Sexistischer AMS-Algorithmus benachteiligt Frauen und Mütter

Ein Computer berechnet seit Kurzem die Chancen von Arbeitssuchenden, einen Job zu finden. Das hat vor allem für Frauen negative Folgen bei der Berechnung.

Eine Frau aus Wien-Floridsdorf, die über 50 ist, zwei Kinder hat, und ihren Job nach vielen Jahren verliert, meldet sich beim Arbeitsmarktservice (AMS) an. So weit, so normal. War jedoch früher ein Berater/eine Beraterin dafür zuständig, die Chancen auf einen neuen Job einzuschätzen, macht das seit Kurzem ein Algorithmus. Das heißt: ein Computerprogramm.

Frau auf Jobsuche

Punkteabzug für's Frausein

Das AMS zeigt nämlich ab sofort den MitarbeiterInnen per Computer die Arbeitsmarktchancen ihrer KundInnen an. Und dieser Algorithmus orientiert sich bei seiner Berechnung an einem jungen, gesunden Mann mit österreichischer Staatsbürgerschaft, der im Dienstleistungsbereich arbeiten will und nur über einen Pflichtschulabschluss verfügt. Dieser hat laut Berechnung eine 52-prozentige Chance, am Arbeitsmarkt reintegriert zu werden. Heißt so viel wie: ein junger, weißer Mann bildet die Grundlage der Berechnung, alles andere weicht von der "Norm" ab. Und damit auch Frauen. Schlechter bewertet werden auch Menschen, die gesundheitlich beeinträchtigt sind, und Personen, die aus Nicht-EU-Ländern stammen.

Ausgehend vom oben genannten Beispiel des jungen Mannes, lässt sich sagen: bleibt alles andere außer das Geschlecht gleich, liegen die Chancen für eine Frau, am Jobmarkt rasch vermittelt zu werden, dann laut Algorithmus nur noch bei 49 Prozent. Selbst ein abgeschlossenes Studium bringt keinen Bonus bei der Bewertung der Aussichten auf Jobzusagen. Ein Plus gibt es hingegen für Lehre und Matura. Schlecht steigen jedoch Über-50-Jährige aus: In dieser Gruppe liegt die Wahrscheinlichkeit auf rasche Vermittlung am Jobmarkt bei nur mehr 35 Prozent. Eine über-50-jährige Frau - also unser Fallbeispiel, hat damit nur noch eine 32-prozentige Chance, vermittelt zu werden. Auch weil sie in Wien-Floridsdorf registriert ist - denn dort stehen die Chancen laut System schlechter, einen Job zu finden.

Besonders diskriminierend: Betreuungspflichten führen zu einer Chancenverschlechterung - jedoch nur bei Frauen. Der Algorithmus berechnet das anhand einer Karenz oder Geburt. Laut "Standard" hat das für die Wiener GmbH Synthesis Forschung, die den Algorithmus entwickelt hat, folgenden Grund: bei Männern haben Betreuungspflichten statistisch gesehen keine Folgen für die Jobperspektive. Deshalb werden sie auch nur bei Frauen in Betracht gezogen.

Das System: Gruppe A, B und C

Zum Schluss werden die Arbeitssuchenden in drei Kategorien geteilt. Gruppe C ist dabei "schwer vermittelbar". Heißt so viel wie: es ist unklar, wie viele Fördergelder überhaupt für diese Gruppe zur Verfügung gestellt werden. Dabei fallen in Wien 44 Prozent der Arbeitssuchenden in diese Gruppe. Und nur drei Prozent in die Gruppe A der "rasch Vermittelbaren".

"Einmal in der Schublade der „aufgegebenen Fälle“ gelandet, ist der Zugang zu qualitätsvollen Förderungen schwierig und die Chancen wieder Tritt zu fassen, sinken. Damit droht ein durch Computer-Algorithmen stabilisierter Teufelskreis, aus dem es kaum mehr ein Entrinnen gibt", kritisiert die Arbeitsmarktsprecherin der Grünen Wien, Barbara Huemer.

Welche konkreten Auswirkungen der Algorithmus auf die Berechnung der Förderwürdigkeit und Betreuungszeiten hat, hat das AMS bisher noch nicht veröffentlicht. Auf Anfrage der WIENERIN sagt die Sprecherin Beate Sprenger: "Diskriminierend wäre es wohl nur im gegenteiligen Fall, wenn die reale Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt negiert und im Förderverhalten des AMS nicht berücksichtigt werden würde." Das AMS betont, dass in Zukunft die mittlere Gruppe (B) "besonders viel Aufmerksamkeit bekommen wird". Was mit den "schwer Vermittelbaren" passiert, wird jedoch nicht erwähnt.

AMS Algorithmus

Das Programm soll jetzt ein Jahr lang getestet werden, bevor es tatsächlich für Bewertungen herangezogen wird. Und dabei läuft nicht immer alles glatt: die Fehlerquote liegt bei etwa 15 Prozent. Das AMS kontert damit, dass das System lediglich eine "Entscheidungshilfe" für die BetreuerInnen sein soll, und selbst keine Entscheidungen treffen soll. AMS-Chef Johannes Kopfsagte kürzlich: "Das Sichtbarmachen der Diskriminierung schafft die Grundlage für eine gezielte Förderung durch das AMS. In Wirklichkeit ist das vorteilhaft für Frauen."

Kritik: "Es wird unterstellt, dass es sich bei Frauen oder Alleinerziehenden um eine homogene Gruppe handelt"

Für Ben Wagner, der am Privacy & Sustainable Computing Lab am Institute for Information Systems & Society an der WU Wien zu Algorithmen forscht,ist das jedoch nicht so einfach, wie er im Gespräch mit "futurezone" sagt: "Mit dem jetzigen Modell werden die derzeitigen Umstände als Werte festgeschrieben und sind dynamisch nicht mehr veränderbar. Man verstärkt damit nicht nur Vorurteile, sondern auch die Vor- und Nachteile. Man sucht sich die Stärksten raus und macht sie noch stärker und die Schwächsten noch schwächer."

Das AMS arbeitet bereits mit dieser Kategorisierung, "ohne dass es klare Handlungsanweisungen für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gibt, was sie mit dieser Information machen sollen", kritisieren der Wiener Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke und Wiens Sozialstadtrat Peter Hacker (beide SPÖ) in einem offenen Brief an die zuständige Ministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ).

Vor dieser Einteilung warnt auchMaria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Frauenhäuser. "Es wird unterstellt, dass es sich bei Frauen oder Alleinerziehenden um eine homogene Bevölkerungsgruppe handelt", sagt Rösslhumer. "Der AMS-Algorithmus ist aus unserer Sicht frauen- und menschenverachtend. Er fördert Rassismus, Sexismus und Altersdiskriminierung."

Das AMS versucht zu beschwichtigen: eine Diskriminierung aufgrund der Einteilung in die drei Gruppen werde nicht erfolgen. So habe sich das AMS die Vorgabe gesetzt, die Hälfte des Förderbudgets Frauen zugutekommen zu lassen, obwohl der Frauenanteil unter AMS-KundInnen unter 50 Prozent liegt. Fraglich ist jedoch weiterhin, inwiefern sich die BetreuerInnen vom Algorithmus beeinflussen lassen werden, und welche Konsequenzen das für Arbeitssuchende haben wird.

Aktuell