Sind Berührungsängste okay?

Aufeinander zugehen oder nicht? Das ist, wenn es um Flüchtlinge geht, oft die Frage. Aber auch um Obdachlose oder Behinderte machen viele lieber von vornherein einen großen Bogen und lassen sich von ihren Berührungsängsten leiten. Wir haben uns erklären lassen, warum eine erste Scheu gut sein kann und wie man verhindert, dass sie zur Abscheu wird.

Scheu wie ein Reh


Fremdem gegenüber zuerst einmal ein bisschen vorsichtig und abwartend gegenüber zu sein, das ist zunächst gar nicht schlimm, sondern eine evolutionär wichtige Einstellung, erklärt Psychoanalytikerin Elisabeth Skale: „Da können wir uns ein Beispiel an Kindern nehmen. Die brauchen auch zunächst ein bisschen Zeit, bevor sie auf Fremde zugehen. Sie beobachten in Ruhe und nähern sich dann langsam an, das ist ein guter, gesunder Weg.“ Denn wer zu euphorisch und angstfrei auf Fremde zugeht, könne auch leicht enttäuscht werden.

Was wird aus der Scheu?

Entscheidend ist dann, wie es in bzw. nach der Phase der Scheu weitergeht. Werden da Angst und Vorurteile geschürt? Zum Beispiel vonseiten der Politik? Dann kann sich die anfänglich neutrale Scheu schnell in Abscheu und Ablehnung verwandeln.

Und je weniger echte Berührungspunkte es zu Menschen aus einer fremden Gruppe gibt, je weniger man über einzelne Personen daraus erfährt, desto eher entsteht diese Abneigung auch, sagt die Analytikerin: „Wenn ich nichts über den oder die anderen weiß, kann ich alles, was ich etwa an Verhaltensweisen grundsätzlich ablehne, auf sie projizieren, ihnen zuschreiben und meinen Fantasien darüber freien Lauf lassen. Dadurch werde ich zur Guten, die anderen zu den Bösen.“

Haltgeber Kultur

Über die Abwertung anderer Menschen, anderer Traditionen und Kulturen, werten wir unsere eigene auf und grenzen uns ab, erklärt Skale weiter. Dass in Zeiten, wie wir sie aktuell erleben, viele Menschen den Verlust der eigenen kulturellen Identität fürchten, erklärt Eva Jonas, Psychologieprofessorin an der Uni Salzburg, so: „Immer wenn uns irgendwer oder irgendetwas an unsere eigene unausweichliche Sterblichkeit erinnert, so wie es Menschen tun, die aus Kriegsgebieten kommen, wenn Unbekanntes uns irritiert und als bedrohlich wahrgenommen wird, kann einem die Bekräftigung der eigenen Kultur ein Gefühl von Sicherheit geben. Außerdem ist sie wichtig für unseren Selbstwert.“

Die Chance sehen

In solchen Scheu- und Verunsicherungsphasen stecke aber auch eine große Chance, sagt Jonas: „Aus der Angst heraus stellt sich für viele die Frage: ,Was bin ich für ein Mensch?‘ Und während manche dann dazu neigen, sich zu vergraben und das Fremde abzulehnen, reagieren andere mit Hilfsbereitschaft“, erklärt die Professorin.
Neugierde und Offenheit heißen die Zauberwörter, die einen friedlichen Umgang miteinander fördern. Auf Fremde(s) zugehen, sich für andere Menschen und Meinungen interessieren, langsam herausfinden, wer hinter einer Gruppe steckt, Aufklärung und Erklärungen – das sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass aus Scheu keine Abscheu wird. Daniela Krois vom Samariterbund bestätigt das, denn in ihrer täglichen Arbeit mit Obdachlosen und Flüchtlingen beobachtet sie, dass Ängste automatisch abnehmen, wenn sich Leute mit den einzelnen Menschen beschäftigen, ihnen wirklich begegnen. „Man muss schon sagen, dass es selten zuvor so viel Freiwilligen-Engagement in der Flüchtlingshilfe gab wie jetzt“, sagt Krois. „Trotzdem wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der noch mehr Menschen bereit sind, über ihre eigenen Grenzen zu steigen, sich auf andere zugehen trauen, sich ihrer Scheu stellen und Fremden was zutrauen. Dann kann eine offene Gesellschaft entstehen, in der ich gerne leben würde.“

 

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