Sie gehören gehört

Mitarbeiter des Radiosenders Ö1 werden systematisch ins Prekariat getrieben. Auf Protest reagiert die ORF-Führung wahlweise mit Arroganz, halbherzigen Angeboten und Androhung von Disziplinarmaßnahmen. Vier Frauen fordern stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen: „Gebt uns einfach nur gerechten Lohn!“

Das Schicksal unterbezahlter Arbeiter, die für ein menschenwürdiges Dasein kämpfen, bebildern wir im Kopf gern mit hohlwangigen Näherinnen Marke „Les Misérables". Doch das Leben an der Armutsgrenze hat längst Berufsgruppen erreicht, die früher als Bestverdiener-Jobs galten. Nun hat man sich an das Schindluder, das etwa Medienunternehmen mit Mitarbeitern treiben und das in anderen Branchen längst zu Aufständen führen würde, ja schon fast gewöhnt. Was aber mit den MitarbeiterInnen des Radiosenders Ö1 getrieben wird, ist besonders bedenklich, handelt es sich beim ORF doch um eine Stiftung öffentlichen Rechts.

Seit Jahren wird bei Ö1 im Zuge undurchsichtiger Sparpläne Personalabbau betrieben. Große Teile des Programms werden nicht mehr von Angestellten, sondern von „freien Mitarbeitern" bestritten, die auf Honorarbasis die gleiche Arbeit leisten. Sie produzieren das öffentlich-rechtliche Kernprogramm von Ö1, gewinnen regelmäßig renommierte Preise. Die Bezahlung wird nach einem völlig veralteten Schema berechnet, zu viele Ö1-MitarbeiterInnen leben dadurch an der Armutsgrenze. Arbeitnehmerschutz? Bei „Freien" nicht gegeben: Wer etwa krank wird, verdient nichts. Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt bei Ende 40, die Mehrzahl sind Frauen.

Gerechtigkeit. Vor drei Jahren begannen die „Freien" sich zu wehren, unter ihnen die Ö1-Redakteurinnen Marlene Nowotny, Tanja Malle, Barbara Kaufmann und Anna Masoner (Bild oben, v. l.). „Wir fordern nichts Ungebührliches", erklären sie. „Nur gerechten Lohn für anerkannt gute Arbeit."

Das geht uns alle an. Warum uns das interessieren sollte? Weil der kontinuierliche Qualitätsabbau und das systematische Unterlaufen von Arbeitnehmerrechten ein Vorgeschmack dessen ist, was allgemein droht, wenn schon der öffentliche Rundfunk damit durchkommt. Der ORF wird zum Teil von uns Gebührenzahlern finanziert. Die Forderung nach Offenlegung der Geldflüsse ist da nur legitim. Vielleicht fiele der ORF-Spitze unter dem prüfenden Blick der Öffentlichkeit doch noch ein Weg ein, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerecht zu bezahlen.

 

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