Sexsucht & Beziehung: Das ist unsere Geschichte

Die Ehe von Jana Kramer und Michael Caussin machte Schlagzeilen, als seine Sexsucht 2016 publik wurde. In ihrem Bestsellerbuch The Good Fight erzählen sie selbst ihre Geschichte. Der Artikel erschien im Jänner 2021 in der Print-Ausgabe der WIENERIN.

Sexsucht: Das ist unsere Geschichte

"Unsere Reise war nicht das, was ich dir versprochen habe, und das wird mir für immer leidtun. Nachdem das gesagt ist: Es gibt so viel, was ich nicht daran ändern würde. Ich wäre ohne dich nicht halb der Mann, der ich heute bin. Der einzige Grund, wieso ich es bin, ist, weil du bei mir geblieben bist. Du hast dich dafür entschieden, mit mir zu kämpfen." Mit diesen Worten, die Ex-Footballstar Michael Caussin an seine Frau Jana Kramer richtet, beginnt er ihr gemeinsames Buch The Good Fight: Wanting to Leave, Choosing to Stay (HarperCollins, € 23,99). In ihrem The New York Times-Bestseller erzählen die Sängerin und Schauspielerin Jana Kramer und ihr Mann von dem Moment, als das rosarote Hollywoodmärchen, das sie sich gewünscht hatten, ein Treffen mit der harten Realität hatte, und wie sie ihre Beziehung mit viel harter Arbeit retteten.

Stürmische Liebesgeschichte

Dabei hatte die Liebesgeschichte des Paars so einfach und vor allem so schnell begonnen: "Wir haben uns 2014 über die sozialen Medien kennengelernt, vier Tage später trafen wir uns persönlich. Zehn Tage danach sagten wir 'Ich liebe dich', ein paar Monate später verlobten wir uns; weitere sechs Monate später heirateten wir und im nächsten Monat erfuhren wir, dass wir mit unserem ersten Kind schwanger waren", bricht Mike Caussin ihre Geschichte herunter.

Der harte Kampf zurück

Was danach geschah, ging durch die internationale Presse. Denn Schritt für Schritt wurde 2016 bekannt, dass Mike Jana mit mehreren Frauen betrogen hatte, er sich wegen seiner Sexsucht in Therapie begeben und das Paar sich getrennt hatte. Das hätte das Ende ihrer Geschichte sein können - so, wie es das für viele Beziehungen wäre. Doch das Paar entschied sich, füreinander und für seine Familie zu kämpfen, auch wenn das für beide nicht einfach war.

Das Vertrauen verloren

"Ich wusste von Anfang an, dass ich es versuchen wollte. Trotzdem stellte ich es später infrage, als wir daran arbeiteten, wieder einen Weg zueinander zu finden. Jana war ständig aufgelöst und wütend, sie hatte kein Vertrauen in mich oder unsere Beziehung, und nichts, was ich tat, schien etwas besser zu machen. Ein Mensch kann nur eine gewisse Menge aushalten, und ich hatte definitiv meine Momente, in denen ich unsere Zukunft infrage stellte", so Mike Caussin.

Die Geschichte des Täters

Wer nun erstaunt oder empört ist, dass man den Täter zu Wort kommen lässt, erkennt, was die Arbeit des Paars von der vieler anderer unterscheidet. Denn Jana und Mike haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Geschichte zu erzählen -in allen hässlichen und schmerzhaften Einzelheiten. Dabei geben sie auch Mike die Möglichkeit, seine Seite öffentlich zu machen.

Podcast als Therapie

Er erzählt in ihrem gemeinsamen Podcast Whine Down, was ihn dazu brachte, Jana zu betrügen, und wieso er lange nicht verstand, dass das Thema nicht mit einer Entschuldigung erledigt ist. Jedes Mal, wenn sie ihren Schmerz mit ihm teilte, überkam ihn eine Welle an Scham dafür, was er getan hatte, und er wurde defensiv. Er kämpfte zurück, auch wenn er eigentlich sitzen und zuhören sollte.

Als wir darüber öffentlich zu sprechen begannen, fühlte ich noch eine Menge Scham für die Dinge, die ich in unserer Ehe getan hatte. Das machte es extrem schwierig, mich dafür zu öffnen, all diese Fehler noch einmal zu durchleben und Janas Schmerz immer wieder vor Augen zu haben.

von Mike Caussin

Scham und Schmerz

Mikes Geschichte ist vielschichtig - genauso wie die falschen Entscheidungen, die er traf. Und während es Jana half, ihre Geschichte zu teilen, war dies für Mike anfangs vor allem mit Angst verbunden. "Als wir darüber öffentlich zu sprechen begannen, fühlte ich noch eine Menge Scham für die Dinge, die ich in unserer Ehe getan hatte. Das machte es extrem schwierig, mich dafür zu öffnen, all diese Fehler noch einmal zu durchleben und Janas Schmerz immer wieder vor Augen zu haben. Aber je mehr ich unsere Geschichte teilte, desto mehr Unterstützung erhielt ich von anderen Männern und Paaren, die das Gleiche durchmachten. Plötzlich fühlte ich mich immer weniger wie das schwarze Schaf. Einer der vielen Vorteile der Veröffentlichung dieses Buchs war die Tatsache, dass die Leute meine Seite erleben können, um hoffentlich zu erkennen, dass ich kein Monster bin."

Ständige Unsicherheit

Die Fragen "Wie repariert man Vertrauen?" und "Kann ich jemals wieder vertrauen?" gehören zu den meistgesuchten Fragen online. Auch das Paar hat sich diese Fragen gestellt und weiß, dass die Zeit nicht alle Wunden heilt. Stattdessen ist mit dem Wiederaufbau von Vertrauen viel Arbeit verbunden -an sich selbst und der Beziehung. "Wann wird die nächste Bombe hochgehen? Diese Frage hatte ich in den letzten Jahren unserer Ehe dauernd im Hinterkopf. Mike ist ein Suchtkranker in Genesung, und ich verstehe nach viel Therapie, warum er getan hat, was er getan hat. Was Suchtkranke allerdings oft nicht verstehen: Nicht das, was sie getan haben, tut so weh -es sind die vielen Lügen und Entdeckungen. Bei mir löste jede Entdeckung von Unwahrheiten eine Negativspirale aus. Ich dachte, wenn Mike lügt, dann bedeutet das, dass er mich nicht liebt und sich nicht für mich entscheidet. Inzwischen halte ich einen Augenblick inne, wenn diese Gedanken kommen, und schaue mir an, was wir haben - und ob diese Gedanken gerade aus Angst entstehen oder etwas mit unserer realen Situation zu tun haben", erklärt Jana Kramer einen Teil des Prozesses.

24 Stunden für Unwahrheiten

Zusätzlich hat das Paar eine Regel eingeführt, nach der Unwahrheiten innerhalb von 24 Stunden aufgeklärt werden können. Denn auch kleine Lügen, die ans Licht kommen, können Schaden anrichten. Ein Beispiel: Das Paar hatte vereinbart, dass Mike kein Geld für Spiele-Apps ausgibt. Als trotzdem Abbuchungen dafür auf der Kreditkartenabrechnung waren, fühlte sich Jana von dieser kleinen Lüge getriggert - zurückversetzt in die Entdeckungen der Vergangenheit, die hochgerechnet großen Schaden angerichtet hatten.

"Leute sagen unsere Beziehung sei eine Katastrophe"

Die Arbeit an ihrer Beziehung ist noch nicht beendet, und Jana weiß, dass ihre Entscheidung, Mike noch eine Chance zu geben, vielen sauer aufgestoßen ist: "Viele Leute werden sagen, unsere Ehe sei eine Katastrophe, und fragen, wieso sie sich unsere Geschichte anhören sollten. Das ist in Ordnung. Aber wir sind ein Paar, das bereit ist, für seine Beziehung zu kämpfen, und wir haben viele Dinge auf unserem Weg gelernt. Ja, unsere Geschichte ist verrückt. Aber vielleicht fühlen sich dadurch manche Menschen weniger allein, deren Ehe sich gerade auch wie eine Katastrophe anfühlt."

Füreinander kämpfen

Ihr im Oktober veröffentlichtes Buch stieg sofort als The New York Times-und The Wall Street Journal-Bestseller ein. Darin erklären Mike und Jana, wie Paare Streitsituationen dazu nutzen können, um sich näherzukommen. "Wir glauben, dass Streitigkeiten in jeder Beziehung unvermeidlich sind. Uns wurde durch unsere eigene Arbeit an der Beziehung klar, dass wir diese Momente des Konflikts zu unserem Vorteil nutzen können, anstatt zuzulassen, dass sie uns weiter auseinandertreiben. Wir begannen, Streits als einen Weg zu nutzen, um einander besser kennenzulernen. Im Wesentlichen kämpften wir füreinander, nicht gegeneinander", so Mike.

Realistische Streitsituationen

Jedes Kapitel des Buchs beginnt das Paar mit einem realen Streit, den sie geführt haben und in dem man sich wiederfinden kann: Sei es die Diskussion darüber, etwas im Reisekoffer des Partners verstauen zu wollen, ein Bild, das der Partner aufhängen möchte und man selbst furchtbar findet, oder der Besuch bei der Schwiegermutter, den man gerne vermeiden möchte. Sie erzählen ihre Geschichte aus zwei Sichtweisen und erklären rückblickend, was sie besser machen hätten können, um den Streit zu lösen, anstatt zu eskalieren.

Auf Pause drücken

Als wichtigstes Hilfsmittel benennt Kramer die Möglichkeit, aus Streits zu gehen und diese auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen. "Wir haben gelernt, Streitsituationen zu verlassen und uns gegenseitig den Raum zu geben, Gefühle und Emotionen zu verarbeiten, bevor wir den Streit wieder aufnehmen. Ohne dieses Tool hätten uns unsere Konfliktmomente auseinandergetrieben", sagt Kramer. Doch gerade diese Übung war vor allem am Anfang für beide schwierig.

Gewinnen statt lösen

Ein Schlüsselmoment dabei war ein Streit, bei dem sie sich entschieden, ein Time-out zu nehmen, und Mike wütend in die Stadt fuhr. Er hielt bei McDonald's, bestellte ein riesiges Menü und aß es allein in seinem Auto. "Während ich Unmengen an Fast Food in mich hineinstopfte, kamen mir plötzlich die Tränen. Mir wurde klar, dass ich versuchte, einen Streit zu gewinnen -und nicht, verstanden zu werden. Ich wollte diesen Streit nicht auflösen, sondern ich wollte als Sieger daraus hervorgehen. Diese Erkenntnis war ein Wendepunkt in unserer Kommunikation."

Heute vertraue ich ihm

Die Offenheit, die Mike Caussin und Jana Kramer in ihrem Podcast und in ihrem Buch leben, hat auch ihre Schattenseiten. Mitte Oktober, kurz nachdem das Buch erschienen war, kontaktierte eine Frau Jana auf Instagram und behauptete, Mike habe wieder eine Affäre. Obwohl sich nach Nachforschungen herausstellte, dass diese Person nur Probleme verursachen wollte, ohne dass dies der Wahrheit entsprach, riss es alte Wunden bei Jana auf.

Seine Worte passen zu seinen Taten

"Die häufigste Frage, die mir gestellt wird, ist, ob ich Mike vertraue. Meine Antwort ist: Heute vertraue ich ihm. Heute sehe ich, wie er an sich arbeitet, wie er sein Bestes als Vater und Ehemann gibt und seine Worte zu seinen Taten passen. Seine Taten und Worte sind anders, als sie es früher waren, was mir hilft, ihm zu vertrauen. Aber es dauert, bis eine Veränderung sichtbar ist."

 

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