Sexibel? 2 Drittel aller Frauen änderen ihre sexuelle Identität im Laufe des Lebens

Lieben Sie Männer? Frauen? Beides? Vergessen Sie's! Laut Genderforscherin Lisa Diamond funktioniert weibliche Sexualität nicht in diesen Kategorien. Ein Interview über Flex Sex, das Küssen von Mädchen und gar nicht verwirrte Vögel.

In Ihrem Buch "SexualFluidity: Understanding Women’s Love and Desire" werfen Sie vieles von dem über den Haufen, was wir bislang in puncto weibliche Sexualität zu wissen glaubten. Wie lieben Frauen denn nun?

Wir lieben anders. Bei Männern lässt sich die sexuelle Identität in die altbekannten Kategorien einteilen: Es gibt hetero, homo oder bi. Für die weibliche Sexualität aber scheint das nicht zu gelten, sie ist fließend. Frauen fühlen sich zu jemandem aufgrund seiner Persönlichkeit oder Emotionalität hingezogen, das Geschlecht spielt für sie keine so primäre Rolle. Die sexuelle Identität ist dabei auch von der Situation abhängig.

Worauf begründen Sie diese Behauptung, dass Frauen prinzipiell „sexuell flexibel“ sind?

Ich habe 100 Frauen über zehn Jahre begleitet. Zu Beginn der Studie waren diese Frauen zwischen 16 und 23 Jahre alt und hatten auch schon gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht. Ich habe sie regelmäßig nach ihrer sexuellen Orientierung befragt. Ergebnis: Ein Drittel von ihnen blieb konstant, was die Vorliebe für das Geschlecht ihrer Partner betraf. Zweidrittel jedoch änderten – oft auch mehrmals – ihre sexuelle Identität. Sie fingen etwas mit einer Frau an, obwohl sie vorher jahrelang mit Männern zusammen waren und andersrum. Ein paar konnten sich übrigens auch dann nicht festlegen, als sie nach eigenen Aussagen jenen Menschen gefunden hatten, mit dem sie ihr Leben verbringen wollten.

Könnte das nicht einfach bedeuten: Ein Großteil der Frauen ist bi?

Nein, denn die Betroffenen fühlen sich nicht konsistent zu Männern UND Frauen hingezogen. In Sachen Erregung geht es ihnen nicht um „Mann“ / „Frau“, sondern um „erotisch“ bzw. „nicht erotisch“. Es gibt auch im Tierreich – hier spreche ich vor allem von Vögeln – genug Beispiele, dass „sexualfluidity“ nicht nur existiert, sondern natürlich ist.

Und was ist damit, das sexuelle Erleben mit beiden Geschlechtern einfach nur als „wilde Phase“ abzutun?

Das wäre zu einfach. Es ist mehr als zum Beispiel eine wilde Studentenphase – wo man weg von zu Hause ist, auf neue Leute und Ideen trifft. Klar eröffnet das viel mehr Möglichkeiten, sich auch sexuell auszuprobieren. Wenn wir dann wieder „normal“ lieben, liegt das aber oft daran, dass wir nach dem Studium in die Heimat zurückkehren, wo Traditionen und soziale Standards die Sexualität wieder limitieren. Der Flex-Sex-Prozess wird also unterbrochen. Viele Leute sehen deshalb ihre Erfahrungen als „wilde Phase“, jedoch nicht als ihre wahre sexuelle Identität.

Wenn Flex Sex für uns Frauen normal ist, warum kommen Sexualforscher dann jetzt erst darauf?

Weil sich die Forschung vor allem auf die Entwicklung der männlichen sexuellen Identität fokussiert hat. Bei Burschen gilt: Sie entdecken in der Pubertät, ob sie auf Frauen oder Männer stehen, bekennen sich früher oder später dazu und bleiben meist dabei. Es wurde davon ausgegangen, dass Frauen genauso funktionieren. Aussagen wie „Ich mag Männer, schlafe aber auch mit Frauen“ wurden aus den Statistiken gestrichen oder „hingebogen“. Man nahm an, diese Frauen würden sich nicht offen zu ihrer „wahren“ Sexualität bekennen. Oder dass sie nur etwas verwirrt seien, weil sie während einer feuchtfröhlichen Party mal ein anderes Mädchen geküsst haben. Dass die weibliche Sexualität ein Kontinuum darstellt, darauf kam lange niemand.

Lesen Sie weiter auf Seite 2!

Was ändert dieses Wissen jetzt?

Erst mal bedeutet es Erleichterung. Viele Frauen haben geglaubt, die einzig „Verwirrten“ auf diesem Planeten zu sein. Nach Erscheinen meines Buchs haben mir hunderte geschrieben: „Ich kann endlich genießen, dass mein sexuelles Potenzial einfach ein wenig größer ist.“ Zu wissen, dass Flex Sex normal ist, ermöglicht es diesen Frauen, die richtigen Fragen zu stellen. Sie fragen nicht mehr „Was bin ich?“, sondern „Welche Art der Intimität wünsche ich mir?“ und „Mit wem möchte ich sie erleben?“. Es gibt aber auch andere, die verunsichert sind. Es macht ihnen Angst, dass ihre Sexualität nicht fix und in Stein gemeißelt ist.

Warum ist die weibliche Sexualität aber fließender als die männliche?

Die Forschungen dazu sind noch nicht abgeschlossen. Ich glaube aber, dass gesellschaftliche und biologische Faktoren gleichermaßen eine Rolle spielen. Ein Mann, der einen anderen Mann umarmt, gilt schnell als schwul. Emotionale Bindungen zwischen zwei Frauen werden eher akzeptiert und daher gelebt. Ein anderer Punkt ist: Frauen reagieren in einer viel größeren Bandbreite auf erotische Reize als Männer. Eine internationale Online-Umfrage der "BBC" zum Beispiel hat ergeben, dass viele der Frauen, die sich selbst als hetero bezeichneten, Geschlechtsgenossinnen dennoch attraktiv empfanden – auch sexuell. Sie gaben die Existenz einer solchen Anziehung 27-mal häufiger zu Protokoll als straighte Männer.

Liegt das daran, dass es für Männer öffentlich weniger akzeptabel ist, homoerotische Fantasien zu offenbaren?

Das spielt sicher eine Rolle. Trotzdem sind Frauen schon aufgrund ihrer Biologie „sexuell breiter“. Die anschaulichste Forschung dazu stammt aus einem Videolabor an der "Northwestern University". Dort spielte man den Teilnehmern Pornos vor. Die Hetero-Männer zeigten beim Anblick von kopulierenden Männern keine messbaren Erregungswerte. Frauen hingegen – egal, ob sie sich selbst zur Männer- oder Frauenliebe bekannten – reagierten körperlich gleichermaßen stark auf hetero- wie homosexuelle Sexszenen. Der Psychologe J. Michael Bailey schließt daraus sogar, dass Frauen möglicherweise gar keine festgelegte sexuelle Identität hätten, weil es keine klaren sexuellen Erregungsmuster hinsichtlich eines Geschlechts gebe. Er vermutet: In der Liebe seien sie weit weniger Sklaven der Biologie als Männer.

Wenn Frauen weniger Sklaven der Biologie sind, müssten wir doch auch wählen können, ob wir uns in einen Mann oder eine Frau verlieben?

Natürlich gibt es Frauen, die gezielt nach einem Mann Ausschau halten, sobald die biologische Uhr tickt. Oder dann, wenn Kinder kein Thema (mehr) sind, lieber mit einer Frau leben. Doch diese Wahl ist einfach nur die Wahl eines Partners, mit dem man in einer bestimmten Lebenssituation glücklich zu werden glaubt. Das bedeutet aber nicht, dass wir Kontrolle darüber haben, zu wem wir uns hingezogen fühlen. Christliche Rechte in Amerika interpretieren meine Studie leider oft falsch. Sie leiten aus den Ergebnissen ab, sexuelle Orientierung sei „wählbar“, quasi eine Lifestyle-Entscheidung und Homosexualität demnach „heilbar“.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Dass wir uns von sexuellen Schubladisierungen wie homo, hetero oder bi verabschieden und genießen, dass das Liebespotenzial nicht auf ein Geschlecht beschränkt ist. Es wäre schön, Pubertierenden nicht nur die Pille, Kondome und gutgemeinte Warnungen mitzugeben, sondern ihnen auch zu sagen: „Du stehst jetzt am Beginn einer spannenden Reise. Probier dich aus. Vor dir liegt ein wundervolles, erotisches Leben.“

 

Aktuell