Sexuelle Übergriffe: Warum Betroffene oft so lange schweigen

Oft wird hinterfragt, weshalb Betroffene sexueller Übergriffe die Beziehung nicht sofort nach der Tat beenden oder erst Monate später Anzeige erstatten (wenn überhaupt). Das hat nachvollziehbare Gründe:

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Wie Statistiken zeigen, macht in Österreich jede 3. Frau im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Durch die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Einschränkungen ist die Zahl der Übergriffe noch deutlich angestiegen. Meist passieren Übergriffe im eigenen Haushalt bzw. durch jemandem in nahen Umfeld, was es in der Regel nicht leichter macht, die Geschehnisse vor anderen zuzugeben, geschweige denn an offizielle Behörden zu melden.

"Warum sagt sie denn erst jetzt was?! Da kann ja kaum was dran sein!" - Brechen Betroffene sexueller Übergriffe erst einige Zeit nach der Tat ihr Schweigen, erfahren sie nicht selten Skepsis und Unverständnis. Betroffenen wird auf dieser Weise ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen - was alles meist noch schmerzvoller macht als ohnehin schon.

Dass Menschen, denen sexuelle Gewalt angetan wurde, lange brauchen, um über Geschehnisse zu sprechen, ist alles andere als ungewöhnlich. Woran es meist liegt:

Betroffene müssen Geschehenes erst verarbeiten

Oft können sich Betroffene sexueller Übergriffe erst Monate oder Jahre später zu den Geschehnissen, die ihnen widerfahren sind, äußern (viele können es nie) - was ihnen anschließend vorgeworfen wird. Schweigen wird quasi als Beweis dafür genommen, dass an der Sache wohl nichts dran sein kann. Meldungen werden nicht ernstgenommen oder heruntergespielt, Betroffenen unlautere Motive unterstellt, was die Situation für sie noch einmal belastender macht.

Tatsächlich dauert es einfach sehr lange, bis betroffene Personen, ihre Erlebnisse verarbeitet haben und sich psychisch in der Lage fühlen, diese mit anderen zu teilen. Schon das Gespräch mit nahen Vertrauen kostet meist eine riesige Überwindung, eine Straftat anzuzeigen, nochmal mehr.

Dunkelziffer sexueller Übergriffe extrem hoch

Wer sich nur ein bisschen mit Statistiken zu sexueller Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, weiß, dass die Dunkelziffer hier wahnsinnig hoch ist. Soll heißen: Von den Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, zeigt nur ein Bruchteil diese Straftat an.

Laut einer Studie des ÖIF erleben 29,5 Prozent der Frauen in Österreich im Erwachsenenalter sexuelle Gewalt, also ca. jede 3. Frau. Nur etwa 9 Prozent jener, die Übergriffe erlebt haben, gehen allerdings auch zur Polizei. Warum das so ist, haben wir für euch zusammengefasst:

Häufige Gründe für das Schweigen von Betroffenen sexueller Gewalt:

1. Scham

Einer der häufigsten Gründe, weshalb Betroffene schweigen, ist Expert*innen zufolge das Schamgefühl. Viele Betroffene sexualisierter Gewalt schämen sich dafür, dass ein anderer Mensch sie derart behandelt hat. Sie fühlen sich zum Objekt degradiert und ihr Selbstwertgefühl ist zutiefst verletzt.

2. Schuldgefühle

Vorstellungen und Mythen zu sexueller Gewalt, die sich hartnäckig in unserer Gesellschaft halten, bewirken laut dem Bund autonomer Frauenberatungsstellen bei sex. Gewalt, dass das Erlebte nicht eindeutig als Verbrechen begriffen wird und Betroffene die Schuld erst einmal bei sich selbst suchen.

3. Beziehung zum Täter

Tatsächlich kennt in rund 74 Prozent der Fälle in Österreich das Opfer seinen Täter bereits vor dem Übergriff. Häufig stammt er aus der eigenen Familie oder dem Bekanntenkreis bzw. dem Arbeitsumfeld. Am häufigsten handelt es sich bei den Tätern um Beziehungspartner oder Ex-Partner der Betroffenen, was es häufig besonders schwer macht, das Geschehene zu verarbeiten oder sich an andere zu wenden.

4. Angst vor weiteren negativen Auswirkungen

Viele Betroffene haben Angst, dass es sich negativ auswirken könnte, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählen. Der Partner könnte wütend und infolgedessen gewalttätig werden. Spielte sich der Übergriff im Arbeitsumfeld ab, könnten Betroffene fürchten, ihren Job zu verlieren.

5. Unsicherheit bzgl. Folgen einer Anzeige

"Welche Belastungen, Kosten, welcher zeitliche Aufwand kommt auf mich zu, wenn ich Anzeige erstatte?", "Hat eine Anzeige überhaupt Sinn, wenn die Verurteilungsraten so gering sind?" sind Fragen, die sich Betroffene häufig stellen und dafür sorgen, dass Übergriffe letztlich doch nicht angezeigt werden.

6. Mangelnde Glaubwürdigkeit

Durch das Miterleben von Strafverfahren oder öffentlichen Diskussionen zu sexueller Belästigung und Gewalt, bei denen die Glaubwürdigkeit von Betroffenen infrage gestellt wird, werden weitere Betroffene entmutigt, über das, was ihnen widerfahren ist zu sprechen, geschweige denn Anzeige zu erstatten.

Mehr Infos findet ihr z.B. auf www.sexuellegewalt.at.

 

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