Sind wir nicht alle kleine Betrüger?

Über kleine Treulosigkeiten im Alltag und wie man verhindert, dass sie ihre große Zerstörungskraft entwickeln.

Betrügen Sie Ihren Partner? Bevor Sie jetzt entrüstet "Nein!" rufen, sollten Sie noch mal genau nachdenken. Laut Andrew G. Marshall, britischem Paartherapeut und Bestseller-Autor, sind wir nämlich alle Mitglieder im "Cheaters Club". Denn selbst dann, wenn wir guten Gewissens behaupten können, treu zu sein, bedeutet das noch lange nicht, dass wir unseren Liebsten nicht hintergehen. Nur heißen unsere Affären eben nicht Georg, Markus oder Dominik, sondern Geld, Make-up oder Downton Abbey.

Für manche ist es völlig okay, wenn sie sich im Bett auch mit einem anderen als dem Partner vergnügen. Bei anderen regt sich schon das schlechte Gewissen, wenn sie bloß an den attraktiven Nachbarn denken. Wo also fängt Betrug in einer Beziehung an? Wir fragten Andrew G. Marshall, Paartherapeut und Autor von Bestsellern wie Kann ich dir jemals wieder vertrauen?.

Laut Statistik hat jede zweite liierte Österreicherin mindestens einmal im Leben eine Affäre, bei den Männern sind es noch ein paar mehr. Mr Marshall, Sie sagen jetzt aber, dass wir eh alle Mitglieder im "Cheaters Club" sind. Wie kommen Sie auf diese 100-Prozent-Quote?

In Studien zum Thema Betrug wird immer gefragt, ob die Teilnehmer ihren Partner schon einmal betrogen haben. Bereits in dieser Fragestellung liegt ein großes Verzerrungspotenzial. Denn zum einen antworten sicher nicht alle ehrlich. Zum anderen wird Betrug in solchen Umfragen nicht näher definiert. Sicher assoziieren die meisten damit sexuelle Untreue. Aber mal abgesehen davon, dass nicht jeder darunter dasselbe versteht -man erinnere sich nur an Mr Clinton -, hat Betrug auch noch andere Dimensionen. So fühlen sich die meisten sogar noch mehr betrogen, wenn ihr Partner sich "nur" in eine andere verschaut. Ich habe den Ansatz daher mal umgedreht und die Leute gefragt, ob sie sich schon mal von ihrem Partner betrogen gefühlt hätten. Und darauf antworteten beinahe 100 Prozent mit "Ja". Und das heißt im Umkehrschluss, dass wir uns alle schon mal schuldig gemacht haben.

Und zwar wie?

Wie gesagt: Es geht nicht (nur) um einen sexuellen oder emotionalen Seitensprung. Das Gefühl, vom Partner betrogen worden zu sein, wurzelt in Deal-Breaks verschiedenster Art. Es kommt auf, wenn der Partner sich anders verhält, als vereinbart war oder man es -bewusst oder unbewusst, still oder ausgesprochen - von ihm erwartet hat.

Gerade in der verliebten Anfangsphase denkt man ja an alles Mögliche, nur nicht daran betrogen zu werden.
von Paartherapeut Andrew G Marshall

Ist das nicht eine seeeehr weit gefasste Definition von Betrug? Denn dann wird man(n) ja schon zum Betrüger, wenn man(n) es mal nicht wie beim Frühstück besprochen zum Einkauf in den Supermarkt schafft ...

Es gibt sicher Menschen, die das in gewissen Situationen auch genau so sehen würden, weil sie sich im Stich gelassen fühlen. Betrug ist immer eine Bewertungssache: Was bei den einen unter Alltag läuft, ist für die anderen ein No-go. Aber natürlich gebe ich Ihnen recht: Etwas enger sollte man die Grenzen schon ziehen, sonst wird eine Beziehung zum Minenfeld und ist nicht mehr lebbar.

Und wie zieht man diese Grenzen?

Zunächst mal muss jeder individuell für sich selbst klären, was für ihn Betrug ist. Für manche reicht es schon, wenn der Partner auf Facebook noch mit seiner Ex befreundet ist oder sich einen Porno ansieht. Andere hingegen finden es noch völlig in Ordnung, wenn ihr Liebster Sex mit anderen Frauen hat, solange keine Gefühle im Spiel sind. Das Feld ist da sehr weit. Und es geht ja dabei auch um Ziele und Werte: etwa darum, wo und wie man in einer Partnerschaft leben möchte. Legen Sie mal für sich fest, was ein Deal-Break für Sie wäre und formulieren Sie Ihre "Schmerzgrenzen" aus, die nicht übertreten werden dürfen, weil Sie sich sonst betrogen fühlen. Sie werden sehen, dass auf Ihrer Liste mehr landet als Treue.

Mit einer individuellen Definition kommt man in einer Beziehung aber noch nicht sehr weit. Denn was für den einen noch okay ist, kann für die andere schon ein Deal-Break sein -und vice versa ...

Das ist richtig. Ich empfehle daher jedem Paar, sich damit auseinanderzusetzen, wo es gemeinsam die Schmerzgrenzen ziehen will - und zwar nicht nur im Bett. Viele sprechen zu wenig über das Thema Grenzen, halten es gar für unnötig. Denn wir tendieren in Beziehungen dazu, davon auszugehen, dass der Partner die gleichen Einstellungen hat wie wir selbst. Zudem denkt man ja gerade in der verliebten Anfangsphase an alles Mögliche, nur nicht daran betrogen zu werden. Doch eben gerade in dieser Zeit ist es wichtig, Regeln festzulegen und den anderen zu fragen "Was ist für dich noch okay und was geht gar nicht?".

Wie Sie schon gesagt haben: Das kann ein sehr weites Feld sein. Wo fängt man mit dem Grenzenstecken an?

Das Gespräch sollte sicher bei großen Themen anfangen, wie der Frage nach dem Kinderwunsch oder der sexuellen Exklusivität. Aber daneben sollten auch Deals des Alltags definiert werden: Wie regelt man etwa die Finanzen, die Hausarbeit oder die Freizeitgestaltung? Antworten darauf schaffen beiderseitige Klarheit und verringern, wenn man sich denn dann auch an die Regeln hält, das Risiko von Verletzungen, die irgendwann zum Bruch führen, nach dem Motto "Steter Tropfen höhlt die Liebe". Sicher sind in vielen Bereichen auch Kompromisse nötig. Aber machen Sie vor allem bei Themen, die Ihnen wirklich wichtig sind, beiderseitig bitte nur solche, mit denen Sie dann auch wirklich l(i) eben können.

Wenn man gemeinsam diese Beziehungsdeals definiert hat: Wo fängt dann der Betrug an?

Ein wichtiges Kriterium für Betrug ist sicher Vorsatz. Handelt man vorsätzlich so, dass man eine Vereinbarung mit dem Partner bricht, und weiß man noch dazu, dass ihn das verletzt, dann ist das Betrug. Viele würden noch sagen, dass Heimlichkeit -also der Versuch, seine Taten vor dem Partner zu verbergen -gegeben sein muss, damit Betrug vorliegt. Und sicher vollziehen sich viele Deal-Breaks im Verborgenen. Aber ich denke, nur weil eine Handlung offen vollzogen wurde, macht es sie nicht automatisch besser. Ein sicherer Maßstab ist das eigene schlechte Gewissen. Fühlt man sich mies, wenn man in einer Beziehung etwas tut oder unterlässt, dann kann man davon ausgehen, dass man seinen Partner gerade betrogen hat, weil man gegen die Beziehungsregeln verstoßen hat - wenn vielleicht auch nur im ganz Kleinen.

Was wären denn Beispiele für "kleine Betrügereien"?

Das ist von Beziehung zu Beziehung verschieden. Jedes Paar hat andere Deals. Manche vereinbaren vielleicht, dass sie bestimmte Dinge nur exklusiv gemeinsam erleben, wie etwa den Besuch eines bestimmten Lokals. Anderen wiederum ist es wichtig, dass der Partner über manche Themen nur mit ihnen spricht, aber nicht mit Dritten. Auf Außenstehende mögen diese Regeln mitunter lächerlich wirken. Doch für die individuelle Partnerschaft können sie ein wichtiges Ritual und damit Fundament sein, das nicht erschüttert werden darf. Sonst fängt die Beziehung an zu wackeln.

"Kleine Alltagsbetrügereien" können für eine Beziehung also ebenso gefährlich werden wie ein Seitensprung?

Wenn sie sich häufen, dann ganz sicher. Ansonsten ist es immer eine Bewertungsfrage, wie viel "die kleinen Betrügereien" wiegen. Ist die Beziehung intakt, verträgt sie ein paar davon, wenn der eine sich entschuldigt und der andere verzeiht. Doch steht die Partnerschaft eh schon auf der Kippe, dann reicht oft schon ein vermeintlich kleiner Deal-Break, um die ganze Beziehung infrage zu stellen.

Bis zu einem gewissen Grad ist das Leben und ganz besonders das Lieben tatsächlich ein Eiertanz.
von Paartherapeut Andrew G Marshall

Wenn man so leicht zum Täter bzw. Opfer werden kann, wie kann da Liebe überhaupt noch funktionieren?

Besonders aus der Opferperspektive mag das alles zunächst deprimierend klingen. Aber ich finde, wir sollten es als Chance sehen. Es ist ein wichtiger Schritt in Richtung glückliche, dauerhafte Beziehung, sich "den kleinen Alltagsbetrug" mal bewusst zu machen und in der Folge achtsam zu sein. Denn wir haben es ja durchaus in der Hand, nicht zum Täter zu werden.

Irgendwie klingt das schon alles sehr nach Eiertanz ...

Bis zu einem gewissen Grad ist das Leben und ganz besonders das Lieben tatsächlich ein Eiertanz. Aber keine Angst: Die meisten Deals in Partnerschaften sind eh ganz selbstverständliche: nämlich allgemeine Regeln des Zusammenl(i)ebens. Man hält sich schon unbewusst daran, weil man ja nicht solo durchs Leben geht, sondern in einer Beziehung steckt. Das ist sozusagen die Pflicht in der Liebe. Und dann gibt es eben noch so etwas wie die Kür: Das sind die Deals, die jedes Paar individuell festlegt. Und meiner Erfahrung als Paartherapeut nach sind 90 Prozent davon gut einhaltbar. Für die restlichen zehn Prozent muss man sich eben Mühe geben. Aber wer liebt, der tut das doch auch gern.

Dieser Artikel erschien in der "Wienerin" Nr. 06/2014.

 

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