antonius. Derzeit nur ein Volk, das zweite kam nicht durch den Winter. Auch damit muss man rechnen. Das Wetter ist gerade schlecht, man sieht kaum Bienen.
Claudia will heute lieber nicht in den Stock schauen. Denn Schlechtwetter macht Bienen grantig. Wie Matthias und Susanne imkert auch Claudia nach Biorichtlinien. Sprich: Honig für die Bienennahrung im Stock lassen, mit Biozuckerwasser zufüttern, der Königin nicht die Flügel stutzen, um nur einige Richtlinien zu nennen.

Stadtleben

Wien ist ohnehin ein super Pflaster für Bienen und Honig. Üppige Pflanzenvielfalt in den vielen Parks, weder Monokultur noch Pestizide, und Autoabgase dringen nicht bis in die Blüten vor. Claudia Antonius hat viel Respekt vor Natur und Landwirtschaft, seit sie vor drei Jahren aus dem Imkerkurs kam und zwei Völker für je 90 Euro erwarb. „Im Supermarkt ist immer alles da. Aber dass diese Verfügbarkeit erzeugt werden muss und dass das nicht immer geht, ist mir jetzt bewusst“, erzählt sie, während sie den Schutzanzug anlegt. Den braucht die Künstlerin und Kunsthistorikerin. Sie hat beim Imkern eine Bienenallergie entwickelt. Trotzdem macht sie weiter, zu faszinierend ist das Hobby. „Seit ich Bienen habe, kenne ich alle Pflanzen und weiß, wann sie blühen.“
Das sagt auch Gernot Gangl. Er entspricht (nur) zwei der Klischees, die Susanne lachend über Imker erzählt: „Männlich, über 60, Bauchansatz und Bastler.“ Gernot baut alle Bienenstöcke selbst. Allerdings ist er mit Mitte 50 jünger als der Imker-Altersdurchschnitt, der bei über 60 liegt. Die jüngere Generation ist gerade im Anmarsch. Gernot, früher Maschinenschlosser, wurde von einer Doku übers Bienensterben geködert. Vor fünf Jahren hängte er seinen alten Job an den Nagel und wurde Bio-Imker. Seither vertreibt er Honig, Propolis, Salben und Ähnliches. Dass weniger Geld da ist als vorher, stört ihn nicht. „Was braucht man schon zum Leben?“

Idylle mit Lerneffekt

Rund ein Dutzend seiner Völker stehen in einer verwilderten Baumschule im 22. Bezirk von Wien. Es duftet nach Wachs, Rauch und Kirschlorbeer. Auf allen umliegenden Blüten sitzen Bienen. Von der Tangente rauscht der Verkehrslärm herüber, aber Idylle ist trotzdem. Von Bienen lernt man viel, sagt Gernot. „Zum Beispiel machen Bienen immer weiter, egal, was passiert. Das können wir Menschen uns abschauen.“

Warum sterben so viele Bienen? Und wie können wir helfen? Bienenspezialist Prof. Karl Crailsheim vom Institut für Zoologie der Universität Graz klärt auf.

  • Ist das massenhafte Bienensterben ein Problem?

Ja. Rund 25 % der Lebensmittelproduktion hat mit Bestäubung durch Insekten zu tun. Die wichtigste Bestäuberin ist die Honigbiene. Man könnte ohne sie nicht so viele Lebensmittel herstellen.

  • Was sind die Ursachen?

Das ist nicht leicht zu sagen, es ist eine Mixtur. Die größte Bedrohung bei uns ist die Varroamilbe. Sie befällt alle Bienen, man muss jährlich behandeln. Ein anderes Problem sind landwirtschaftliche Pestizide. Aber auch in Gegenden ohne Pestizide sterben Bienen.

  • Gibt es noch genug Bienen?

Die Zahl der Honigbienenvölker war in den letzten Jahren leicht steigend, die Bienenwirtschaft kann das kompensieren. Bei Wildbienen ist es schwieriger.

  • Wie kann man helfen?

Manche Faktoren, wie schlechte Winterbedingungen, kann man nicht ausschalten. Gegen andere kann man kämpfen. Um die Milbe in Schach zu halten, müssen Imker gut ausgebildet sein. Landwirte versucht man dazu zu bringen, bienenfreundliche Wirkstoffe zu verwenden. An anderen Krankheiten wird gerade geforscht.

  • Bringt es etwas, Bienenstöcke in der Stadt aufzustellen?

Gegen das Bienensterben direkt nicht. Aber wenn Imker die verlorenen Völker ersetzen, treibt das die Population nach oben.

  • Was kann ich sonst noch tun?

Gartenflächen nicht mähen und nicht stark düngen. Den Balkon zu bepflanzen, ergibt zwar keine große Menge Pollen, ist aber gut zum Bienenbeobachten und Sensibilisieren.

 

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