"Sexualerziehung ist einer der effektivsten Wege, um Kinder vor Missbrauch zu schützen"

Sexuelle Bildung ist in Österreich noch immer ein Tabuthema. Wie und wo hier angesetzt werden sollte, weiß die Expertin Elke Prochazka von "SexTalks 2.0" und "Rat auf Draht".

Sex begegnet uns überall – und doch wissen wir kaum darüber Bescheid. Dabei sind sexuelle Bildung und Aufklärungsarbeit zentral, um ein selbstbestimmtes Leben für Frauen und Mädchen zu ermöglichen. Wie diese funktionieren sollte und was schiefläuft, weiß die Expertin Elke Prochazka, Projektleiterin von SeXtalks 2.0. Die Klinische und Gesundheitspsychologin ist seit 18 Jahren außerdem bei "Rat auf Draht" Beraterin für junge Menschen – und erzählt uns, was die Jugend in Sachen Sex beschäftigt.

Sexualkunde

Sex begegnet uns ständig und täglich. Warum passiert hier aber immer noch so wenig – oder die falsche - Bildungsarbeit?

Elke Prochazka: Es besteht oft immer noch die Annahme, es bräuchte in der Pubertät das „eine Aufklärungsgespräch“. Dabei braucht es von klein auf eine Begleitung von Kindern in ihrer sexuellen Entwicklung. Über kindliche Sexualität wird in Österreich wenig bis gar nicht gesprochen. Hier gibt es meines Erachtens viele Ängste. Begleitung in der sexuellen Entwicklung bei Kindern würde bedeuten, mit ihnen über erwachsene Sexualität zu sprechen. Dabei geht es darum, dass sie ihre Geschlechtsorgane richtig benennen können, dass Berührungen im Intimbereich einen möglichen Rahmen bekommen, Fragen altersgemäß beantwortet werden etc. Oft herrscht auch fälschlicherweise die Meinung vor, Begleitung in der sexuellen Entwicklung würde Kinder sexualisieren, dabei ist sie ein wesentlicher Faktor einer gesunden Entwicklung und ein Schutzfaktor vor Missbrauch.

Als langjährige Mitarbeiterin von „Rat auf Draht“ wissen Sie, was junge Menschen in Sachen Sex und Sexualität beschäftigt. Was sind momentan die häufigsten Fragen, und unterscheidet sich das je nach Geschlecht?

Es melden sich grundsätzlich mehr Burschen mit Fragen im Bereich der Sexualität bei Rat auf Draht als Mädchen. Hier könnte gerade die Möglichkeit, sich völlig anonym Unterstützung holen zu können, dazu beitragen. Burschen melden sich vor allem mit allgemeinen Aufklärungsfragen, Mädchen stellen vorwiegend Fragen rund um das Thema Schwangerschaft. Auch die sexuelle Orientierung ist bei Burschen ein häufiges Thema in der Beratung. Wir spüren auch die Verunsicherung durch pornografische Inhalte, wenn Jugendliche keine Vergleichsinformationen zur Verfügung haben. Etwa wenn Burschen sich Sorgen machen, es würde zu wenig Sperma aus dem Penis kommen und sie wären krank. Bei Mädchen macht mich besonders betroffen, dass sie oft gar nicht hinterfragen, was sie selbst möchten, sondern nachfragen, wann sie welche Praktik durchführen müssen.

Wie kann sexuelle Bildung funktionieren, ohne dass dabei etwa Pornografie tabuisiert wird?

Bis ein Kind oder Jugendlicher zum ersten Mal auf einen pornografischen Inhalt stößt, vergeht viel Zeit, in der man Informationen über Sexualität geben kann. Ich vergleiche das gerne mit einer Art Lade in einer Kommode, in die man Informationen hinein packen kann. Bei der Konfrontation mit einem Porno gibt es dann Kinder, die etwas zum Vergleichen haben bzw. Kinder, die nichts zum Vergleichen haben. Die leichtere Verfügbarkeit von Pornografie zeigt noch mehr als je zuvor, wie wichtig, Sexualerziehung von früher Kindheit an ist. Selbstverständlich immer in einer kindgerechten Art und Weise. Später ist es wichtig, das Thema Pornografie im Rahmen einer Sexualpädagogik zu thematisieren. Denn Kinder und Jugendliche geraten oft auch dann an Pornografie, wenn sie auf der Suche nach Antworten, auf ihre altersgemäßen Fragen sind.

Ein Beispiel dazu. Ein Mädchen im Volksschulalter hat am Handy ihrer Mutter eine Pornoseite besucht. Sie hat das am Handy der Mutter gemacht, da ihr eigenes Handy mit Filtern für Sexualität gesperrt war. Im Gespräch hat sich herausgestellt, dass die Kinder in der Schule darüber gesprochen haben, wie Erwachsene Sex machen, was völlig altersgemäß ist. Keiner konnte die Frage beantworten, ein Kind wusste dann, dass man, wenn man Sex googelt, sehen kann wie Erwachsene Sex machen. Sexualerziehung von Beginn an, ist in unserer jetzigen Zeit, noch wichtiger denn je.

Ein Begriff, der auf der Website von „SeXtalks 2.0“ immer wieder auftaucht, ist „Cyber-Grooming“. Können Sie kurz zusammenfassen, was das ist?

Cyber-Grooming bedeutet, dass Erwachsene - meist Männer - über das Internet versuchen, Kontakt zu Kindern und Jugendlichen zu bekommen, mit dem Ziel, sie sexuell zu belästigen. Was mir hier besonders wichtig ist, ist, dass Kinder hier nicht auf Seiten gehen, die besonders gefährlich sind. Ganz im Gegenteil, suchen TäterInnen hier ganz gezielt Orte auf, die von Kindern und Jugendlichen genützt werden. Spieleseiten, Soziale Netzwerke, WhatsApp, etc. Kinder und Jugendliche kann man durch Informationen schützen, nicht aber durch Verbote oder Filter. Diese geben Kindern das Gefühl, durch ihre Eltern geschützt zu sein. Dies ist einerseits gar nicht zu 100% möglich, was andererseits aber hier besonders problematisch ist, ist dass Kinder nicht lernen, Gefahrensituationen im Netz zu erkennen.

Kinder müssen lernen, worüber man mit Personen im Netz sprechen kann und worüber nicht, wie sie Personen melden und blockieren können und dass ihre Eltern ihnen bei Problemen helfen, anstatt sie zu bestrafen. Wir beraten bei SeXtalks 2.0 Eltern auch gerne, welche Tipps wichtig und hilfreich sind.

Eine aktuelle Studie von Rat auf Draht und SOS-Kinderdorf hat gezeigt, dass bereits über 15 % der 11-14 Jährigen sexuelle Belästigung im Netz erlebt haben. Sie suchen dabei oft völlig allein nach Lösungsmöglichkeiten. Die befragten Jugendlichen wünschen sich mit überwiegender Mehrheit eine Information im Volksschulalter, um sich schon im Vorhinein schützen zu können und sich nicht erst alleine Lösungen und Umgangsmöglichkeiten überlegen zu müssen.

Bei Mädchen macht mich besonders betroffen, dass sie oft gar nicht hinterfragen, was sie selbst möchten, sondern nachfragen, wann sie welche Praktik durchführen müssen.

von Elke Prochazka über häufige Fragen bei "Rat auf Draht"

Ein wichtiges Thema ist auch Sexting. Worauf sollten junge Menschen hier achten?

Sexting ist grundsätzlich eine Form von zeitgemäßer Intimkommunikation, die etwa 15-20 % der Jugendlichen für sich nützen. Hier gilt es, Jugendliche zu stärken, für sich zu überlegen, wo ihre Grenzen sind und wie sie diese auch entsprechend kommunizieren können. Denn gerade das fällt ihnen oft schwer.

Wichtig ist zudem, dass Jugendliche hier die gesetzliche Situation kennen. Denn sexuelle Inhalte, sobald sie vor dem Gesetz als pornografisch gelten, dürfen von sich selbst nur dann verschickt werden, wenn man selbst bereits 14 ist (ebenso am Foto, im Video), die andere Person, ebenfalls mindestens 14 Jahre alt ist und den Inhalt auch haben möchte. Klar verboten ist, derartig freizügige Fotos oder Videos von Personen unter 18 weiterzuleiten. Das ist allerdings das, was am häufigsten passiert. Hier gilt es klar zu machen, dass das eindeutig verboten ist. Jugendliche wissen das in den allermeisten Fällen nicht. Es muss auch klar gestellt werden, dass Jugendliche von sich selbst freizügige Inhalte schicken dürfen, diese aber klar nicht weitergeleitet werden dürfen. Oft gilt derjenige/diejenige, der/die absolut gesetzeskonform agiert hat als der/die Schuldige, wenn die Inhalte später, klar verboten, weiterschickt werden. Hier müssen wir in der Prävention ansetzen.

Wir reden bei sexueller Bildung oft über das Unwissen bei Jugendlichen – doch kennen wir Erwachsene uns wirklich so gut aus wie wir glauben?

Ich glaube, dass es hier sowohl bei jungen Menschen, als auch bei uns Erwachsenen durchaus noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Alleine, wenn man sich anschaut, wie über weibliche Geschlechtsorgane gesprochen wird oder wie oft Abbildungen aussehen, dann hat das nichts mit dem tatsächlichen Aufbau, z.B. der weiblichen Klitoris zu tun. Hier ist es wichtig, Mut zu machen, Möglichkeiten zu nützen, um sich Informationen zu holen, die dann allerdings auch fachlich richtig sein sollten.

Gibt es Tipps für Bezugspersonen und Eltern, die Sie mitgeben können?

Am wichtigsten ist es mir, Eltern die Angst zu nehmen, Kinder von Beginn an in ihrer sexuellen Entwicklung zu unterstützen. Das beginnt damit, am Wickeltisch auf „Pfui, da greift man nicht hin“ zu verzichten. Damit Kinder nicht mehr damit aufwachsen, dass es an ihrem Körper einen „grausigen“ Bereich gibt. Sexualerziehung ist immer noch einer der effektivsten Wege, Kinder vor Missbrauch zu schützen. Sie müssen auch keine Sorge haben, Kleinkindern, etwas über erwachsene Sexualität erzählen zu müssen. Wenn ein Kindergartenkind z.B. wissen möchte, wie lange man küssen muss, damit ein Baby entsteht, dann reicht ein „Durch Küssen kann gar kein Baby entstehen“ meist aus. Es geht hier viel mehr darum, dass Kinder lernen: ich kann meinen Eltern Fragen stellen und bekomme Antworten. Ich möchte Eltern auch Mut machen, sich Unterstützung zu holen, denn es ist völlig in Ordnung, nachzufragen, wie man sein Kind am besten unterstützen kann. Sowohl SeXtalks als auch Rat auf Draht bieten hier zum Beispiel Unterstützung an.

Wenn ein Kindergartenkind z.B. wissen möchte, wie lange man küssen muss, damit ein Baby entsteht, dann reicht ein „Durch Küssen kann gar kein Baby entstehen“ meist aus.

von Elke Prochazka

Würden Sie sagen, Österreich hat in Sachen sexueller Bildung noch viel Aufholbedarf?

Der Sexualpädagogikerlass 2015 war ein erster wichtiger Schritt in Richtung einer zeitgemäßen Sexualpädagogik, allerdings haben wir in Österreich noch weiter Aufholbedarf. Sexuelle Bildung muss unter anderem ein fester Bestandteil in der Ausbildung von PädagogInnen sein, weiters braucht es Qualitätskriterien und auch Eltern sollten in diesem Bereich unterstützt werden. Denn die Begleitung von Kindern in ihrer sexuellen Entwicklung wird oft noch sehr vernachlässigt.

Elke Prochazka

Zur Person

Mag.a Elke Prochazka ist Projektleiterin von SeXtalks 2.0 - einem Präventionsprojekt im Zusammenhang von Sexualität und digitalen Medien - & #ME, - Körper, Gefühle & digitale Medien. Sie ist Klinische- und Gesundheitspsychologin, Lerntherapeutin, zertifizierte Saferinternet.at-Trainerin und Interdisziplinäre Adipositastrainerin.

Außerdem ist Prochazka Mitautorin des Buches "Erfolgreich durch die Schulzeit, Wenn Sex zum Thema wird".

 

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