Sexismus: Die Musikindustrie ist nicht so progressiv wie sie tut

Die Popmusik hat ein innovatives, freies, cooles Image, aber Markennamen wie Lizzo, Lady Gaga oder Beyoncé täuschen über sexistische Strukturen hinweg. So progressiv ist die Musikindustrie nicht. Musikerin Lylit im Gespräch über Sexismus und die (Un-)Sichtbarkeit von weiblichen Künstlerinnen.

Lylit

"Der Pophimmel ist doch voll mit weiblichen Stars", ist man verleitet zu denken, während der Streamingdienst nach einem Hit von Lizzo direkt Beyoncé und Rihanna in die Warteschleife haut. Das progressive Image, das von Markennamen wie Lizzo getragen wird, hält allerdings nicht, wenn man sich das Pop-Business genauer anschaut. So gut sind Frauen in den Charts gar nicht vertreten – und in der Musikindustrie insgesamt schon gar nicht.

Analysiert man alle Top 100 Singlecharts seit dem Jahr 2000, so sind im Schnitt 74 Prozent männlich, nur 26 Prozent weiblich. Wirft man einen Blick hinter die Kulissen, wird es nicht besser: Produzenten und Songwriter sind noch häufiger männlich als die Personen auf der Bühne. Warum ist das so? Und vor allem. Muss das so sein? Wir haben mit Musikerin Lylit über die Realität weiblicher Künstlerinnen gesprochen (und Pläne geschmiedet, wie wir das Patriarchat anzünden können.)

Lylit, es ist 2019. Warum müssen wir noch immer über die Sichtbarkeit von Frauen in der Musikbranche reden?

Zach, ge? (lacht) Das Sichtbarmachen von Frauen ist leider in so vielen Bereichen noch wichtig – sei es im Film oder in der Musik oder in der Politik. Aber hey: Ich glaub‘ es ist ein Thema, das man nimmer länger ignorieren kann. Ich finde, man merkt auch schon kleine Veränderungen. Aber am Beginn eines Zyklus der Veränderung muss man das Thema immer mal sichtbar machen, dann wird’s normal und dann brauch‘ ma irgendwann nimmer drüber reden.

Beim heurigen Popfest war es schon fast normal. Mit Mira Lu Kovacy und Yasmo als Fädenzieherinnen ist es eines derwenigen Festivals, die von Frauen kuratiert werden. Du warst dort Headlinerin. War es für dich anders als auf männlich dominierten Festivals?

Man hat da einfach endlich mal gemerkt, wie viele es von uns gibt! Und jetzt kriegen wir endlich die Bühne, die uns genau genommen immer schon zusteht. Da geht es auch nicht um irgendwelche 'pity invites', sondern die Acts beim Popfest waren alle Frauen, die schon ganz lange im Business sind, ganz super Sachen machen, es aber schwerer haben als Männer.

Das heißt, du hast das Gefühl, dich als Künstlerin mehr beweisen zu müssen? Müssen Musikerinnen einen weiteren Weg gehen, um an denselben Punkt zu kommen wie männliche Kollegen?

Sagen wir so: Es gelten andere Regeln. Ich glaube nicht, dass Männer mehr oder weniger machen müssen, aber ich glaube definitiv, dass Frauen es schwerer haben, weil 'the public eye' uns Frauen gegenüber kritischer ist.

Fühlst du dich als weibliche Künstlerin oft auf dein Äußeres reduziert?

Ja. Ich glaub es wird nirgends so viel kommentiert, wie jemand ausschaut, was sie anhat oder was man für Sizes trägt wie bei uns Frauen. Bei Männern ist das völlig egal. Im Pop-Business ist es extrem. Ich war in Amerika unter Vertrag bei jemand ganz großem. Das erste, das er mir gesagt hat, war: "Eva, if you wanna make it in this industry, you need to slim down." Ich war damals 22 Jahre alt und dachte dann: "Okay, also wenn es nicht schaffe, abzunehmen, dann habe ich keine Berechtigung in der Industrie." Gerade diese oft männlichen Label-Bosse denken nur an Kohle und da geht halt das Standardmodell Frau am besten.

Wie kann man die Veränderung hin zu mehr Geschlechtergleichheit vorantreiben? Braucht es Quoten?

Ich glaube, das wichtigste ist, dass wir Frauen uns verbünden. Daran glaube ich am allermeisten. Wir haben irgendwie im Lauf der Geschichte – dadurch, dass uns so wenige Positionen zuerkannt worden sind – verlernt, dass wir als Gruppe stärker sind. In den letzten paar Jahren merkt man aber, dass das wieder wird. Wenn wir zu unserer Stärke stehen und uns das selbst glauben, dann gibt’s überhaupt nichts, das uns aufhalten kann. Und das spüren die Männer. Das Patriarchat wird es so nimmer so lange geben, wenn wir so weiter tun. Aber es gehört noch viel Arbeit gemacht.

Nimmst du wahr, das man dir als Künstlerin anders gegenübertritt als männlichen Kollegen – etwa beim Booking, Preisverhandlungen, etc.?

Ganz besonders, sobald du eine Band leitest, bist du mit dem Thema immer konfrontiert. Bei Dingen wie Organisation oder Booking, in Sachen Gagenverhandlungen oder auch vor Ort mit Technikern, kann es schwierig sein, klare Ansagen zu machen. Das sind wir als Frauen oft nicht gewohnt; das ist die Schule, durch die wir oft nicht durchgehen, weil es einfach nicht in unserem Rollenbild ist. Deswegen meine ich, dass die Quote so wichtig ist – damit es normal wird für uns, dass wir uns durchsetzen, dass wir vorne stehen und dass wir nicht nur die üblichen Rollen haben.

Ich weiß noch, ich hab als Mädchen immer drauf g‘schaut, dass ich bei allem immer Bescheid weiß. Wenn ich nicht weiß, welche Akkorde meine Lieder haben, dann bin ich nur die Sängerin und das wollt ich nie sein – ich wollte das Schiff steuern. Und als Frau musst du halt irrsinnig hart arbeiten, damit dir diese Position auch anerkannt wird.

In deinen Texten geht’s auch oft um genau diese Themen. Haben Musiker*innen eine gesellschaftspolitische Aufgabe oder darf Musik auch einfach nur schön sein?

Es darf auch nur schön sein, aber ich finde: Wenn man wirklich eine Künstlerin ist, dann ist man schon auch Zeugin unserer Zeit – und das muss man schon irgendwie zum Thema machen. Es ist aber nicht jeder politisch und nicht jeder muss politisch sein. Es hat beides seine Daseinsberechtigung. Aber: Für mich ist es eine Pflicht, politisch zu sein.

Am 20. September erscheint ihre neue Single "Call Me Bad", Ende des Jahres kommt dann sogar ein neues Album von Lylit. Die Release-Show wird im WUK stattfinden. Alle Infos und Updates zum Albumrelease gibt’s auf Evas Instagram-Kanal @lylitmusic!

 

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