So ist das Leben mit Hochsensibilität

Sogenannte „hochsensible“ Menschen nehmen Reize aus der Umwelt viel stärker und intensiver wahr als andere. Und brauchen dadurch oft mehr Ruhe.

Mensch, bist du empfindlich!“, „Immer bist gleich ang’rührt!“, „Weichei!“, das sind nur einige der Stempel,
die Menschen aufgedrückt bekommen, die besonders viel wahrnehmen. Sensibilität steht nicht hoch im Kurs. Klingt irgendwie nach Schwäche. Doch mittlerweile hat das von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron Ende der 1990er-Jahre erforschte Phänomen einen Namen: Hochsensibilität. Damit sind Menschen gemeint, die besonders feinfühlig und empfindsam sind. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sollen davon betroffen sein. Aber was bedeutet das genau? Immerhin sind wir alle mal schnell ge- oder überreizt.

So ist das Leben als Hochsensibler

Hochsensiblen fehlt quasi der Filter zwischen sich und anderen Menschen, sodass sie viel weniger Reize ignorieren oder ausblenden können. Das bedeutet: „Hochsensible halten nicht weniger aus als andere, sondern nehmen viel mehr wahr und gelangen somit schneller an einen Punkt, wo sie nichts mehr aufnehmen möchten“, sagt Georg Parlow, Experte und Buchautor zum Thema Hochsensibilität. Die Geräusche sind lauter, die Gerüche intensiver, womöglich bohrt der Hosengummi Striemen in die Haut. Charakteristisch ist außerdem das lange „Nachhallen“ von Ereignissen. Brigitte Schorr schreibt in ihrem Buch Hochsensibilität: Empfindsamkeit leben und verstehen (SCM-Verlag, € 8,20), dass Hochsensiblen bestimmte Gedanken, Telefonanrufe oder ein bestimmtes Wort in einer E-Mail besonders lange im Gedächtnis und im Gefühl haften bleiben. „Da jeder Tag aus einer unendlichen Fülle von solchen Reizen besteht, ist es leicht vorstellbar, wie sich der innere Speicher ständig füllt, ohne in dem gleichen Tempo wieder geleert zu werden.“ So geht viel Energie dabei verloren, dass die innere Gedankenwelt sich lange mit einem Thema oder Problem aufhält.


Gerade deshalb haben Hochsensible häufig das Bedürfnis,
sich zurückzuziehen und zu erholen. Für die Umgebung
ist es schwer nachvollziehbar, warum Hochsensible
selbst nach freudigen Anlässen so überreizt sind, dass
sie sich abkapseln wollen oder müssen. Es fällt schwer,
zu begreifen, dass auch das, was man selbst als schön und
angenehm empfindet, für den anderen auch Stress und
Belastung sind.


Wo fängt Hochsensibilität an?

Wo das übliche Maß an Sensibilität aufhört und Hochsensibilität beginnt, ist nicht leicht zu erkennen. Vermutlich liegt es dort, wo für den Einzelnen der Leidensdruck im Alltag wächst. Wissenschaftliche Studien zu dem Phänomen gibt es nicht allzu viele. Manche reden gar von einem boomenden (Trend-)Phänomen und fragen, woher denn plötzlich all die hochsensiblen Menschen kommen. Störung oder Gabe – was ist es also? Es handelt sich nicht um eine Erkrankung, darin sind sich die meisten Experten einig. Auch nicht um eine besondere Gabe. „Sondern vielmehr um eine Spielart der menschlichen Spezies“, sagt Georg Parlow. Es ist eine Eigenheit wie Rothaarigkeit, etwas völlig Neutrales.


Und dieser Wesenszug hat durchaus auch seine Vorteile.
Hochsensible nehmen die Welt viel bunter, intensiver
und Schönes noch viel schöner wahr. Sie können Trends
erspüren und gehen auf Leute zu, denen es schlecht geht.
Das tut der Gesellschaft gut. Denn wir brauchen tiefgründige, nachdenkliche Menschen, die nach dem Sinn im Leben streben und nicht nur dem Wettbewerb nacheifern. Parlow: „Ein Hochsensibler etwa bemerkt die Amsel, die mitten im Stadtverkehr auf einem Baum sitzt und singt, während ein anderer vielleicht genervt an der roten Ampel steht und nervös wartet, bis er weiterhetzen darf.“

 

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