Simone Hirth: Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft

Im ersten Roman lotet Simone Hirth die Grenzen des literarisch Möglichen aus und trifft so auf das Eigentliche. Zynismus verkehrt sich in Galgenhumor.

"Feierabend", sagt sich die Ich-Erzählerin in Simone Hirths Debütroman "Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft" eines Tages und gibt alles auf. Sie öffnet keine Briefe, zieht in den Keller und spricht mit einem toten Maulwurf. Als das Haus abgerissen wird, baut sie sich ein Leben fern des Materiellen auf. Ein stiller wie starker Roman über das Zurückgeworfensein auf sich selbst.

Eine junge Fleischerin fühlt sich fehl am Platz

"Ich mache für immer Feierabend und ich lasse mich von mir scheiden. Die Kosten des Verfahrens trägt meine Vergangenheit", denkt sich die junge Frau Mitte 20. Der Beruf als Fleischerin entspricht ihr so gar nicht, der Abriss des Elternhauses, der sprichwörtlich über ihrem Kopf stattfindet, treibt sie hinaus ins Freie. Alles, was zu retten ist, sind ein paar Ziegelsteine, aus denen sie sich auf einem verwilderten Grundstück eine Mauer baut. Stück für Stück schafft sie sich eine kleine Behausung, klaut Decken aus fremden Häusern und sucht in Müllcontainern neben Supermärkten nach Essbarem. Das neue Leben mit all seinen Entbehrungen entspricht ihrer inneren Notwendigkeit, sich von jeglichem Ballast zu befreien. Noch steht eine vorsichtige Euphorie im Raum, die junge Frau schöpft aus ihrer Befreiung aus dem Alltagstrott Kraft.

Alltagsrauschen, Zwischentöne und Romantik

Auf sich allein gestellt, ist sie auch auf sich selbst zurückgeworfen. Das schärft die Wahrnehmung. Immer wieder fließen in den Text, der von fiktiven Briefen und Postkarten an ehemalige Freunde und Verwandte unterbrochen wird, Gesprächsfetzen ein. Mütter, die ihre Kinder tadeln, Frauen, die ihre Männer brüskieren - Hirth hat ein Ohr für die im Alltagsrauschen untergegangenen Zwischentöne. Und die 1985 in Freudenstadt (Deutschland) geborene Autorin vermag es, der Hoffnungslosigkeit eine gewisse Romantik abzugewinnen: "Ich hörte auf: Von Zielen zu sprechen. In Kalendern zu blättern. Auf Uhren zu sehen." Stattdessen liest die junge Frau in einem veralteten Handbuch für Betriebswirtschaft und versucht sich an Liedern, etwa der Hymne "Hymne an den Ernstfall".

Der Traum vom Leben im Wald wird jedoch rissig, etwa im Unterkapitel "Den Wald vor lauter Träumen sehen", wo es heißt: "Ich reibe mir die Augen, blinzle und muss feststellen: Das ist beim besten Willen kein Wald hier. Das ist eigentlich eine Frechheit. Das sind ein paar Hagebuttensträucher, nun gut." Dazwischen: "eine Menge Mist und eine Menge Schrott". Irgendwann wird auch ein Besuch im Baumarkt fällig, um die Notunterkunft bewohnbarer zu machen. Nachdem sie beim Stehlen erwischt wird - ausgerechnet von Pflanzensamen - muss sie den Betrag abarbeiten, doch die Konsumwelt ist für sie bereits fremdes Terrain geworden, das sie bald wieder verlässt.

Eine neue Richtung

Schließlich ist es die Kälte im Winter, die dem Leben der jungen Frau eine neue Richtung gibt. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, sich Hilfe zu holen und den Schritt in die Gesellschaft zurück zu wagen? In diesem letzten Abschnitt des 190-Seiten-Romans geht dann plötzlich alles etwas schnell. Die Entschleunigung ist abgesagt, der Weg zurück gar sehr frei von Hindernissen. Doch am Ende bleibt diese junge Frau trotzdem anders als die anderen. Und findet einen Weg, das in diesen wenigen Monaten auf der Straße Gelernte zu einer Lebensgrundlage zu machen. Das Handbuch für Betriebswirtschaft hat da sicher nicht geschadet. "Ich könnte ein Lied singen über das Low-Budget-Marketing. Aber ich singe nicht mehr so viel, seit ich wieder in einem Haus wohne, in dem ich Nachbarn habe."

Debutroman einer Literatin

Simone Hirth ist ein sprachlich feinsinniges Debüt gelungen, das nicht mit großem Personal und noch größerem Plot aufwartet, sondern sich auf eine Suche mit unbestimmtem Ausgang begibt. Ein Roman, dessen Rhythmus immer wieder vom Verweilen bei einzelnen Worten und ihren möglichen Bedeutungen unterbrochen wird, der festgefahrene Bilder infrage stellt und die kleinen Dinge in neues Licht rückt.

 

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