Sind Trends von gestern?

Ist das Wort 'Trend' überhaupt noch zeitgemäß und wie wird Mode zukünftig aussehen? Wir haben mit Karin Ose, Trend-Scout bei Zalando, über ihren Job, Innovationen im Fashion-Bereich und die modischen Highlights der nächsten Saisonen gesprochen.


Immer wieder wird in Mode-Kreisen gemutmaßt, Trends seien längst Geschichte. Modehäuser überhäufen Konsumenten mit bis zu sechs Kollektionen pro Jahr, saisonale Trends werden ersetzt von monatlich neuen "Hypes", die kurze Zeit später wieder niemand mehr kennt. Es wird kreiert, um den ständigen Durst der schnelllebigen Gesellschaft nach Neuem zu befriedigen.

Mode, wie sie bisher funktioniert hat, wird es so bald nicht mehr geben. Klingt ganz schön apokalyptisch, finden wir und haben deshalb beim Experten nachgefragt:


Karin Ose ist Trend-Scout für den Online-Riesen Zalando. Nach ihrem Wirtschaftsstudium fing sie dort als Trainee im Einkauf an, bis sie die Möglichkeit bekam, in einer neu gegründeten Abteilung zu beginnen: Trend-Scouting.
Was sich auf den ersten Blick wie der Mädchentraum schlechthin anhört - á la "Modezeitschriften und Blogs lesen und zu Fashion Weeks fahren" - ist in Wahrheit harte Arbeit.
Am Anfang steht nämlich gar nicht die Mode selbst im Vordergrund, sondern gesellschaftliche Entwicklungen, neue Technologien und auch die Beschäftigung mit neuen Kunstformen. Denn nur durch diese intensive Analyse lassen sich Trends verstehen und folglich vorhersagen.


Vom Trend-Entdecken bis zum tatsächlichen Verkauf ist es allerdings ein langer Weg. Über ein Jahr bevor die Kleidungsstücke in den Läden hängen, werden sie bereits von den Trend Scouts entdeckt und analysiert. Beispiel: die Herbsttrends für 2016 werden seit August diesen Jahres gefiltert. Ende September werden diese dann dem Einkaufsteam vorgetragen, die folglich entscheiden, was tatsächlich in die Kollektion aufgenommen wird. Im Juli 2016 werden die ersten Stücke im Shop schließlich veröffentlicht.

Karin Ose gibt einen kleinen Einblick in die Trends des kommenden Jahres: Minimalismus, japanische Stileinflüsse, Opulenz, Brokat und Goldelemente werden uns 2016 erwarten.
Ein weiterer wichtiger Einfluss wird das Thema Nachhaltigkeitsein. Kein Wunder. Schon jetzt setzen immer mehr Firmen auf nachhaltige Herstellung, das Umweltbewusstsein steigert sich in unserer Gesellschaft von Jahr zu Jahr.


Der Trend. Ein Auslaufmodell?

Doch haben Trends überhaupt noch Relevanz? "Ich weiß, dass mittlerweile viele in der Branche sagen, dass es keine Trends mehr geben wird.", meint Ose.
"Prinzipiell sollte man sich von dem Gedanken, dass ein Trend über eine ganze Dekade läuft, wie das in den 50er oder 60ern der Fall war, verabschieden."
Denn in den letzten Jahren hat eine starke Veränderung des Mode-Marktes stattgefunden. Das hat zum einen mit dem Wachstum der Blogger-Branche zu tun, die nun oftmals die Macht haben, selbst Trends kreieren. Andererseits sind auch unsere schnelllebigen gesellschaftlichen Strukturen und technische Innovationen "schuld": Früher dauerte es viel länger, bis ein Trend überhaupt geboren wurde. Mode-Zeitschriften waren rar und teuer und verbreiteten sich deutlich langsamer als heutzutage - im Zeitalter des Internets. Bis ein Trend aus Europa in den USA ankam, konnte es mehrere Jahre dauern - heute? wenige Wochen.

Allerdings, so ist der Trend-Scout überzeugt, wird es Trends auch weiterhin geben: jedoch werden es mehrere auf einmal sein und viele davon auch nur sehr kurzlebig.

"Man muss natürlich aber auch dazusagen, dass durch die Blogs und Apps wie Instagram, Trends viel schwerer vorhersehbar sind. Alles ist sehr global und stark miteinander vernetzt."

Es gibt aber auch heute noch Trends, die durchaus mehrere Jahre lang anhalten. Als Beispiel dafür nennt Ose den großen "Sneaker-Hype", der bereits seit Jahren existiert. Auch dieser wurzelt in gesellschaftlichen Veränderungen: "Dieser Trend hat jedenfalls sehr viel mit dem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein zu tun, dass momentan bei uns sehr präsent ist."
Es ist also nicht nur unsere Ernährung allein, auf die wir gesteigert achten, auch unser Kleiderkauf wird von Veränderungen in unseren Lebensweisen nachhaltig beeinflusst.


Österreicher kaufen klassisch

Dass der typische Österreicher/ die typische Österreicherin nicht unbedingt der experimentierfreudigste Käufer ist, ist weitgehend bekannt. Doch was unterscheidet uns beim Einkaufen von anderen Ländern?
"Besonders stark lassen sich Unterschiede zwischen dem Berliner Stil und dem der Österreicher festmachen." Während in Berlin sehr sportlich eingekauft wird, man denke zum Beispiel an Street Wear, kaufen die Österreicher viel eleganter und klassischer ein.

Im internationalen Vergleich wird der europäische Kleidungsstil stark von amerikanischen und skandinavischen Strömungen beeinflusst. Asiatische Trends hingegen kommen kaum in Europa an, da die kulturellen Unterschiede hier besonders stark sind.
Global gesehen, kommen Trends im deutsprachigen Raum deutlich später als auf anderen Kontinenten an.

Gesellschaftlicher Widerspruch

Der Job des Trend-Scouts macht es natürlich schwer "einfach so" am Samstag einkaufen zu gehen. Schließlich kennt man alle Trends bereits ein Jahr vor Verkaufsbeginn. Allerdings, so meint Karin Ose "kann man länger abwägen, was einem gefällt und was einem wirklich steht. Es gibt Trends, die anfangs sehr gefallen und dann doch nicht mehr interessieren".
Dieses Problem ist tatsächlich ein sehr interessantes gesellschaftliches Phänomen. Denn psychologisch gesehen, sträuben wir uns als Individuen dagegen uns von der Norm abzusetzen. Auf der anderen Seite aber, haben viele Menschen den starken Wunsch sich kreativ auszuleben, aufzufallen und sich von der Masse abzuheben - kein Wunder, dass wir uns also manchmal beim Einkaufen so schwer tun.

Egal welche Trends es nun in den nächsten Jahren zu uns schaffen oder nicht, der "Trend" wird uns auf alle Fälle auch die nächsten Jahre noch erhalten bleiben – allerdings anders, als wir ihn bisher kannten.

 

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