Sind wir mit Mitte 20 nicht zu jung, um für die Pension zu sparen?

Andrea Fernandez, CEO der Finanz-App Vitamin, ruft dazu auf, sich zu überlegen, wo man sich in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren sieht, um kluge finanzielle Entscheidungen treffen zu können. Doch wie findet man heraus, was man von der Zukunft erwartet? Eine Hilfestellung für planlose Menschen zwischen 20 und 30.

Geld sparen mit Mitte 20

Wenn es um das Thema Sparen geht, heißt es oft, dass man wissen sollte, wofür man spart um erfolgreichen anzulegen. Wie finden junge Menschen Mitte 20 heraus, wofür sie langfristig sparen sollen?

Andrea Fernandez: Das ist eine sehr gute Frage! Der Buchtitel des erfolgreichen Autors Simon Sinek ist: Start with Why. Wenn du weißt, warum du sparst, dann bist du viel motivierter es durch zu ziehen, das stimmt! Es ist aber natürlich so, dass wir im Leben nicht immer wissen, in welche Richtung sich die Zukunft entwickeln wird. Deshalb ist das Thema Persönlichkeitsentwicklung und Finanzen eng verschränkt. Als Erstes muss man herausfinden, wo man hinmöchte.

Ich empfehle, ein Vision Board anzulegen und sich zu überlegen: Was möchte ich in zwei Jahren erreicht haben, was in fünf, was in zehn, was in fünfzehn und was darüber hinaus. Wenn ich für mich geklärt habe, wo ich in diesem Zeitraum sein möchte, wie ich gerne leben würde, was ich erlebt haben möchte, dann weiß ich, was ich dafür finanziell brauche. Natürlich wird nicht alles nach Plan laufen und viele Dinge werden anders kommen. Ich glaube aber daran, dass wenn man sich etwas vornimmt und darauf hinarbeitet, dann ist es wahrscheinlicher, dass genau das in dein Leben tritt.

Warum ist diese Planung relevant für meine Finanzen?

Wenn mein Ziel beispielweise ist, dass ich irgendwann in meiner Pension nicht mehr in der Stadt wohne, sondern in einem kleinen Haus im Grünen, muss ich mir überlegen: Investiere ich das Geld und kaufe das Haus wenn es soweit ist, oder kaufe ich es gleich und finanziere es über die Miete in der Zwischenzeit etc.

Habe ich den Wunsch mich in fünf Jahren selbstständig zu machen, muss ich mein Geld kurzfristiger anlegen damit ich ein gewisses Startkapitel zu dem Zeitpunkt habe. Oder möchte ich meinen Lebensstandard in der Pension erhöhen, dann kann ich mir ausrechnen, wie viel ich vom Staat bekommen werde und wie viel ich monatlich sparen muss, damit ich in 40 Jahren genug habe, um entspannt leben zu können.

Das schöne daran ist, dass die Ziele bei jedem Menschen unterschiedlich sind. Es kann sich anfangs sehr überfordernd anfühlen, wenn man über die Zukunft nachdenkt. Und man muss die Balance halten zwischen: Ich möchte im Moment leben, aber ich möchte auch planen. Ich erachte es trotzdem als wichtig voraus zu planen, weil man auf etwas hinspart. Und sogar wenn sich die Ziele ändern und verschieben, hat man trotzdem das Ersparte.

Wie unterscheidet sich meine Geldanlage, wenn ich für mein Ziel in 5 Jahren oder in 35 Jahren spare?

Wenn ich für die Pension in 35 Jahren spare, dann kann ich mein Geld so investieren, dass ich es risikoreicher anlege, weil ich mehr Zeit habe, die Hochs und Tiefs des Marktes auszusitzen. Wenn ich allerdings darauf spare in fünf Jahren ein Haus zu kaufen, dann sollte ich mein Risiko gering halten und zum Beispiel in mehr Anleihen-ETFs und weniger in in Aktien-ETFs investieren.

Deshalb ergibt es Sinn, mehrere Accounts oder Portfolios zu haben, in denen du für unterschiedliche Ziele sparst. Geld das langfristiger angelegt ist, Geld das kurzfristiger angelegt ist und natürlich immer das Notfall-Sparkonto, wo 3-6 Monate Lebenskosten liegen sollten.

Aber ist es nicht sehr risikoreich in Aktien-ETFs zu investieren?

Bei einem Aktien-ETF handelt es sich um ein Portfolio. Darin sind beispielsweise 1.000 verschiedene Firmen weltweit. Damit ist das Risiko viel geringer. Ich würde niemals empfehlen, in eine Aktie zu investieren. Denn wenn das Unternehmen pleitegeht, ist man selbst weg vom Fenster. Wenn wir uns die Märkte ansehen, ist sichtbar, dass diese langfristig nach oben gehen. Sollten alle 1.000 Unternehmen in dem ETF gleichzeitig pleitegehen, der Markt crashen und niemand mehr Geld haben, dann ist die Welt untergegangen. Und dann ist es ohnehin egal wie deine Rendite aussieht.

Was wichtig ist, dass man nie vergisst: Man sollte nicht in Panik verfallen, wenn der Markt mal nach unten geht. Das ist normal. Und in diesen Zeiten sollte man auf keinen Fall verkaufen. Es ist verständlich in so einem Fall Angst zu bekommen, aber man muss es wie beim Shopping sehen. Sind die Preise niedrig, sollte man im Sale einkaufen. Niemals umgekehrt.

Würdest du überhaupt empfehlen sehr regelmäßig nachzuschauen wo die ETFs stehen?

Das ist ehrlich gesagt eine sehr persönliche Frage, jeder Typ ist hier unterschiedlich. Ich würde allgemein empfehlen, nur einmal im Monat oder alle zwei Monate rein zu schauen und zu checken: komme ich meinen Zielen näher, fühle ich mich damit wohl, fühlt sich das zu risikoreich an?

Sind wir mit Mitte oder Ende 20 nicht zu jung, um zu sparen und uns darüber Gedanken zu machen?

Ich finde, jetzt ist genau die richtige Zeit. Man hat meistens noch keine Familie, keine Kinder und keine Verantwortungen im Sinne von kranken Eltern oder ähnliches. Wer sich mit diesem Alter anfängt zu informieren, leistet nicht nur einen großen Beitrag für die eigene Zukunft, sondern gibt dieses Wissen am Ende auch an die nächste Generation weiter.

 

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