"Sexualität muss nicht zwingend über die Genitalien stattfinden!"

Véronique Rebetez ist Mitte 20 und hat gerade ihr erstes Set von Sextoys auch für Menschen mit Querschnittslähmung entwickelt. Sie wünscht sich mehr Inklusivität in diesem Markt.

portrait_rebetez_fotografin-esther-mathis_1.jpg

Sie ist gekommen, um die Welt der Sexspielzeuge zu revolutionieren. Véronique Rebetez ist 25 Jahre alt und beschäftigte sich im letzten Jahr während Corona tagtäglich mit Sextoys. Dabei ging es ihr aber nicht um den neusten Vibrator oder Dildo. Nein, sie nahm sich einer Zielgruppe an, die bei der Entwicklung von Sextoys bisher meistens vergessen wurden. Die junge Frau studierte Industrial Design in der Schweiz und entwickelte für ihre Diplomarbeit Sextoys auch für Menschen mit Querschnittlähmung. Natürlich können diese Toys aber auch jedem anderen Menschen Freude und vor allem Lust bereiten.

Wie ist es zu dem Projekt gekommen?

Véronique Rebetez: Es beschäftigt mich schon lange, dass viele Menschen aus unterschiedlichen Gründen einen erschwerten Zugang zur Sexualität haben. Im Sommer 2020 las ich dann einen Artikel, in dem es über Sexualität und Querschnittslähmung ging. Ich habe dann Kontakt mit dem Interviewpartner des Artikels, dem Chefarzt der Neurourologie des Paraplegiker Zentrums in der Schweiz, aufgenommen. Dann kam das Ganze ins Rollen. Das Thema hat mich fasziniert und ich sah hier Handlungsbedarf.

Wie ist der Prozess, wenn man ein Sextoy entwickelt?

Es gibt da natürlich ganz unterschiedliche Wege. Ich bin so rangegangen, dass ich viel zu den Umständen und der Situation recherchiert habe. Ich habe mich stark mit den potenziellen Nutzer*innen auseinander gesetzt und mit betroffenen Personen Gespräche geführt habe. Das ist die Grundlage, auf der man das Produkt aufbaut. Mir war es wichtig, dass ich sehr nutzerorientiert arbeite und kein Produkt entwerfe, das dann niemand braucht.

Danach geht es in die Konzeptphase. Jetzt wird überlegt: Wie kann so etwas aussehen? Was sind die Bedürfnisse der Zielgruppe? Wie soll die Optik wirken? Anschließend geht es wirklich in den Entwurfsprozess, wo man erste Dinge digital aufbaut, Prototypen baut, bastelt, 3D-druckt und so weiter. Ich habe viel mit Materialien experimentiert, zum Beispiel um zu ergründen: Was fühlt sich wie an?

Ich stand in jeder Phase konstant im Austausch mit der potenziellen Zielgruppe stehen. Das ist das Wichtigste, vor allem, da ich selbst keinen persönlichen Bezug zu ihrer Situation habe. Ich bin nicht querschnittsgelähmt, ich habe auch niemand in meinem Umfeld, also ist es umso wichtiger, dass die Zielgruppe im Fokus steht.

Was ist der große Unterschied zwischen gewöhnlichen Sextoys und den Produkten, die du entwickelt hast?

Der Hauptunterschied liegt darin, dass meine Produkte nicht genital ausgerichtet sind. Es gibt natürlich bereits Sextoys, die nicht für genitale Stimulation entwickelt wurden, aber die findet man vor allem im Fetisch bzw. BDSM-Bereich. Hier wird grundsätzlich mehr mit verschiedenen Sinneseindrücken gespielt. Im 0815-Sextoy-Markt gibt es in diesem Bereich ein sehr kleines Angebot. Bei meinem Set geht es vor allem darum, mehr Sinne mit einzubinden.

Was ist in deinem Set alles inkludiert?

Es handelt sich bei dem Set um 5 Objekte. Jedes Objekt lässt sich einem menschlichen Sinn zuordnen, also sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken. Und jedes Objekt soll diesen Sinn auf eine neue Art und Weise anregen und Lust machen in einem sexuellen Kontext mit diesem Sinn zu experimentieren.

Gibt es die Produkte bereits irgendwo zu kaufen?

Bisher leider nicht. Ich habe mich mit einer Kollegin zusammengetan und wir planen, wie wir das Projekt weiter entwickeln und auf den Markt bringen können. Mehr Infos dazu findet man auf unserer Website oder auch auf Instagram. Ob es dieses Set dann in der geplanten Kombination zu kaufen geben wird, kann ich noch nicht versprechen. Aber es wird bestimmt nicht das letzte Projekt sein, durch das ich versuche den Sextoymarkt inklusiver zu machen. Die Welt der Sextoys ist auf jeden Fall ein Bereich, in dem ich mich sehr wohl fühle und in dem ich auch weiterarbeiten möchte.

Was würdest du dir vom Sextoy-Markt wünschen?

Es dürfte ruhig ein bisschen inklusiver sein. Es gibt schon sehr viel und es ist auch toll, wie sich das mittlerweile immer mehr normalisiert. Aber es werden trotzdem viele Aspekte von Sexualität oder sexueller Auslebung vergessen. Zum Beispiel, dass Sexualität nicht zwingend über die Genitalien stattfinden muss. Der gesamte Körper ist erogen, alle Sinneseindrücke spielen bei Masturbation und Sex eine enorme Rolle. Das kann man ruhig noch mehr in den Mainstream-Bereich bringen. Auch das binäre Denken missfällt mir noch. Wir müssen Produkte nicht in "Für Sie" und "Für Ihn" unterteilen. Inklusiver wäre eine Definition Richtung Anal-Toys, Penis-Toys, Vagina-Toys. Das lässt den Käufer*innen viel mehr Freiheit.

 

Aktuell