So geht es geflüchteten Mädchen in Österreich

Wir haben mit dem einzigartigen Mädchenberatungszentrum der Caritas Wien darüber gesprochen, wie die Kopftuchdebatte nicht nur das öffentliche Klima, sondern auch das Leben junger geflüchteter Mädchen belastet.

Stellt euch vor ihr seid 15 Jahre alt, habt große Träume und berufliche Pläne für die eigene Zukunft. Doch dann kommt alles anders. Es kommt Krieg und eure Familie muss flüchten. Zwei Jahre später habt ihr ein überwältigendes Fluchttrauma hinter euch, ihr habt Menschen sterben sehen, wurdet vielleicht sogar vergewaltigt. Ihr müsst euch in einem neuen Land zu Recht finden, die Schule schaffen, eure Familie unterstützen. Die Familie braucht dringend Geld, ihr müsst arbeiten gehen und eine Lehrstelle finden oder zumindest einen Samstagsjob. Doch die Arbeitgeber zögern und schauen nur auf das Kleidungsstück auf eurem Kopf. In der Familie übernehmt ihr sehr viel Verantwortung, doch im öffentlichen Leben traut euch kaum jemand etwas zu. Auf der Straße fühlt ihr euch nicht sicher, denn immer öfter wird euch das Kopftuch einfach brutal heruntergerissen. An wen könnt ihr euch wenden?

Geflüchtete Frauen sind kein Opfer

In der öffentlichen Debatte sprechen wir oft über das Geschlechterbild von Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, und Mädchen mit Fluchtgeschichte werden dabei häufig in eine Opferrolle gedrängt, anstatt dass wir uns ehrlich mit ihrer Geschichte beschäftigen würden. Denn das sind starke Frauen, genau wie du und ich. Alles was sie brauchen, ist jemand, der sie unterstützt, sich in einer neuen Umgebung zu Recht zu finden und der an sie glaubt. Dafür gibt es das *peppa Mädchenzentrum. Eigentlich bräuchten wir so ein *peppa in jedem Wiener Bezirk, denn mädchenspezifische Betreuungsangebote sind rar.

Mädchenzentren: Hier werden die jungen Frauen aufgefangen

Ein Blick ins *peppa zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem wurligen Leben dieser Räumlichkeiten in Ottakring. Was man nicht sieht, ist die viele stille Arbeit, die dahinter steckt. Die vielen Gespräche über psychische Belastungen, Probleme in der Familie, Herausforderungen in der Schule, Freundinnen, Gewalt oder Sexualität. Wir haben das *peppa Mädchenzentrum besucht, um ein bisschen mehr über die Lebensrealität junger Frauen mit Flucht- und Migrationshintergrund zu erfahren.

Peppa Mädchenzentrum

Warum ist es wichtig, dass es mädchenspezifische Betreuungsangebote gibt?

Karima Aziz, Teamleiterin des *peppa Mädchenzentrums: Das hat unterschiedliche Gründe, dabei sind zwei besonders wichtig: Im Kontext mit Fluchtgeschichte und Migration gibt es ganz spezifische Problemlagen, die in einem gemischten Kontext gar nicht so bearbeitet werden könnten. Da geht es viel um Vertrauensarbeit. Die Mädchen öffnen sich den Betreuerinnen bei vielen Themen leichter, wenn sie nicht Dominanzen von Burschen ausgesetzt sind, wie sie es ohnehin von der Schule oder vom Park gewohnt sind.

Andererseits sehen manche Familien gemischte Einrichtungen kritisch. Wir wollen es ja nicht fördern, dass den Mädchen nicht erlaubt wird, in gemischte Einrichtungen zu gehen, andererseits würden wir gar nicht an sie herankommen, wenn wir Burschen bei uns hätten.

Wie finden die Mädchen das *peppa Mädchenzentrum?

Karima: Am Anfang kamen natürlich viele aus der Nachbarschaft und aus benachbarten Schulen. Mittlerweile hat das eine Eigendynamik entwickelt, viele nehmen ihre Schwestern, Cousinen oder Freundinnen mit.

Aber viele Mädchen werden auch von anderen Institutionen zu uns geschickt, wenn zum Beispiel Lehrerinnen merken, dass ein Mädchen isoliert ist oder Hilfe beim Lernen braucht. Auch von Flüchtlingsunterkünften, Deutsch-Kursen oder sogar aus der Jugendpsychiatrie bekommen Mädchen empfohlen, sich an das *peppa Mädchenzentrum zu wenden.

Peppa Mädchenzentrum

Kommen nur Mädchen mit Migrationshintergrund ins *peppa?

Magdalena, Betreuerin im *peppa Mädchencafé: Nein, es ist gemischt, da wir einen integrativen Ansatz verfolgen. Das macht die Finanzierung für uns oft schwieriger, da viele Fördergeber Geld entweder spezifisch für Flüchtlinge oder für Jugendliche ohne Migrationshintergrund gewidmet haben. Aber unser niederschwelliger Ansatz bedingt einfach, dass alle zu uns kommen können, und man sich nicht irgendwo registrieren oder anmelden muss.

Peppa Mädchenzentrum

Eine Aktion des Mädchenzentrums zum Frauentag

Mit welchen Problemen kämpfen junge Mädchen mit Fluchtgeschichte?

Karima: Wenn sie ins *peppa kommen, sind sie meistens schon 4-5 Monate da. Da haben sie oft schon Basiskenntnisse in Deutsch. Aber die Sprache ist ziemlich schnell gegessen: In diesem Alter lernen sie wahnsinnig schnell. Das größere Problem ist Bildung.

Magdalena: Viele geflüchtete Mädchen kommen aus Familien, die eine hohe Erwartungshaltung haben und erwarten, dass ihre Töchter unbedingt studieren gehen müssen. Wenn man aber vielleicht zwei traumatische Jahre Fluchtgeschichte hinter sich hat und sich erst mal an alles gewöhnen muss, ist es nicht leicht die Schule zu schaffen, geschweige denn Matura zu machen. Die Erwartungshaltung der Eltern passt oft nicht mit den realen Bedingungen zusammen, vor allem da sie oft auch dringend Geld brauchen. Da bedarf es dann ganz viel Aufklärungsarbeit, was es für Möglichkeiten gibt, dass es auch nicht schlimm ist, jetzt mal eine Lehre zu beginnen, und dass man immer noch die Option hat, später auf dem dritten Bildungsweg ein Studium zu machen.

Lehrstellensuche ist allerdings auch ein reales Problem, da auch hier die Angebote begrenzt sind. Wir sind mit anderen Institutionen vernetzt, die uns manchmal offene Stellen weiterleiten, aber hier bedarf es mehr Offenheit von den Unternehmen.

Wie halten die Familien der Mädchen es mit Emanzipation und Gleichberechtigung?

Karima: Gerade Familien, die erst vor kurzem geflüchtet sind, haben eine wahnsinnig hohe Erwartungshaltung an die Mädchen. Da sie schneller Deutsch lernen, müssen sie sehr viel Verantwortung übernehmen: Hilfe bei der Wohnungssuche, Arzttermine ausmachen, Mindestsicherungsantrag schreiben, etc. Wir helfen aber auch bei all diesen Sachen.

Insgesamt kommt es aber immer darauf an, welchen sozioökonomischen Status und Bildungshintergrund die Familien aufweisen. Es kommt schon auch vor, dass Eltern überfordert sind mit dem hiesigen Lebensstil ihrer Töchter, weil sie das einfach überhaupt nicht kennen und nicht wissen, was sie die ganze Zeit machen. Das sorgt für Verunsicherung. Wir leisten hier viel Verständnisarbeit: Wenn die Tochter möchte, darf sie unabhängig und selbstständig sein. Oft hilft es, wenn jemand anderer als die Teenagerin mit den Eltern spricht und erklärt.

Wie erleben die Mädchen Diskriminierung im österreichischen Alltag?

Magdalena: In letzter Zeit wird uns immer öfter erzählt, dass Mädchen auf der Straße das Kopftuch heruntergerissen wird. Dann kommen sie zu uns und machen sich Sorgen: „Glaubst du, ich bekomme nie einen Job, weil ich Kopftuch trage?“ Sie wissen auch nicht, wie sie auf solche Übergriffe reagieren können. Ein Mädchen hat mir erzählt, wie schwierig es für sie ist, einen Samstagsjob zu finden. „Nicht einmal die Politik will das Kopftuch!“, hat der Arbeitgeber zu ihr gesagt.

Man sollte solche Übergriffe nicht unterschätzen, das ist ein Gewaltakt gegen Frauen, der einen als Mensch extrem verunsichert. Die Unsicherheit in der Bevölkerung steigt, solche Vorfälle haben in letzter Zeit zugenommen.

Wie stehen Sie dementsprechend zum Kopftuch-Verbot im öffentlichen Dienst, das unlängst von der Regierung beschlossen wurde?

Karima: Dazu eine Anekdote aus unserer Lernhilfe: Wir haben zwei tolle Lehramtsstudentinnen, die mit unseren Mädchen lernen. Eine davon trägt Kopftuch. Sollte dieses Verbot soweit gehen, dass es dann sogar in der Schule verboten ist, dann hätte diese Frau ihren Lebensweg wohl anders gewählt.

Magdalena: Je mehr dieses Thema öffentlich diskutiert wird, umso mehr Anfeindungen sind junge Mädchen ausgesetzt, weil sie als Muslimas immer als Symbol für eine ganze Gesellschaftsgruppe stehen. Sie kriegen alles ab.

Wie gehen Sie mit Frauengesundheit im Mädchenzentrum um?

Magdalena, Projektleiterin *peppamente: Die letzten fast eineinhalb Jahre konnten wir glücklicherweise ein tolles Projekt namens „peppamente“ umsetzen. Das ist ein Gesundheitsprojekt für Mädchen und junge Frauen zu geistig-seelischer Gesundheit und sozialem Wohlbefinden, dafür haben wir auch den Wiener Gesundheitspreis bekommen.

Im Zuge dieses Projekts konnten wir viele Dinge besprechen. Wir haben Workshops zu Gewaltprävention oder über sicheren Umgang im Netz organisiert. Es gab Theaterworkshops zu Bewerbungstrainings oder Situationen im Alltag, wo zum Beispiel Mobbing nachgespielt wurde. Wir hatten auch wöchentliche Gesprächsrunden, wo wir sehr individuell auf Themen eingehen konnten, die die Mädchen gerade stark beschäftigen. Das kann von Freundinnen, Eifersucht, Liebe, Geschwister oder verschiedenen Ängsten alles sein. Wir haben auch viel über starke Frauen, Feminismus und Politik gesprochen. Um die Partizipation der Mädchen zu fördern, haben sie zum Beispiel einen Mädchenrat gegründet, wo sie auch ihre Ideen für das *peppa Mädchenzentrum einbringen können.

Gibt es schon Erfahrungen zu den Auswirkungen des Projekts?

Magdalena: Die Auswertung hat gezeigt, dass wir wirklich viele Mythen brechen konnten, vor allem im Bereich Frauengesundheit. Viele Mädchen dachten, sie wären keine Jungfrau mehr, wenn sie ein Tampon verwenden und haben deswegen keine verwendet. Tolle Ergebnisse gab es auch auf der emanzipatorischen Ebene: Auf die Frage, welche starken Frauen sie kennen, haben alle neben sich selbst auch dezidiert die *peppa-Mädchen aufgezählt.

Das ist eigentlich das Wichtigste, was wir hier machen können: Durch die Beziehungsarbeit lernen die Mädchen jeden Tag, dass wir alle an sie glauben und sie als unglaublich mutig und stark empfinden. Und dadurch werden sie darin bestärkt, sich selbst so zu sehen.

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