Simply the Rest: Was wir alle gegen Lebensmittelverschwendung tun können

Nachhaltig essen, nichts verschwenden - geht das? Die WIENERIN macht den Versuch.

Lebensmittelverschwendung

Essen gehört auf den Teller, aber leider landet es nur allzu oft im Müll. In Österreich fallen laut einer Studie des Ökologie-Instituts jährlich 760.000 Tonnen Lebensmittelabfälle an. Damit könnten 500.000 Menschen ein ganzes Jahr lang ernährt werden. Schlimm: Wir werfen nur selten tatsächlich Verdorbenes weg, sondern vor allem Produkte, die uns nicht mehr gut und appetitlich genug erscheinen; allem voran Obst, Gemüse, Brot und Backwaren. Das kostet nicht nur jeden Haushalt 300 bis 400 Euro im Jahr, sondern ist auch für die Umwelt schlecht. Denn all diese Lebensmittel wurden irgendwann rohstoff- und energieintensiv produziert. Das braucht Düngemittel, Wasser, landwirtschaftliche Fläche, Energie für Transporte, Lagerung, Kühlung und Verarbeitung sowie Verpackungsmaterial.

Wir von der WIENERIN wollten über dieses Problem nicht nur schreiben, sondern auch tatsächlich etwas dagegen tun. Deshalb machte unsere Autorin den Praxistest und versuchte aktiv, Lösungen gegen die Lebensmittelverschwendung in ihren Alltag einzubauen. Mit diesen Ergebnissen ist sie zurückgekommen:

TIPP 1: CLEVERES RESTLESSEN

Große Veränderungen beginnen mit kleinen Taten. Dazu gehört das sogenannte "Vorratsschrank-Shoppen" - also vorrangig mit dem zu kochen, was man bereits zu Hause hat -, beim Kochen kreativ zu sein und fehlende Zutaten einfach durch andere zu ersetzen.

Das vermeidet, dass Lebensmittel unnötig ablaufen, und spart Geld und Ressourcen. Die Top-Tipps von "Budget Cooking Queen" Jack Monroe (siehe Seite 146) lauten:

1. Jedes grüne Gemüse lässt sich durch ein anderes grünes Gemüse ersetzen.
2. Statt Zitronensaft geht auch Essig -und umgekehrt.
3. Tomaten (auch Dosentomaten) sind echte Multitalente: Sie sind die Basis für Pastasaucen, Chilis und Gemüseeintöpfe, man kann darin Eier nach Shakshuka-Art zubereiten, eine Gazpacho machen oder mit harten Brotresten die italienische Suppe Pappa al Pomodoro.
4. Auch Hülsenfrüchte sind echte Verwandlungskünstler: Man kann sie anbraten, zu Hummus pürieren oder zu Falafeln und Laibchen verarbeiten.
5. Reis ist Reis. Mit jedem Reis kann man eine Art Risotto oder einen Pilaw kochen, auch wenn Food-PuristInnen Ihnen das Gegenteil sagen. Und für Reisgerichte kann man wiederum jede Art von Resten verarbeiten.
6. Wenn in einem Eintopf Wein verlangt wird, Sie aber keinen daheim haben, nehmen Sie stattdessen starken schwarzen Tee -die erforderlichen Tannine sind auch hier enthalten.
7. Auch mit Marmelade kann man Gerichte süßen.

Nach der Bestandsaufnahme meiner Vorräte und einer Online-Rezeptsuche ergibt sich eine Fülle kreativer Möglichkeiten. Wie wäre es z. B. mit Apple, Pear and Sultana Baked Oats (in meinem Fall ohne Birne und Rosine, aber mit Trockenfrüchten und Marmelade)? Oder mit einer mit Curry gewürzten Rote-Linsen-Suppe, von der noch reichlich für die nächsten Tage übrig bleibt? Tipp: Mahlzeiten vorkochen und einfrieren!

TIPP 2: LEGALER MUNDRAUB

In Österreich verrotten jährlich Tonnen von Obst, weil es niemand pflückt. Aber wie kommt man dazu, ohne zum/r DiebIn zu werden?

Auf der Website fragnebenan.com teilen die User*innen Informationen über Erntemöglichkeiten im öffentlichen Raum. "Im Arsenal gibt es massenhaft Haselnussbäume - es wird noch ein bisschen dauern, aber dann fallen die Nüsse herunter und man muss sie nur noch einsammeln; einfach entlang der beiden Gehwege, die entlang der Straße verlaufen", verrät Bettina aus 1030 Wien. Andere berichten: "Auf den Steinhofgründen gibt es einige Obstbäume, von denen jeder ernten kann." Die Website rät auch, einfach NachbarInnen mit Gärten zu fragen, ob man sich etwas für den Eigenbedarf nehmen darf.

Fast noch genialer ist die Seite mundraub.org, auf der alle Fundorte von Gratis-Obst, -Nüssen und -Kräutern auf einer digitalen Landkarte verzeichnet sind. Das Einzige, was ich tun muss, ist losgehen und einsammeln! Auch die Caritas rät auf ihrer Website, mit FreundInnen und NachbarInnen zu sprechen, die einen Garten haben - oft wird so viel gleichzeitig reif, dass sie nicht alles verbrauchen können, und viele verschenken die Früchte gerne an SelbstpflückerInnen. Nachdem der Test im Oktober stattfand, hatte ich Glück: Noch wachsen Äpfel, Quitten, Nüsse und die letzten Brombeeren.

Außerhalb von Wien entdecke ich auf einem abgeernteten Feld einen übrig gebliebenen Ölkürbis. Eine legale Grauzone, aber Frost steht an und ich greife zu. Cool: Es gibt Kürbiscurry mit Reis und danach gedünstete Quitten mit Streusel.

TIPP 3: WILDE STREIFZÜGE

Werden Sie zum*r Sammler*in und Jäger*in! Wohlschmeckende Wildkräuter wachsen überall.

Wildkräuter bereichern den Speiseplan und sind gut für den CO2-Fußabdruck -und wenn nicht gerade eine dicke Schneedecke liegt, kann man auch im Winter wildes Grün finden. Typische Kandidaten sind:

  • Gänseblümchen: blühen das ganze Jahr über und sind reich an Vitamin C, Magnesium und Eisen.
  • Löwenzahn: treibt sehr früh aus. Vor allem am Ende eines milden Winters bilden sich schon bald frische Blätter, die viel Vitamin A und C haben. Daraus lässt sich ein frischer Salat zaubern; auch im Smoothie machen sich die Blätter gut.
  • Klee: eignet sich gut als Ergänzung im Salat oder Smoothie.
  • Brennnesseln: wachsen sehr schnell, sobald der Schnee verschwindet, und bilden an warmen Tagen neue Triebspitzen aus. Gut für Suppen und als Spinatersatz.

Weitere auch im Winter sprießende Wildkräuter sind die Echte Nelkenwurz, Pfennigkraut, Vogelmiere und Labkraut. Aber Achtung: Ernten Sie nur die Pflanzen, die Sie wirklich kennen! Pflücken Sie keineswegs dort, wo Hunde frei laufen oder viel Verkehr ist. Beim sicheren Bestimmen der Pflanzen helfen ein Bestimmungsbuch und das Internet nur bedingt -ziehen Sie besser mit einer Person los, die sich gut auskennt.

Jack Monroe hat auf ihrem Blog ein Rezept für ein Pesto aus welkem Packerlsalat, den man im Abverkauf oft supergünstig bekommt. Ich finde meine Wildkräutervariante (mit Nüssen und altem Parmesan) zu Nudeln viel besser. Und Hagebutten fürs Müsli gab es draußen auch noch.

TIPP 4: ESSEN RETTEN

Die App Too Good To Go will der Lebensmittelverschwendung Einhalt gebieten: Per Smartphone kann man bei Restaurants und Shops digitale Lebensmittelgutscheine kaufen und kurz vor Ladenschluss Essen abholen, das sonst im Müll landen würde. Unternehmen - vor allem Bäckereien und Buffets - müssen dadurch weniger wegwerfen, Kund*innen bekommen auf diesem Weg supergünstige Mahlzeiten.

Ein Blick auf die App zeigt, dass ich gerade bei den angesagten Lokalen wie The Lala (€ 4,99) und Dean & David (€ 3,99) zu spät dran bin. Auch die Aktion des Adamah Biohofs (€ 3,99) habe ich leider verpasst. Den speichere ich künftig unter meinen Favoriten. Backwaren gibt es bei Too Good To Go dafür reichlich, also kaufe ich online um € 2,99 Backwaren bei einer Bäckerei in meiner Nähe. Ein bisschen peinlich ist mir der erste Besuch schon. Ob mich die Bäckereiangestellte wohl für eine Schnorrerin hält? Sie scannt meinen Code und drückt mir eine riesige Papiertüte mit Korngebäck, gefüllten Weckerln und Plunder in die Hand. Ich bin fassungslos ob der Menge. Fazit: Brot und Co. machen leider einen großen Teil unserer traurigen Wegwerfgesellschaft aus. Das gehört dringend geändert!

BLOG-TIPP:

Jack Monroe ist 30 und hat einen Foodblog, auf dem sie ihre Rezepte mit attraktiven Bildern präsentiert. Das tun Millionen anderer HobbyköchInnen auch - was Jack Monroes Blog von diesen unterscheidet: Ihre Gerichte kosten nur wenige britische Pence.

Bevor die Alleinerzieherin anfing, zu bloggen, arbeitete sie in der Telefonzentrale der Feuerwehr. Irgendwann ließen sich die dort notwendigen Nachtschichten und ihr Kind nicht mehr vereinbaren - es folgte ein Abstieg in die Armut.

Am Tiefpunkt steckte Jack ihren Kühlschrank aus, um Strom zu sparen, und fütterte ihren damals Dreijährigen mit in Wasser aufgelöstem Weetabix, einem britischen Frühstücksgetreideprodukt. Da wusste sie, sie musste etwas ändern. Mit den letzten Pence kaufte sie eine Dose Kidneybohnen, eine Karotte und eine Zwiebel und fabrizierte damit eine Art Burger - und stellte das Rezept online. Es war das erste von vielen, aber das wichtigste, denn dieses Neun-Pence-Gericht war etwas, das Monate später einen Medienrummel auslöste - und Jack Monroe den Weg aus der Armutsfalle ebnete.

Inzwischen ist die Britin Aktivistin im Kampf gegen Armut, hat eine umfangreiche Rezeptdatenbank sowie mehrere Budget-Kochbücher geschrieben und einen Werbevertrag mit einem britischen Low-Cost-Supermarkt. Und sie bietet Inspiration für alle, die mit wenig Geld über die Runden kommen müssen.

BUCH-TIPPS ZU REZEPTEN FÜRS KLEINE BÖRSERL

  • Cooking on a Bootstrap von Jack Monroe: über 100 einfache und günstige Rezepte. Nur auf Englisch erhältlich, € 19,99.
  • Tolle Gerichte für wenig Geld, herausgegeben vom Caritasverband für die Diözese Augsburg. 2012 neu aufgelegt; E-Book über Thalia, € 1,99.
  • Cook clever mit Jamie von Jamie Oliver: günstig einkaufen, bewusst essen, alles verwerten. Gut kochen für wenig Geld! € 25,70.

ZU GUT FÜR DIE TONNE - Tipps gegen Lebensmittelverschwendung.

  • Kaufen Sie lieber kleinere Packungen als Großangebote, bei denen oft ein Teil übrig bleibt und verdirbt.
  • Nie hungrig einkaufen gehen, und nur mit Einkaufszettel. Nicht mehr als nötig kaufen!» Informieren Sie Ihren Supermarkt, dass es für Sie okay ist, am Abend keine riesige Auswahl mehr an Brot, Gemüse und Obst vorzufinden.» Lebensmittel richtig lagern (z. B. Kartoffeln dunkel, Tomaten nicht zu kühl ).
  • Lebensmittel rechtzeitig einfrieren oder anderweitig haltbar machen!
  • Waren kaufen, die bald ablaufen.
  • Greifen Sie nicht nur zu perfektem Obst und Gemüse -die weniger hübschen Exemplare landen sonst als Erstes im Müll. Auch einzelne Bananen bleiben häufig übrig und werden entsorgt, wenn sie keiner kauft.
  • Einige Bäckereien und Supermärkte verkaufen Brot von gestern zum halben Preis.
  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum bedeutet "Mindestens haltbar bis" und nicht "Sofort tödlich ab"! Die meisten Waren sind auch noch danach gut. Vertrauen Sie Ihren Sinnen und Ihrem Hausverstand.
  • Immer wieder "Küchenkastel-Shoppen": An diesen Tagen nichts einkaufen und einfach mit dem Vorhandenen kochen.
  • Zuerst die empfindlicheren und älteren Produkte verbrauchen.
  • Auch aus weniger schönen und überreifen Nahrungsmitteln lässt sich noch etwas Gutes zubereiten (Äpfel mit Druckstellen werden zu Apfelmus, weiche Früchte zu Kompott, welkes Gemüse zu Gemüsesuppe).
  • Alle Teile verwenden (z. B. Kohlrabi-oder Radieschenblätter können auch gegessen werden, Zitronenschalen können getrocknet oder tiefgekühlt oder mit Essig zu einem Reiniger verarbeitet werden).
  • Übrig gebliebenes Essen teilen (mit Familie, NachbarInnen, FreundInnen, KollegInnen).
  • Werden Sie Teil von Foodsharing-Projekten, wie z. B. nachhaltig-in-graz.at.
  • Retten Sie Lebensmittel, die sonst weggeschmissen würden. Über die Facebook-Gruppen Foodsharing Wien, Die LebensmittelretterInnen und Share & Care Lebensmittel Graz und Umgebung lassen sich Lebensmittel sehr gut teilen!
  • Falls Sie einen Garten, einen Balkon oder Fensterkisteln haben: Versuchen Sie, Gemüse und Obst selbst anzubauen -das steigert die Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln.
 

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