Sexfantasien: Zur Sache, Schätzchen!

Seit dem Erfolg von Shades of Grey könnte man glauben, total viele Frauen stünden auf SM(-Fantasien). Sexual- und Lebensberater Dieter Schmutzer rückt das Bild etwas gerade. Ein Interview über Fremde(s) im Bett, "Malen nach Zahlen“ und die Frage, ob man Sexfantasien aussprechen oder gar ausleben soll.

Herr Schmutzer, wo kommen unsere Sexfantasien eigentlich her?
Sie haben nichts mit realen Bildern zu tun, sondern speisen sich aus unserem Inneren. Wir können von etwas gehört oder gelesen haben und entwickeln dann eine Fantasie dazu. Oft haben wir auch kein konkretes Wissen, aktivieren aber Bilder, die in jedem von uns schlummern, und konnotieren sie dann sexuell.

Beeinflussen Pornos unsere Sexfantasien?
Mit Fantasie haben Pornos nichts zu tun. Sie lassen auch keinen Raum dafür. Es ist wie "Malen nach Zahlen": Es wird einem alles abgenommen. Klar bringen Pornos Input und reizen das Nervensystem - aber nur kurzzeitig. Auf Dauer ist das urfad und beflügelt nicht.

Verbergen sich hinter Fantasien immer konkrete Wünsche?
Kann sein, muss aber nicht. Die Bilder im erotischen Kopfkino sind oft heftiger und überhöhter, als wir es in der Realität würden haben wollen. Gerade mit längerer Beziehungsdauer muss man oft stärkere Fantasien entwickeln. Wer Sex à la Shades of Grey fantasiert, möchte aber in Wirklichkeit keinen Sex angekettet in einem Kerker ... Ich glaube aber, im reifen Erwachsenenalter werden jene Bilder stärker, in denen es um Macht geht - etwa SM-Fantasien.

Was irritieren kann, weil man meint: "So bin ich ja gar nicht!"
Ja. Wenn Frauen darum kämpfen, erfolgreich zu sein, und plötzlich kommt da eine Weibchenseite hervor, irritiert das natürlich. Aber wir sind eben nicht eindimensional. Und in Sexfantasien erlauben wir uns, andere Anteile von uns auszuleben, die wir uns sonst nicht zugestehen.

Was sagen Sexträume aus?
Nachtträume sind etwas anderes als Fantasien, aber auch sie schickt uns das Unbewusstsein. Frauen, die träumen, vergewaltigt zu werden, sind darüber natürlich entsetzt. Solche Träume heißen jedoch nicht, dass sie vergewaltigt werden wollen! Sie fungieren als eine Art Ventil. Es geht um die Aufgabe von Kontrolle, darum, sich total gehen zu lassen. Was es konkret für die einzelne Frau bedeutet, kann man mit professioneller Hilfe aufarbeiten.

Wieso stimuliert man sich im Kopf oft mit Sex zu dritt?
Fantasien sind ja ein Ausstieg aus der Realität: Wir überschreiten mit ihnen Grenzen, sprengen Konventionen. Ohne dass es unser realer Wunsch sein muss, ereignen sich da Dinge, die gesellschaftlich verpönt, verboten, zumindest unkonventionell und/oder nicht alltäglich sind. Ich "erlaube" mir also Verbotenes, Ungewöhnliches. Das ist dann häufig Sex mit einem Fremden oder auch Sex mit mehr als einem/-r Partner/-in. Der ist nicht kompatibel mit gängigen Vorstellungen von Beziehungen, Treue, Anständigkeit und deshalb besonders interessant. Mal ganz ehrlich: Die Fantasie, einmal in der Woche zehn Minuten Sex mit dem/der Partner/-in im abgedunkelten Schlafzimmer zu haben, beflügelt das die Lust?

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Warum reden wir kaum (mit dem Partner) über unsere Sexfantasien?
Der Vorteil von Fantasien ist ja: Ich kann sie für mich behalten. Und zunächst einmal gehen Fantasien den anderen auch nichts an. Wenn ich allerdings merke, eine bestimmte Fantasie habe ich immer wieder und sie lenkt mich vom Partner oder der Partnerin ab, zieht meine Energie von ihm oder ihr ab, dann wäre es besser, sie auszusprechen. In solchen Fällen kann man ganz vage etwas sagen wie: "Ich habe da mal was gelesen und dann habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn ... "

Aber Achtung, die Gefahr bleibt, dass sich der andere verletzt fühlt oder zumindest irritiert ist. Es ist eine Gratwanderung, ob man den anderen da miteinbezieht.Dennoch sollte sich niemand für seine Fantasien schämen. Sie können darüber überrascht sein, aber Scham sollte man sich vorbehalten für Dinge, die man anderen angetan hat ... Sexfantasien sind auch nicht pervers - solange Sie sich etwas vorstellen, was zwischen Menschen einvernehmlich möglich wäre.


Was halten Sie davon, Sexfantasien in die Tat umzusetzen?
Wir leben Fantasien aus gutem Grund nicht aus, denn es gehört dazu, dass sie sinnlicher und spannender sind als das echte Leben. Fantasien sind veränderbar: Man kann sie ausschmücken, damit spielen. Sie erweitern den Horizont. Wer sie real auslebt, nimmt sich ein gehöriges Stück Lebensqualität, verarmt in seinen inneren Bildern und bringt sich um den Kick des Unerreichbaren, durch den wir uns lebendig fühlen - nicht nur beim Sex.

Es droht die Enttäuschung?
Die Wahrscheinlichkeit, dass es genau so wird, wie man es sich vorstellt, ist gering. In Fantasien legen wir nun mal hohe Erwartungen. Angenommen, eine Frau wagt einen Dreier. Mit Glück schläft sie dann mit zwei tollen, wohlriechenden Männern. Wenn sie aber Pech hat, tut ihr hinterher alles weh. Ich rate, Fantasien lieber Fantasien sein zu lassen. Es sei denn, der Wunsch wird übermächtig.

 

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