Slacktivism: Warum ein Like nicht die Welt verändert

Gute Dinge sollte man unterstützen. Aber reichen dafür ein paar Likes, oder ist das nur Pseudoaktivismus? Das haben wir Annemarie Schlack von Amnesty International Österreich gefragt.

Slacktivism: Warum ein Like nicht die Welt verändern wird

Liken, sharen, kommentieren: Die sozialen Netzwerke brummen -oft mit sozial engagiertem Inhalt. Und doch gibt es Kritik an der geschäftigen Gut-Tuerei per Mausklick. "Slacktivism" ist das Stichwort, zusammengesetzt aus den Begriffen "slacking" - für faul herumhängen - und "activism" für Aktivismus. KritikerInnen werfen den "SlacktivistInnen" vor, nur engagiert wirken zu wollen, aber nicht wirklich etwas zu tun. Ist da was dran oder bringt das Sharen und Reden vielleicht doch etwas? Annemarie Schlack ist Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich und beantwortet unsere Fragen.

Vor ein paar Jahren hatte man das Gefühl, dass Social Media wahre Revolutionen auslösen könnten - Stichwort "Arabischer Frühling". Haben Sie den Eindruck, dass dieser Optimismus mittlerweile etwas abgeflaut ist?
Annemarie Schlack:Ich beobachte es schon auch kritisch, aber ich denke mir, Kampagnen wie etwa #MeToo können -gerade, wenn sie großen Zuspruch auf Social Media bekommen -in der realen Welt wirklich etwas verändern. Die sozialen Medien bieten Möglichkeiten, sich weltweit zu vernetzen, etwa Demonstrationen zu organisieren, Projekte weiterzubringen. Die Unterscheidung zwischen Social Media und realer Welt gibt es für mich nicht, denn die sozialen Medien sind real.

Mittlerweile hat sich der Begriff Slacktivism entwickelt. Was denken NGOs wie Amnesty darüber? Ist das für Sie ein Thema?
Man muss ehrlich sagen: Ein Like verändert noch nicht die Welt. Auf der anderen Seite können viele Menschen, die sich auf Social Media engagieren, die Welt für eine konkrete Person verändern. Wir haben im letzten Jahr über 50 Menschen -auch durch Onlineunterschriften -entweder aus dem Gefängnis geholt oder ihnen aus einer gefährlichen Lage geholfen. Es haben sich über 30.000 Menschen in Österreich engagiert -mit einer Unterschrift oder über Twitter oder Facebook. Und das hat wirklich reale Verbesserungen für Menschen zur Folge.

Wie kann man sich das genau vorstellen?
Vielleicht ganz kurz ein konkreter Fall: Theodora in El Salvador. Sie war jahrelang im Gefängnis nach einer Fehlgeburt, weil das dort als Mord eingestuft wird. Es haben sich auf der ganzen Welt 230.000 Menschen für sie eingesetzt -da waren auch viele, viele Onlineunterschriften dabei -, und dadurch ist sie freigekommen. Das heißt: Ja, da gibt es auch konkrete Auswirkungen.

Aber verstehen Sie die grundsätzliche Kritik an dieser Art von Aktivismus per Mausklick, etwa am Profilbild-Umfärben und ähnlichen Aktionen?
Ja, ich kann die Kritik verstehen. Es ist vielleicht auch eine Modeerscheinung, und es geht sicher auch um die Egos -wir wollen alle wertgeschätzt werden für das, was wir tun, und Zuspruch erhalten. Ich sehe es aber nicht so kritisch. Ich denke mir: Gerade bei Amnesty ist jeder Mensch, der etwas unterstützt, für uns wertvoll -und aus welchen Beweggründen man das macht, das muss man, glaube ich, mit sich selbst ausmachen.

Es wird gerne kritisiert, dass "Slacktivisten" kein Risiko eingehen. Muss Aktivismus riskant sein?
Nein, Aktivismus muss überhaupt nicht riskant sein. Wir haben in Österreich die glückliche Lage, in einem Rechtsstaat zu leben, wo unsere Menschenrechte zum sehr großen Teil auch respektiert werden. In anderen Ländern ist ein Like oder das Teilen eines Inhalts ein großes Risiko. Menschen werden dafür inhaftiert - in Saudi-Arabien, in China. Und deswegen sollten wir von unserer Möglichkeit hier Gebrauch machen, uns zu engagieren. Man muss nicht an vorderster Front stehen und sich in eine Schlacht werfen.

Was man oft an Kritik liest, ist, dass durch eine starke Onlinebeteiligung manchmal ein falsches Bild von einer großen Mehrheit für ein Thema entsteht, die in der Realität gar nicht da ist -Stichwort Filterblase ...
Um ein Thema groß zu machen, braucht es schon mehr, als eben in der Blase geteilt zu werden. Aber wenn ein Thema wirklich großflächig auf der Bildfläche erscheint, dann bedeutet das schon, dass da sehr, sehr viele Menschen dahinterstehen. #MeToo hat wirklich viele Bubbles erreicht und auch durchbrochen. Das hat dann schon seine Berechtigung.

Wie messen Sie den Erfolg einer Kampagne - am Geld, das gesammelt wird, oder an der Zahl der Menschen, die sharen und darüber reden?
(Lacht.) Das wäre viel zu einfach. Wir messen es natürlich schon am konkreten Erfolg. Wenn zum Beispiel letztes Jahr ein Kollege von mir in der Türkei, Taner Kılıç, nach monatelangem Campaining und auch Social-Media-Aktionen endlich aus dem Gefängnis kommt, dann ist das ein Erfolg, der wirklich unter die Haut geht. Bei anderen Kampagnen, die breiter sind, da schauen wir: Wie sichtbar ist das Thema? Wie viele Menschen haben dann vielleicht auch ein Posting gelesen und geteilt? Aber vor allem auch: Mit wie vielen Entscheidungsträgerinnen haben wir dann auch gesprochen?

Orientieren sich die Entscheidungsträger und -trägerinnen an solchen Social-Media-Bewegungen?
Ja. Früher waren es die klassischen Medien - und sie sind es sicher auch heute noch zu einem Großteil -, aber die Regierungsvertreterinnen und -vertreter können Social Media schon seit Längerem nicht mehr ignorieren; im Gegenteil, sie nutzen sie auch selbst für ihre Positionierungen. Social Media sind wirklich ein Faktor geworden in der öffentlichen Meinung, und den wollen wir auch nutzen.

Was kann ich tun, wenn ich mich für Amnesty International engagieren will?
Das Einfachste wäre, auf die Seite amnesty.at zu gehen, auf "Mitmachen" zu klicken und sich dann je nach Lebenssituation zu überlegen: Möchte ich wo online unterschreiben? Das ist genug, das reicht auch. Im Moment haben wir eine Petition Sag's Kurz: Wir wollen, dass die Regierungsverhandlungen auch Menschenrechte als Basis haben. Oder, wenn man mehr Zeit hat: Bitte, kommen Sie vorbei, in eine Gruppe. Oder werden Sie ehrenamtliche Menschenrechtsbildnerin bei uns -machen Sie Workshops in Schulen. Es ist für jeden was dabei!


Generell: Wie kann man Menschen dazu bewegen, aktiver zu werden?
Für uns ist der Schlüssel, dort zu sein, wo die Menschen sind. Auf Social Media, aber auch offline Angebote zu machen -das bewegt sehr viel.

 

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