Sinn und Sinnlichkeit

In Beziehungen betonen wir das Vertrauen und meiden das Chaos. Keine gute Idee, meint der Psychologe Jürgen Kriz. Ein Gespräch über Weltpremieren und kreative Paare.

Bei Chaos denkt man an fehlende Sicherheit, Kontrollverlust, Randale, Umsturz ... Was soll also gut daran sein?


Chaos ist ein Modewort, unter dem wir die unterschiedlichsten Phänomene vereinen. Ich selbst spreche lieber von Komplexität. Wenn es nicht zu viel von ihr gibt, ist sie gut - genau wie Ordnung. Wir brauchen beides, setzen jedoch in unserer Kultur einseitig fast nur auf Kontrolle und Ordnung. Wir sehen nicht, dass das Gegenteil von Zwangsordnung die Selbstorganisation ist und nicht die Anarchie, wie viele meinen. Deshalb betone ich die andere, „chaotische" Seite, das Kreative, die anpassungsfähige Veränderung - denn die kommt oft zu kurz. Und ganz ehrlich: In einer Welt, die nur vorhersehbar, also völlig geordnet wäre, würden weder Sie noch ich leben wollen.

Worin besteht die Gefahr von zu wenig Komplexität?

Ordnung hat zwar den Vorteil, Komplexität zu reduzieren und Vertrautes zu schaffen. Kinder etwa wollen Schlaflieder vorgesungen bekommen, die sie schon tausendmal gehört haben, denn die vertrauten Wiederholungen sind etwas ganz Tolles. Aber man will ja nicht nur schlafen! In Paarbeziehungen etwa braucht es nicht nur das Vertraute, sondern ab und zu auch Welturaufführungen. Wenn Paare in die Therapie kommen, erleben wir Therapeuten häufig Folgendes: Der eine hört dem anderen gar nicht mehr zu, sondern filtert nur noch heraus, was er schon hundertmal gehört hat, weil es ihm so vertraut ist. Sein Gegenüber hat gar keine Chance mehr, etwas Neues einzubringen. Es fehlt dann die positive Seite von Komplexität: Dass etwas einmalig ist, kreativ, und dass man das Hier und Jetzt erlebt.

Das heißt, zu viel Ordnung lähmt uns im Erleben?

Noch einmal: Positiv betrachtet ist Ordnung das Vertraute. Aber wer immer schon weiß, was kommt, der ist, psychisch betrachtet, fast schon tot. Weil das von außen an uns Herankommende immer im Lichte alter Muster gesehen wird. Und so hält man an der alten Ordnung fest, sich gegenseitig wahrzunehmen und zu interpretieren. Sich aber lebendig fühlen - und das wollen wir ja alle - heißt: Raus aus den Ordnungsschemata! Gehen Sie vom Sinn in die Sinnlichkeit! Sinn ist das Abstrakte, das festgeschriebene „Ich weiß eh, wie's geht". Sinnlichkeit bedeutet: hinschauen, -hören, fühlen, schmecken, riechen. Vertrauen Sie Ihren Sinnen mehr, dann werden Sie lebendiger.

Können wir das üben?

Ja, indem Sie es einfach tun. Wann haben Sie beispielsweise das letzte Mal den Partner wirklich genau angeschaut? Machen Sie das einmal sieben Minuten lang, ohne zu reden. Man kann natürlich auch durch kreative Medien sinnlicher werden und Neues, Unmittelbares erleben.

Sie meinen, Bilder malen hilft?

Ja, auch wenn es sich für Sie banal anhört. Es muss aber keine Malerei sein, jeder kreative Akt hilft. Anfangs steht uns die Ordnung im Weg, unser schematisches Denken nach dem Motto „Ich bin doch kein Künstler, ich kann nicht, wozu soll ich das tun". Doch darum geht es nicht. Wenn wir nicht durch Alltagssprache, wie wir es normalerweise tun, die Ordnung aufrechterhalten, sondern auf ungewöhnliche Weise kreative Prozesse stärker ins Leben einziehen lassen, werden wir sinnlicher. Diese Nicht-Alltagssprache kann alles Mögliche sein: Geschichten erfinden, Gedichte schreiben, Musizieren oder Tanzen - dann aber nicht genormten Standardtanz, sondern Ausdruckstanz.

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Unordnung verstärkt Vorurteile, stellten niederländische Forscher in einer Feldstudie fest. Auf einem vermüllten Bahnhof äußerten (hellhäutige) Menschen öfter Vorverurteilungen gegenüber Homosexuellen und Muslimen und rückten deutlicher von ihren Sitznachbarn ab, wenn diese dunkelhäutige Männer waren, als in einem zweiten Experiemnt in ordentlichem, sauberem Umfeld.

Wenn wir weniger Sinn und mehr Sinnlichkeit anstreben sollten, ist dann die Suche nach dem Sinn des Lebens eigentlich völlig verkehrt?

Wir können gar nicht anders, als ständig Sinn in der Welt zu suchen - selbst bei Katastrophen. Die Gefahr bei Sinn ist jedoch, dass er zu etwas Abstraktem gerinnt, was heute, unter neuen Umständen, keinen Sinn mehr ergibt - genau das kritisieren wir ja ständig an Institutionen. Wenn Sie den Wiener Psychiater Viktor Frankl nehmen, betonte dieser, dass die Suche nach Sinn für uns Menschen ganz zentral ist. Aber nicht nach DEM Sinn, sondern nach Sinn, der immer wieder erneuert werden muss. Sobald man „den einen Sinn" gefunden hat, ist das hochgefährlich.

Jetzt haben wir über das Positive von Komplexität geredet - zugleich erleben wir aber, wie die gestiegene Komplexität im Leben uns verunsichert: Globalisierung, Chaos an den Finanzmärkten, komplexere Bürokratie ...

Durch gestiegene Komplexität verlieren wir unsere Selbstwirksamkeit, das stimmt. Wenn wir keinen Zusammenhang zwischen unserem Handeln und dessen Erfolg erleben, werden wir entweder wütend oder apathisch. In Deutschland führte das Gefühl verlorener Selbstwirksamkeit zu den Massenprotesten gegen Stuttgart 21. Gleichzeitig ist das ein gutes Beispiel dafür, dass es mit Arbeit und auch mit Angst verbunden ist, sich gegen die Zwangsordnung aufzulehnen und für Kreativität einzustehen.

Wobei die Frage ist, ob bei den Stuttgart 21-Protesten überhaupt etwas herumgekommen ist ...

Auch wenn letztlich der Bahnhof genau so gebaut werden wird, wie geplant: Das Auflehnen gegen die Ordnung hat etwas gebracht. Die Bürger sind ein bisschen wacher geworden und sagen sich: „In Zukunft kümmern wir uns vorher um das, was uns betrifft" - und sie sorgen dafür, dass nicht sinnentleerte Ordnung herrscht, sondern sie ihre kleinen Freiheitsgrade auch nutzen.

Wir halten fest: Ein bissl mehr Chaos, pardon, Komplexität und ein bissl weniger Ordnung täte uns gut?

Wir alle schwanken zwischen diesen beiden Polen, beide Extreme sind nicht lebbar. Mal sind wir eher dem einen zugeneigt, mal dem anderen - privat wie beruflich. Und der eine schwankt mehr zur Ordnungsseite, der andere eher auf die Chaosseite. Das ist normal. Ein gutes Motto ist das Goethe'sche „Stirb und werde": Wer sich entwickeln will, muss immer wieder alte Ordnungsstrukturen aufgeben und sich an neue Bedingungen anpassen.

 

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