Shandiz hilft. Und hilft doch nicht.

WIENERIN Autorin Shandiz Ahi fährt jede Woche nach Traiskirchen, um zu helfen. Ein Lokalaugenschein bei Menschen, die irgendwo zwischen den Trümmern ihres Hauses, dem Meer und dem vermeintlich sicheren Festland ihre Würde verloren haben.

Ich bin mit sehr viel Gepäck unterwegs – für Flüchtlinge. Begonnen hat das damit, dass das Thema mich schon länger beschäftigte und ich mich selbst immer wieder fragte, was ich dazu beitragen könnte? Denn es geht mir nahe. Vielleicht, weil ich selbst als kleines Kind mit meiner Familie in anderes Land gezogen bin, in dem ich nicht immer willkommen war. Und obwohl wir nicht mal einen Bruchteil dessen erfahren mussten, was diese Menschen gerade durchleben, so sitzt der Schmerz meiner Kindheit in mir noch tief.

Die Zustände in Traiskirchen haben jedenfalls ein Feuer in mir entfacht. Also hörte ich mich um, lernte Menschen kennen, die sich schon engagierten und machte schließlich selbst das, was am naheliegendsten war: Ich fing an, Sachen zu sammeln – von Freunden, Nachbarn und – dank Facebook auch von mir völlig Unbekannten. Das war nicht schwer, denn die Bereitschaft zum Spenden ist enorm.

Mit einem prall gefüllten Lieferwagen voller Spenden und 200 Portionen orientalischem Essen (mein Mann betreibt ein persisches Restaurant in Wien), dachte ich, ich hätte genug besammen, um ein paar Menschen glücklich zu machen!

Es ist egal, warum du da bist

Und doch hatte ich Bammel: Was würde mich dort erwarten, wie schwierig würde es werden unter den vielen Bedürftigen, das Wenige auszugeben und welche Eindrücke würde ich mitnehmen? Vor allem aber wusste ich nicht, was ich den Menschen dort nachhaltig Brauchbares anbieten könnte, außer etwas „Zeugs“, eine Mahlzeit und etwas Farsi-Kenntnisse, die sie aber allesamt nicht vom Fleck und raus aus ihrer Misere bringen würden.

Ich musste hinfahren, um mehr zu erfahren. Und erkannte ganz schnell, dass es ganz egal war, wozu ich da war und was ich zu geben hätte – ob es etwas Warmes zu essen, zum Anziehen oder nur eine Umarmung war – das wenigste wäre, ihnen Hoffnung und Aufmerksamkeit zu schenken, damit sie erfahren, dass es Menschen gibt, die sie willkommen heißen, ihnen zuhören und sich um ihre Bedürfnisse sorgen. Diese Art von Aufmerksamkeit brauchen sie, ebenso, wie ein Dach (oder Zelt) über dem Kopf, warme Kleidung oder etwas zu essen.

Keine Umarmung löst ihre Probleme

Und je öfter je ich dorthin fahre, desto mehr wünsche ich mir, ich könnte ihnen auch eine Perspektive geben. Das liegt aber nicht in meiner Macht.

Also bringe ich ihnen nur „Sachen“ vorbei und schreibe eine Wunschliste – Schuhe für ihre barfüßigen Füsse, Hosen für ihre nackten Beine, ein warmes, vertrautes Essen, das sie an ihre Heimat erinnert und ein verlegenes Lächeln, wenn es wieder einmal nicht für alle gereicht hat. Das wird es nämlich nie. Denn wenn man einmal dort war, wird eines klar: So sehr man sich bemüht, es wird immer zu wenig sein. Denn es werden ständig Neue nachkommen und mit leeren Händen da stehen. Und ihre Probleme lassen sich weder mit Sachspenden, noch mit Umarmungen lösen – sie müssen an anderer Front gelöst werden.

Viel zu groß ist das Elend in ihrer Heimat, aber um Welten besser ist es auch nicht da, wo sie jetzt gelandet sind – ohne ausreichende Versorgung und Begleitung. Stattdessen werden Frauen, Männer und Kinder, die nicht nur physisch, sondern auch seelisch verletzt sind, mit ihren Traumata und mit weniger als nichts an Besitz allesamt zusammengepfercht.

Routine gibt's nicht mehr

Trotz der Ernüchterung, dass ich nichts dagegen tun kann, kann ich auch nicht mehr in mein altes Leben und zu meiner Routine zurück, zu meinen Kindern, zu meinem warmen Zuhause und meinen „Dingen“ – ohne, an die Menschen zu denken, denen dies gerade verwehrt wird.

Ich kann nicht aufhören, an all die freundlichen Gesichter von gezeichneten Frauen und Männern zu denken, die trotz aller Verzweiflung, immer noch ein Lächeln und viel Humor übrig haben.

Mir gehen die Bilder der Jugendlichen nicht aus dem Kopf, die mit ihren unschuldigen, warmen Augen den Blickkontakt zu mir suchen, aber nicht wissen, was sie mich fragen sollen, außer, „How are you, Madam?“. Und ich, zwischen Kofferraumtür und Lagereingang, noch weniger weiß, was ich ihnen antworten soll, außer „Thank you, good! And how are you?“

Was ist, wenn es kalt ist?

Am wenigsten gehen mir die vielen, kleinen Kinder aus dem Kopf, die ich umarmt und gestreichelt habe, denen ebenso ein Stück Kindheit, Unbeschwertheit und ein würdervoller Start im Leben zustünde, wie meinen.

Und immer, wenn es regnet und kalt ist, denke ich an alle, die draußen schlafen müssen. Ich denke an Ahmed, der mich um eine Decke und ein Zelt bat, oder an den kleinen Jungen, dessen Namen ich nicht mehr weiß, der keine Schuhe hatte, aber nichts anderes wollte, als einen Koffer für seine Familie – und ihn nach einend halb Stunden eisernen Ausharens, trotz aller Gefechte um die begehrte Ware – schließlich auch bekam. Ich denke an Daryoush, der seinen kleinen Bruder und die Eltern in Afghanistan zurücklassen musste, um stellvertretend für seine Familie auf die beschwerlichste Reise seines jungen Lebens zu gehen.

Und bei jeder traurigen Nachricht über gestrandete Tote, erstickt im Meer oder in LKWs, zucke ich zusammen und denke an Umar, der irgendwo zwischen Serbien und hier seinen Vater verloren hat, unmittelbar nachdem die Mutter verstorben war. Er bat mich um ein Handy, damit er zumindest seinen Vater wieder finden kann. Und ich denke an alle namenlosen Menschen, deren Geschichten von der Flucht ich noch nicht kenne.

Hier ist immer noch besser als dort

Ich denke an die, die noch hierher kommen werden, und die, die mich verzweifelt am Westbahnhof nach dem Zug nach „Germany“ fragten. Sie hatten Angst, ihn zu verpassen, wo sie doch tagelang ohne jegliche Würde hinter Stacheldraht und Polizeigewalt für das ersehnte Ziel ausharren mussten.

Und zuletzt muss ich an den gutaussehenden Syrer in zerrissener Jogginghose und seinen Jungen im Arm denken, der nach meiner Frage, „Do you need something?“ mit gepflegtem Hochschul-Englisch antwortete: „No, thank you very much! We don’t need anything, because now we are here!“ Mit „hier“, ist das Traiskirchen gemeint, dessen Zustände bislang jenseitig von allem waren, was Menschen würdig ist. Doch scheint es „hier“ immer noch besser zu sein, als der Ort, wo einst ihre Reise begann.

 

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