Single-Chancen, Single-Fallen

Chance auf den Traumpartner. Es kann immer und überall passieren – dass man plötzlich vor jemandem steht, durch den sich alles ändert.

Wenn man als verheiratete Frau auf seine Single-Zeiten zurückschaut, dann grinst ein Auge, und das andere greint. Denn was man da als Erstes sieht, ist ein buntes Riesending, das gleichzeitig ein hallendes Nichts ist: die Chance. Das lachende Auge des im sicheren Ehehafen Gelandeten sieht das Nichts darin. Die leeren Kilometer mit leeren Menschen in halbleeren Lokalen. Das alleine nach Hause Gehen, alleine Schlafen und alleine wieder Aufwachen. Die nicht vorhandenen Hände, die einem über den Rücken streichen.

Das weinende Auge des fix vergebenen Menschen aber sieht die unendlichen Möglichkeiten, die ein Single in seinem Leben noch hat. Kann sein, dass er eines Tages mit einem coolen Künstler in einem New Yorker Loft wohnt. Oder mit einem Banker in einer Villa am See. Vielleicht macht der Single auch eine lange Weltreise und lernt in Timbuktu den Sohn eines Scheichs kennen, wer weiß, alles ist denkbar. Alles ist denkbar, bevor man mit einem ganz bestimmten Menschen bestimmt hat, zusammen zu leben. Dann ist es wie im Roulette "les jeux sont fait". Die Entscheidung ist gefallen, entweder für Rot oder Schwarz oder 23 oder 65, und mit dieser Entscheidung muss man dann auch tagein, tagaus leben und sich morgens beim Zähneputzen das Waschbecken teilen.

Singles haben's also gut

Und Singles haben's auch wieder nicht gut. Je nachdem. Sicher ist nur: In ihrem Leben kann es jederzeit einen Wendepunkt geben. Egal, ob sie morgens um Semmeln gehen oder abends auf ein Glas Wein. Überall könnten sie diese eine Person treffen, mit der sich alles ändert: das Ich zum Wir. Der soziale Status. Die Toast-Größe. Die Relation von Schokolade und Sex am Sonntagnachmittag.

Tja, und aus der Tatsache, dass diese Chance eigentlich hinter jeder Ecke lauern könnte, ergeben sich für den Single spannende Fragen. Solche wie: Muss ich immer frisch gewaschene Haare haben? Oder soll mir das egal sein, damit ich mich nicht völlig verkrampfe? Erkenne ich eine Chance überhaupt (vor allem, wenn es Winter ist und sie gerade eine Pudelhaube aufhat)? Bin ich imstande, sie auch beim Schopf zu packen, oder bin ich zu linkisch, zu direkt, zu schüchtern oder was auch immer? Muss ich Chancen suchen, oder kommen die schon von alleine auf mich zu, weil der Richtige ohnehin im kosmischen Plan für mich vorgesehen ist? Kann ich eine Chance eigentlich von einer Falle unterscheiden? Und zu guter Letzt: Würde ich einer Chance auch wirklich eine Chance geben?

70 Prozent der Männer finden die Haare einer Frau im Vergleich zu anderen Schlüsselreizen sehr wichtig.

Zur ersten Frage: Top gepflegte Haare zu haben kann nie schaden. Denn Haare sind, wie Persönlichkeitspsychologen in Studien herausgefunden haben, Informationsträger ersten Ranges. Das heißt, sie verraten sowohl Faktoren wie Alter und Gesundheitszustand als auch die soziale Gruppenzugehörigkeit und den gesellschaftlichen Rang. Und nicht nur das: 70 Prozent der Männer finden die Haare einer Frau im Vergleich zu anderen Schlüsselreizen sehr wichtig - ein fettiger Flusenlook kann demnach einen so stark negativen Eindruck machen, dass andere attraktive Merkmale übersehen werden.

Leichtigkeit des Seins

Die Wichtigkeit des Zustandes dieser "fadenförmigen Oberhautgebilde" (dtv-Lexikon) sollte dennoch einen anderen Einserfaktor nie übertreffen: den, nicht krampfhaft zu suchen. Zugegeben, das ist - besonders nach längerer Beziehungspause oder bei laut tickender biologischer Uhr - keine leichte Angelegenheit. Aber der latente Partnerwunsch bei jedem Schritt ins Freie kann einem Augenausdruck und Aura einer hungrigen Hyäne verleihen. Und welcher halbwegs nette Mann würde so ein Wesen schon auf einen Kaffee einladen? Eben. Ganz abgesehen von der negativen Wirkung nach außen lässt einen die Fixiertheit auf "die Chance" auch innerlich verarmen. Interessen, Freunde, Hobbys, sie alle verblassen dann neben dem Wunsch, nicht mehr allein zu sein. Genau damit wird man aber erst recht einsam. Deswegen lautet die Grundregel für jeden Single (der es nicht bleiben will): Du sollst dir selbst dein bester Liebhaber sein. Du sollst einen Sonnenuntergang allein genießen können - und nicht dabei unglücklich sein, weil keiner neben dir sitzt. Du sollst mit dir selbst ins Reine kommen - und alles machen, was du schon immer machen wolltest. Egal, ob das jetzt eine sauteure Zahnregulierung, eine Aussprache mit der Mutter oder eine Ausbildung zur Shiatsu-Masseurin ist. Und: Du sollst deine Reise durch Zeit und Raum und Erfahrung lieben. Frei sein, atemberaubend frei von Bildern und Illusionen, die dir die Sicht verstellen.

Man sieht nur mit dem Herzen richtig gut.
von "Der kleine Prinz", Saint Exupéry

Und damit kommen wir auch zum Punkt mit der Pudelmütze. Der kleine Prinz von Saint Exupéry sagt ja: "Man sieht nur mit dem Herzen richtig gut." Wer also selbst sein bester Lover ist - und demnach mit seinem Herzen in Verbindung - dürfte den Richtigen schon erkennen, selbst wenn er mit einer potthässlichen Wollhaube vor einem steht. Chancen übersehen wird man dann, wenn man ein Dia vor der Optik hat. Ein Dia vom Traumpartner, wie man ihn sich in seinem inneren Jungmädchen-Zimmer ausgemalt hat. Dadurch kann man nämlich nicht nur für den Richtigen blind sein, sondern auch den Falschen fixieren. Und sich auf einen blonden Erfolgstypen kaprizieren, obwohl man vielleicht mit einem dunklen Nachdenklichen viel glücklicher wäre.

Achtung, Funkenflug!

Weiter zum nächsten Schritt: Das haarige Thema "Gelegenheit beim Schopf packen". Der Moment, um den sich so viel dreht. Ein Blickkontakt, der einem knisternd in die Magengrube fährt - und was dann? Wie weiter? Warten, bis er etwas sagt? Oder selbst aktiv werden? - Nun, leider muss man sagen: Hier zählt wirklich das richtige Timing. Geistesgegenwärtig eine harmlos-nette Bemerkung machen, aber der hungrigen Hyäne keine Chance zum Agieren lassen. Ein Trick, der dabei helfen kann: Beim Kontakten primär davon auszugehen, dass man jetzt halt einen interessanten Menschen kennen lernen will - und nicht schon im Geist abchecken, wie sich der Typ als Vater deiner Kinder machen würde. Die menschliche Ebene nimmt Druck heraus, und das erleichtert sowohl schüchternen als auch voreiligen Flirterinnen ein entspanntes erstes "Hello!" Wie es danach weitergeht - siehe Kasten.

Die Frage, ob der Richtige nicht sowieso im kosmischen Plan für einen vorgesehen ist, kann man getrost mit "ja" beantworten. Ob es nun einen solchen Plan gibt oder nicht - an ihn zu glauben entspannt ungemein. Denn dieses Vertrauen verleiht eine Ausstrahlung von Zuversicht, und die ist um vieles attraktiver als eine von Frust und Torschlusspanik.

Ein Single ist naturgemäß oft auch ein gebranntes Kind.

Apropos Panik: Ein Single ist naturgemäß oft auch ein gebranntes Kind. Hat eine Müllhalde von enttäuschten Erwartungen, gebrochenen Versprechungen und zertrümmerten Illusionen in sich. Und wünscht sich daher nichts mehr, als nie wieder in eine schmerzhafte Beziehungsfalle zu tappen. Wie man das vermeiden kann? Mit Langsamkeit. Ob ein Mann nur intuitiv genug ist, um im richtigen Moment das zu sagen, was wir gerne hören wollen - oder ob er das auch wirklich so meint, das zeigt sich erst nach einiger Zeit. Ob er nur freundlich sein will oder wirklich verliebt ist, auch. Und ob er dem Schema F entspricht, an dem wir uns schon einige Male die Zähne ausgebissen haben, ebenfalls.
Deshalb verkürzen Sie die Phase der Flirterei und Spielerei auf keinen Fall durch Ungeduld oder Verlustangst. Lassen Sie sich Zeit, jemanden wirklich kennen zu lernen. Um zu unterscheiden: "Wie ist er wirklich, was gibt er vor, und was projiziere ich in ihn." Die Ausnahme von der Regel: Wenn man sich von vornherein im Klaren ist, dass man mit jemandem nichts als Sex will. Sobald man jedoch mehr Potenzial in einer Begegnung vermutet - und dadurch auch viel verletzbarer ist - sind Köpfler in die Intimität riskant.

Versteckte Ängste

Und nun zum Eingemachten. Den tiefen Schichten des Single-Herzens, in denen die Antwort auf die Frage ruht, ob man denn eigentlich wirklich einen fixen Partner will. Würde ich einer Chance auch eine Chance geben? Dazu gibt es oft eine offizielle und eine inoffizielle Version. Die offizielle: Ja, ich würde nichts lieber als tagtäglich neben demselben Mann aufwachen. Die inoffizielle: Nein, ein Mann kommt mir nicht ins Haus, denn dann fühle ich mich eingesperrt/wird mir langweilig/wird er mich sowieso wieder verlassen/müsste ich echte Nähe zulassen usw. - Tja, und wenn Sie bei sich solche inoffiziellen Wahrheiten entdecken - machen Sie sie zu offiziellen. Denn so können sie a.) nicht mehr im Unbewussten ihre Suche sabotieren, b.) ihnen Stoff für Therapiestunden liefern und c.) im Tageslicht zu konkreten Bedürfnissen reifen. Also von "Ich habe Angst, dass ..." zu "Ich möchte gerne, dass ..."- und wenn das auch bis zur letzten Konsequenz geklärt ist, dann haben die Chancen eine echte Chance.

Chance verpasst? Lassen Sie sich von Ihrem Gehirn trösten. Denn unser Geist hat ein paar erstaunliche Mechanismen parat, um uns über Misserfolge und vermeintliche Fehlentscheidungen hinwegzutrösten und um Gefühle des Bedauerns zu verarbeiten.

Die verpasste Chance. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie sind mit einem wesentlich älteren Mann zusammen. Eigentlich läuft es ganz gut, nur die Interessen klaffen ziemlich auseinander. Plötzlich aber macht der Liebste von heute auf morgen Schluss und Sie sind am Boden zerstört. Und jetzt fragen Sie sich, ob nicht alles besser gelaufen wäre, wenn Sie sich damals für einen anderen entschieden hätten oder doch wenigstens einmal mit dem Ex ins Theater gegangen wären, statt sich mit Freundinnen in der Disco zu verabreden. Ihr Geist hat nun folgende Tricks parat, um Ihnen den Trennungsschmerz oder auch das Bedauern über vergangene Versäumnisse zu erleichtern:

Der Aufwärtsvergleich: Der aufwärtsgerichtete Vergleich schafft einen Ausgangspunkt, um das aktuelle Problem einer faktischen Situation zu beheben. Er hat also einen motivierenden, verhaltensändernden, zukunftsgerichteten Effekt und treibt uns an, die Situation zum Besseren hin zu verändern. Beispiel: Ihr Gehirn schickt Ihnen nach dem Beziehungs-Aus kleine Botschaften. Eine innere Stimme flüstert jetzt etwa, dass eine Partnerschaft mit einem Mann von jüngerem Alter und ähnlichen Interessen sicher gehalten hätte. Dass Sie früher immer Glück mit Ihrer Wahl hatten. Und dass man ja an Ihrer Freundin G. sieht, dass ein Singledasein auch was Positives hat. Daraus lassen sich konkrete Handlungspläne für die Zukunft ableiten: sich nämlich einen jüngeren Mann, der besser passt und den es bestimmt irgendwo da draußen gibt, zu suchen. Und dass Sie bis dahin Ihr Leben sicher genießen werden.

Der Abwärtsvergleich: Der abwärtsgerichtete Vergleich schafft dagegen einen Ausgangspunkt, um die eigene Einstellung bezüglich der faktischen Situation zu ändern. Er hat einen befindlichkeitsaufhellenden, emotionsverbessernden und vergangenheitsbewältigenden Effekt. Beispiel: Ihr Hirn schickt Ihnen solch spontane Gedanken wie "Mit einem anderen Mann hätte ich es noch schlimmer erwischen können. Da muss ich mir ja nur M. anschauen. " Das tut gut. Und verhindert gleichzeitig, dass Sie beim nächsten Mal tatsächlich eine Partnerschaft eingehen, die ein noch wackeligeres Fundament hat. Der eigentliche Wert des Abwärtsvergleichs liegt aber darin, dass er die für Sie schlimme Situation erträglicher erscheinen lässt.
 

Aktuell