"Sexuelle Bildung in der Schule sollte so normal sein wie Bruchrechnen"

Cornelia Lindner plädiert als Sexualpädagogin für weniger Scham beim Thema sexuelle Bildung. Für Eltern heißt das, erstmal bei sich selbst anzufangen.

Sexualpädagogin Conny Lindner im Interview

WIENERIN: "Für einen unaufgeregten Zugang zu sexueller Bildung" liest man auf Ihrer Website gefuehlsecht.at. Warum ist denn der Zugang zu sexueller Bildung bisher so aufgeregt?

Cornelia Lindner: Ich hab immer das Gefühl, dass sich niemand so richtig über das Thema drüber traut. Und vor allem mit Kindern und Jugendlichen ganz wenig darüber gesprochen wird. Und wenn, merke ich oft, dass die Kinder gar nicht so aufgeregt wären, aber die Erwachsenen sehr Angst haben, etwas Falsches zu sagen, zu viel zu sagen, zu wenig zu sagen. Wann sag ich irgendwas. Ich merke, dass da ganz viel Aufregung bei den Erwachsenen da ist. Das stresst viele. Deshalb ist mein Zugang, unaufgeregt über sexuelle Bildung reden zu können, über alle Themen der sexuellen Bildung. Damit niemand Angst hat, Fragen zu stellen. Das ist meine Mission.

Warum braucht es sexuelle Bildung überhaupt?

Damit alle Menschen sich mit ihrem eigenen Körper auskennen, mit ihrem eigenen Körper wohlfühlen können, die eigenen Körpergrenzen lernen. Wissen, wann sie 'Nein' sagen können, wenn sich etwas nicht gut anfühlt. Und auch wissen, wann sie die Grenzen anderer überschreiten. Dafür braucht es sexuelle Bildung, die Möglichkeit, alles zu erfahren und zu erfragen.

Was hat sexuelle Bildung mit Gleichberechtigung zu tun?

Viel! Ich habe oft das Gefühl, dass männer*spezifische Themen tendenziell in der Gesellschaft ganz anders angegangen werden als jene von Frauen*. Wir lachen alle drüber, wenn irgendwo ein Penis aufgemalt wird, wir finden es total lustig, wenn man über Sperma redet, aber sobald es um die Menstruation geht, ist es ein Riesendrama. Dabei betrifft es die Hälfte der Weltbevölkerung. Wir haben das in unserem Zyklus ungefähr jeden Monat, ab einem gewissen Alter bis zu einem gewissen Alter und trotzdem reden wir nicht drüber und schämen uns. Stichwort: heimliche Dealerei von Tampons am Klo und so weiter. Während Burschen, finde ich, oft dazu erzogen werden, dass man eh über alles reden kann, was sie betrifft. Da ist es schon mal nicht gleichberechtigt.

Sie sind als Sexualpädagogin in Schulen unterwegs, sprechen viel mit Kindern und Jugendlichen. Gibt es ein Thema, das immer wieder kommt?

Ich glaube, eines der Hauptthemen, das ich in verschiedenen Versionen erlebe: Bin ich normal? Ist es normal, dass ich mich zu einer bestimmten Person hingezogen fühle? Dass ich dieses oder jenes interessant finde? Ist es normal, dass ich einmal im Monat blute? Kann ich dabei sterben oder verbluten? Vor allem bei Mädchen ist Ekel, das Ekeln vor sich selbst ein großes Thema. Ich hör oft, dass sie überhaupt keinen Bezug zu ihren eigenen Geschlechtsteilen haben, weil es ihnen zum Beispiel aberzogen wurde: "Greif da nicht hin!".

Weil die Eltern es vielleicht selbst so gelernt haben. Mütter und Väter kämpfen in Gesprächen mit ihren Kindern über Sex oft mit zwei Dingen: Einerseits, es altersgerecht zu erklären und nichts Falsches zu sagen, andererseits mit ihren eigenen, verinnerlichten Schamgefühlen und Tabus. Um frei mit seinen Kindern sprechen zu können, muss man über die erst mal hinwegkommen. Was können Sie Eltern raten? Wie können die das Thema Sex angehen?

Ich glaube, dass es bei sexueller Bildung ganz wichtig ist, die eigene Geschichte zu reflektieren, weil es spannend ist, zu schauen: Was hab ich denn überhaupt gelernt? Wie wurde mir das Ganze beigebracht? Bin ich mit ganz viel Scham zu diesem Thema aufgewachsen? Was will ich weitergeben? Und ganz wichtig: authentisch bleiben. Wenn zum Beispiel eine Frage kommt, bei der man merkt: "Okay, ich hab keine Ahnung, was ich jetzt sagen soll", dann ist es in Ordnung, das auch so dem Kind zu erklären: "Du, das weiß ich grad nicht, aber ich werd' mich informieren und dann sag ich es dir." Was dann nicht funktioniert, ist, nichts mehr zu sagen - dann holen sich die Kinder die Info woanders.

Bevor man einen Blödsinn oder etwas Falsches sagt, einfach nochmal informieren und darauf zurückkommen. Es gibt nichts Besseres für Kinder, als zu lernen, dass auch Erwachsene nicht alles wissen müssen. Und auch mal Fehler machen. Hilfe holen, sich informieren und die eigenen Grenzen trotzdem nicht ignorieren. Das heißt, wenn es ein Thema gibt, über das man wirklich nicht reden möchte, warum auch immer, dann schauen, ob das jemand anderer übernommen kann, eine andere Bezugsperson. Aber bitte keinesfalls ignorieren.

Vor kurzem ist die Diskussion über Vereine, die Sexualunterricht in Kindergärten und Schulen ohne geregelte Begleitung oder einheitliche Qualitätsstandards abhalten, aufgeflammt. Wie sehen Sie das?

Ich glaube grundsätzlich, dass es bei der Sexualpädagogik ganz wichtig ist, dass externe Personen in die Schulen gehen. Weil die Lehrer*innen nicht alles abdecken können und weil es Themen gibt, die Schülerinnen und Schüler einfach nicht mit ihren Lehrerinnen und Lehrern besprechen wollen - ich würd auch nicht mit meinem Chef oder meiner Chefin über Menstruation sprechen wollen. Ich glaube, das braucht es. Genauso wie Qualitätskriterien: Es ist wichtig, dass nicht irgendwer in die Kindergärten und Schulen geht und das es Standards und Kontrollen gibt. Wenn das klar ist, dann ist es auch in Ordnung, wenn die Lehrer*innen nicht dabei sind. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Eltern vorher informiert werden. Das Problem ist, dass viele Eltern dann aber Angst haben und die Kinder an diesen Tagen nicht in die Schule schicken. Das ist ein bisschen ein Zwiespalt, aber gleichzeitig haben natürlich die Eltern das Recht, zu erfahren, was in der Schule passiert. Wenn man daran arbeitet, dass sexuelle Bildung nichts Komisches ist, sondern im Alltag dazugehört, dann wäre das überhaupt nicht so ein Thema. Die Mathelehrerin informiert auch nicht darüber, dass sie jetzt Bruchrechnen lehrt. Sexuelle Bildung sollte laut Grundsatzerlass als etwas ganz Normales angesehen werden und jede Lehrerin, jeder Lehrer sollte davon ausgehen, dass Sexualität zum Leben dazugehört und auch in jedem Unterrichtsfach Platz haben muss. Ich glaube, darauf wird oft vergessen.

Link: Zum Grundsatzerlass Sexualpädagogik, Bildungsministerium

Cornelia Lindner ist Sexualpädagogin und Sexualberaterin (gefuehlsecht.at).
Beim WIENERIN #aufstand am 17. November 2019 wird sie über Geschlechterrollen in der Kindererziehung sprechen und darüber, wie man Kinder im Alltag geschlechtersensibel begleiten kann.

Zum Programm.

aufstand füße

WIENERIN #aufstand
Sonntag, 17. November 2019
opendoors 13 Uhr, Beginn 14 Uhr
RadioKulturhaus, 1040 Wien

Eintritt frei, Plätze limitiert - hier geht's zur Anmeldung!

 

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