Skandalrede von Autorin

Die erfolgreiche deutsche Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff bezeichnet bei einer Rede in Dresden künstlich gezeugte Kinder als Halbwesen, weil sie ohne Sex gezeugt wurden. Und nennt künstliche Befruchtung "abscheulich". Wienerin.at-Autorin Eva Jankl fragt sich, wie weit darf künstlerische Freiheit gehen?

Sie ist keine Mutter. Das ist ist aber auch die einzige Entschuldigung, die ich für Sibylle Lewitscharoff(57) finden kann. Und ehrlicherweise ist auch diese ziemlich schwach. In ihrer Rede im Dresdner Staatsschauspiel am 2. März bezeichnet die Schriftstellerin künstliche gezeugte Kinder als Halbwesen, die irgendwann im Leben von der Wahrheit über das Zustandekommen ihrer Zeugung eingeholt werden würden. Ihre Worte lösen dabei große Empörung aus. Zurecht, wie ich meine.

Unerfüllter Kinderwunsch - Wenn der Arzt die Kinder macht.

Wie kann eine intelligente Frau, die es seit 1998 insgesamt 21 Literaturpreise eingeheimst hat, zuletzt 2013 den Georg-Büchner-Preis, solche Schlüsse ziehen? Ist das Leben weniger wert, nur weil man nicht im Bett gezeugt wurde? Haben sich Eltern weniger lieb, nur weil sie zusätzlich die Hilfe einer künstlichen Befruchtung in Anspruch nehmen müssen? Und vor allem: Macht es für das Kind einen Unterschied, wie die Ei- und Samenzelle von Mutter und Vater zueinandergefunden haben? Quatsch!

Ich bin zweifache Mutter und hatte das Glück, dass ich bei der Zeugung keine Starthilfe gebraucht habe. Aber wäre diese nötig geworden, hätte ich nicht eine Sekunde gezögert. Und ich bin mir absolut sicher, dass ich meine Kinder - ob natürlich oder künstlich gezeugt - jede Sekunde meines Lebens lieben würde. Und noch viel sicherer bin ich mir, dass die Kinder, wenn sie dann einmal begreifen, dass es weder der Storch noch irgendwelche Bienen und Blümchen beim Zustandekommen der neuen Erdenbürger eine Rolle spiele, erst einmal geschockt sein werden- egal wie genau die Umstände ihrer Zeugung waren. Zumindest war ich es, als meine Mutter mich aufgeklärt hat. Aber als Zehnjährige hat man einfach ein anderes Verständnis von „sich gerne haben". Wahrscheinlich wäre eine künstlich Befruchtung zu diesem Zeitpunkt sogar noch leichter nachzuvollziehen.

Übrigens habe ich Freunde, bei denen das Kinderkriegen auf natürlichem Wege nicht geklappt hat. Und ich muss sagen: Das Ergebnis der Reproduktionsmedizin ist einfach entzückend. Ich kann mir kein lieberes Kind vorstellen (außer meinen eigenen natürlich) und keine liebevolleren Eltern. Als ob so etwas ein Kriterium wäre!

Also liebe Frau Lewitscharoff: Schämen Sie sich! Auch die Vergleiche mit den Kopulationsheimen im Nationalsozialismus sind absolut unangebracht. Wie kommen Paare, die sich nichts mehr wünschen als ein Kind, dazu, sich mit nationalsozialistischen Vorgehensweisen vergleichen zu lassen? Und auch wenn Sie Ihre Rede jetzt im Nachhinein relativieren. Manches lässt sich einfach nicht zurücknehmen. Außerdem waren Sie bis gestern (6. März) nicht einmal dazu bereit!

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