Sie haben nicht über meinen Uterus zu bestimmen, Frau Szydło!

Abtreibungsdebatte. In Polen fordern Abtreibungsgegner eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes und erhalten dabei Rückenwind von ihrer Ministerpräsidentin Beata Szydło. WIENERIN-Redakteurin Arnika Zinke hat dafür kein Verständnis. Ein Kommentar.

Als ich gestern Abend durch meine Timeline auf Facebook scrollte und auf den Zeit-Artikel über Beata Szydlo's Abtreibungsforderungen stieß, wurde mir schlagartig ziemlich übel. Einerseits, weil es von einer Frau kam (und nicht von einem realitätsfernen amerikanischen Milliardär, für den Frauen sowieso nur "Hunde", "Schweine" oder "ekelhafte Tiere" sind). Andererseits, weil ihre Forderungen nicht nur das Verbot der Abtreibung beinhalteten - sondern sie Abtreibungen mit bis zu 5 Jahren Gefängnis unter Strafe stellen will.

Leider kein geschmackloser April-Scherz

Konkret unterstützt die polnische Ministerpräsidentin die Forderungen der Bürgerinitiative "Stoppt Abtreibung" nach einer Verschärfung des - sowieso schon sehr strikten - Abtreibungsgesetzes in Polen. Während momentan Schwangerschaftsabbrüche nur bei Missbildung oder unheilbarer Krankheit des Fötus, bei Gefahr für Leben oder Gesundheit der Frau sowie nach einer Vergewaltigung oder Inzest erlaubt sind, fordern Pro Life Organisationen in Polen, die Abtreibung in Zukunft nur dann zu erlauben, wenn eine ernsthafte Gefahr für das Leben der Frau besteht.

Das würde bedeuten: Sollte ein Frau in Polen beispielsweise einer Vergewaltigung zum Opfer fallen und dabei schwanger werden, soll es ihr nicht nur unerlaubt sein, das Kind abzutreiben, sondern sie muss - sollte sie es doch versuchen - dafür für bis zu 5 Jahre ins Gefängnis.

In Polen ticken die Uhren ein wenig anders,

...nämlich gefühlt 200 Jahre hinter den unsrigen. Das lässt zumindest die momentane Politik in Polen vermuten. Das streng katholische Land ist spätestens seit den Wahlen im letzten Jahr zum ultrakonservativen Staat mutiert, für den fortschrittliches Gedankengut offensichtlich in vielerlei Hinsicht Gift bedeutet.

Während wir also hier in Österreich darüber debattieren, ob wir die Kosten der Abtreibung für Bedürftige erleichtern (siehe auch: Forderung der ÖH), werden in Polen schwangere Frauen zunehmend in die Illegalität getrieben. Sollte eine Frau also abtreiben wollen, muss sie jetzt schon illegal ins Ausland gehen (meist nach Tschechien oder in die Slowakei), um dort teuer die Abtreibung vornehmen zu lassen. Für Frauen, die sich das nicht leisten können, heißt es dann wohl "Pech gehabt". Kaum auszumalen, wie der psychische und seelische Druck für eine Frau sein muss, die durch eine Vergewaltigung gegangen ist und dann auch noch zu einer rechtswidrigen Handlung gezwungen wird.

Menschenrechte ja – aber nicht für alle

Es ist schon bemerkenswert, wie sehr sich Polens Regierung um die Menschenrechte eines ungeborenen Fötus sorgt und gleichzeitig die Rechte der Flüchtlinge mit Füßen tritt. Für Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, ist in Polen nämlich kein Platz (von den 400 -!- geplanten Flüchtlingen in diesem Jahr, will man wegen der Terrorgefahr jetzt doch lieber gar keine aufnehmen). Zu groß sei der Unterschied zur eigenen Kultur, zu stark die Auffassungsunterschiede beim Thema Frauenrechte.
Ein islamisches Frauenbild also, das leider nicht in das ach so frauenfreundliche Polen passt.

Kein frauenrechtliches Problem, sondern ein menschenrechtliches

Dass Frauen nicht selbst über ihren eigenen Körper bestimmen dürfen, sondern vom Staat verordnet wird, was ihnen gnädigerweise erlaubt wird und was nicht, ist für mich im Übrigen nicht nur ein frauenrechtliches Problem. Sondern auch ein menschenrechtliches.

Oder, wie es ein User in einer Zeit-Online Diskussion sagte: "Pro Life ist in Wirklichkeit Anti Choice. Das sollte man sich klar machen". Und jede Frau sollte das Recht haben, selbst über ihren eigenen Körper zu entscheiden – ohne dabei gezwungen zu werden, sich selbst in Gefahr zu bringen oder dafür im Gefängnis zu landen!

Im Jahr 2016 sollte doch auch in Polen endlich erkannt werden, dass mit einem Abtreibungsverbot nicht Leben geschützt, sondern Frauenleben gefährdet werden - besonders von denen, die es sich am wenigsten leisten können. Und das ist im christlichen Sinne wohl kaum zu verantworten, liebe Frau Szydło!

 

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