Sex - wer fängt an? Tipps für mehr Schwung im Bett

Einer muss beginnen. Mit dem Sex. Aber was, wenn es immer derselbe ist, der die Hand ausstreckt?

Am Anfang ist der Anfang leicht. Zu einer einzigen rosa Wolke verschmolzen ist man sowieso, also ist es auch kein Aufwand, untenrum mal eben ineinander zu gleiten. Ein Blick, ein Kuss, und die Energie strömt. Aber irgendwann ist man nicht mehr am Anfang, sondern im Alltag. Aus eins wird wieder zwei. Und plötzlich ist Sex nicht mehr etwas, in das man irgendwie hineinrutscht, sondern etwas, für das man sich bewusst entscheiden soll. Einer muss im Bett die Hand ausstrecken. Einer muss die Sache initiieren - und den anderen motivieren. Optimal für die Balance der Beziehung wäre es natürlich, wenn sich die Partner dabei hübsch abwechseln. Aber oft passiert das Gegenteil, nämlich eine totale Polarisierung: Während einer immer passiver wird, findet sich der andere in der Rolle des ewigen Dränglers wieder. Und denkt frustriert: "Warum immer ich? Warum kommt vom andern nix?"

Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer: "Es gibt in einer Beziehung immer einen, der sich früher bemüßigt fühlt, den ersten Schritt zu tun. Meistens der Mann. Selbst, wenn bei ihm das Feuer nicht mehr so lichterloh brennt, denkt er noch: Ich sollte Interesse zeigen, denn wenn ich es nicht auf eine bestimmte Frequenz bringe, bin ich kein richtiger Mann." Andere wiederum meinen: Ich habe ein Recht auf Sex, das steht mir zu, das fordere ich ein. Bei Frauen, so Schmutzer, ist das mit der Initiative meist etwas komplizierter: "Sie denken: Ich würde gern, und Sex gehört doch dazu, wenn sich zwei lieben, das ist doch normal - aber gleichzeitig stecken sie oft im Dilemma: ich sollte nicht so offensiv sein, ihn drängeln, und was ist denn eigentlich los, begehrt er mich nicht mehr, bin ich ihm nicht mehr attraktiv genug?"

Bremse des Begehrens

Mangelnde Attraktivität ist nur einer der Gründe, wenn im Bett immer nur derselbe die Hand ausstreckt, und bei weitem nicht der häufigste. Hinter der Unlust des passiven Partners können vielerlei Dinge stecken, die mit der erotischen Ausstrahlung des anderen nichts zu tun haben. Dr. Schmutzer nennt die wichtigsten:

Powerplays. Auch genannt: versteckte Machtspiele. In unzähligen Varianten erhältlich. Beispiele gefällig? Also: Er lässt sie beim Babywickeln und Kücheputzen allein - sie ihn im Bett anrennen. Sie hat nicht nur im Job, sondern auch im Privatleben die Hosen an - er hält seinen Reißverschluss geschlossen. Das Resultat: Der scheinbar Machtlose hält den anderen am Gängelband. Um es ihm heimzuzahlen, sich zu rächen - oder oft auch einfach nur, um unbewusst wieder ein Gleichgewicht in die Beziehung zu kriegen. Man denke etwa an das Klischee einer Frau, die von einem reichen, mächtigen Mann abhängig ist - womit, wenn nicht durch Migräne, könnte sie sich einen Rest von Selbstbestimmtheit erhalten und ihre eigene Macht spüren? Um von solchen Powerplays wegzukommen, muss man sie sich zuerst einmal bewusst machen. Worum es als Nächstes geht, ist die Frage: "Was würde ich in unserer Beziehung gerne regelmäßig von dir bekommen, was brauche ich von dir, damit ich mich sexuell wieder öffnen kann?"

Der Hormonrausch der ersten Monate kann sexuelle Probleme, die jemand mitschleppt, ziemlich gut überdecken.
von Dieter Schmutzer, Psychotherapeut

Psychische Probleme. Der Hormonrausch der ersten Monate kann sexuelle Probleme, die jemand mitschleppt, ziemlich gut überdecken. Klingt dieser jedoch ab, bauen sich die Blockaden wieder mit aller Macht auf. Wenn jemand eine streng katholische oder prinzipiell lustfeindliche Erziehung genossen hat, sexuell missbraucht wurde, depressiv ist oder einfach seinen Körper hässlich findet, ist es ihm oder ihr so gut wie unmöglich, im Bett die Initiative zu ergreifen. Auch hier hilft nur: bewusst machen, (eventuell mit einem Therapeuten) daran arbeiten.

Rahmenbedingungen. Manchmal ist es nicht die komplizierte Innenwelt, die auf die Lustbremse tritt, sondern banale Störfaktoren in der Außenwelt. Also etwa ein Schlafzimmer, in dem man sich vom Nachbarn belauscht fühlt; Kinder, die jeden Moment stören könnten oder ganz einfach zu wenig Zeit, um überhaupt in Stimmung zu kommen. Verändert man diese Rahmenbedingungen nach seinen Bedürfnissen, hat auch das Begehren wieder eine Chance.

Letztendlich geht es immer um dasselbe Ziel: "Wie schaffen wir uns eine Beziehung, in der keiner irgendeinen Druck hat?"
von Dieter Schmutzer, Psychotherapeut

Fehlende Spannung. Wenn es in einer Beziehung allzu harmonisch zugeht und Konflikte nicht gelebt werden, erscheint der Partner oft so erotisch wie Milchsuppe. Sexualität braucht Spannung, braucht den Drang zur Entladung. Aus diesem Grund verhindert auch oft derjenige, der mehr Sex will, genau dies durch sein eigenes Tun: Durch seine ständigen Initiativen oder seine pemanente Bereitschaft lässt er dem anderen keinen Raum, Lust zu entwickeln. In diesem Fall hilft nur: sich einbremsen, zurücknehmen, damit der andere auch die Chance hat, etwas zu tun.

I want you, babe

Was tun, wenn im Bett zwar zwei Personen liegen, aber scheinbar nur eine davon wirklich anwesend ist? Tipps von Dr. Dieter Schmutzer.

Rückschau. Versuchen Sie sich zurückzuerinnern, wann die Phase des einseitigen Begehrens begonnen hat. War es schon immer so? Gab es einen Auslöser (z. B. Seitensprung, Baby und daraus resultierende Überlastung, Stress im Job)? Wenn ja, haben Sie einen ersten Ansatzpunkt.

Selbstanalyse. Egal, ob Sie auf der aktiven oder auf der passiven Seite stehen - um mit dem Partner zu reden, müssen Sie genau definieren können, warum Sie für sich persönlich nicht gut finden, wie es läuft. Was genau stört Sie an der Einseitigkeit - Schuldgefühle, Angst um die Beziehung, beleidigtes Ego oder was sonst?

Partner-Talk. Schnappen Sie sich Ihren Partner in einer ruhigen Stunde. Sagen Sie ihm, was los ist, wie es Ihnen damit geht, was Ihnen an Ihrer Sexualität auffällt, welche Bedürfnisse Sie hätten und was Sie sich wünschen. Geben Sie ihm Zeit, über sich selbst und seine Sehnsüchte zu sprechen. Legen Sie dann fest: Was ist eigentlich unser gemeinsames Ziel? Und was können wir dafür tun?

Zwiespalt. Nicht jedes Paar findet eine Lösung. Wenn etwa einer von Natur aus eine starke und der andere eine schwache Libido hat, werden sie langfristig kaum auf einen für beide befriedigenden Nenner kommen.

Time out. Oft hilft eine Sex-Pause von etwa drei Wochen. Um ohne Druck und Stress nachzudenken, woher das Ungleichgewicht der Lust kommt und was man bräuchte, um es auszugleichen.

Sinnlichkeits-Kick. Manchmal braucht die Libido einfach mehr Futter. Wenn im Leben alles nur zweckmäßig und auf Leistung ausgerichtet ist, können sich Lustgefühle nicht besonders gut entwickeln. Richten Sie Ihren Blick deshalb gezielt auf schöne Dinge; fühlen, riechen und schmecken Sie bewusst und tun Sie jeden Tag etwas, was Ihnen einfach nur Freude bereitet und ansonsten völlig nutzlos ist.

Sex-Therapie. Wenn alles Reden und Probieren nicht hilft, muss ein Experte her. Damit man endlich draufkommt, wo der Hund begraben liegt. Sexualtherapeuten arbeiten oft mit einem schrittweisen Erotik-Wiederaufbauprogramm. Und das geht etwa so: In der ersten Woche kein Wort über Sex sprechen und keinen machen. Zweite Woche: No Sex, sich streicheln, aber nur bekleidet. Dritte Woche: nackt im Bett liegen, aber einander nur an den Händen halten. Vierte Woche: sich nackt streicheln, aber nicht an den Intimzonen. Fünfte Woche: überall streicheln, aber kein GV. Sechste Woche - ja, genau.

Hans, 25: Meine Freundin und ich übernachten im Schnitt zwei bis drei Mal die Woche zusammen und kuscheln immer. Nur: Mehr will sie halt nicht. Sie sagt regelmäßig, dass Sex für sie absolut nicht wichtig wäre und weit hinter ihren sonstigen Hobbys rangieren würde. Einmal im Monat, das ist für sie aber auch schon das Maximum. Und da muss natürlich immer ich die Initiative ergreifen. Wenn ich sie intim streichle, sagt sie mir im Nachhinein oft, dass sie es zuerst nicht wollte, dann aber doch genossen hat. Sie beteuert auch, mich sehr zu lieben, und auch ich will sie nicht verlieren. Aber ich bin schon sehr verunsichert.

Kerstin, 23: Initiative sieht bei ihm so aus, dass er sagt: "Schmusen wir doch ein bissel." Und da weiß ich schon immer, was kommt. Manchmal sage ich: "Überleg' dir mal was, wie du mich mit mehr Fantasie verführen könntest", oder ich gebe ihm Magazine zu lesen. Aber da liest er drei Zeilen und hört gleich wieder auf. Oder er sagt: "Du überlegst dir ja auch nichts." Das stimmt natürlich auch wieder, aber unsere Beziehung ist nach fünf Jahren halt schon recht eingeschlafen. Oder wir sind einfach beide zu bequem. Vielleicht sollte man seinen Partner auch nie beim Zehennägelschneiden sehen ...

Seline, 29: Wir sind jetzt schon seit zwei Jahren zusammen. Bis zur Geburt unserer Tochter war Sex in unserer Beziehung noch ganz anders als jetzt. Er hat mich des öfteren verführt, und ich ihn. Wir haben auch öfters mal was Neues ausprobiert. Aber nun: die totale Langeweile. Mein Freund verführt mich nicht mehr, nur noch ich ergreife die Initiative. Wir probieren auch nichts Neues mehr aus. Unser Sex verläuft meistens gleich: Ich mache ihn heiß, wir machen es in der Missionarsstellung, bis er kommt, und das war's dann. Ich täusche ihm momentan jedes Mal einen Orgasmus vor, weil ich ihn nicht verletzen will. Aber das bringt mir auch nichts. Und weil ich beim Sex nicht komme, habe ich halt öfters ein sexuelles Verlangen nach ihm. Das Problem ist, ich traue mich mit ihm nicht offen reden. Ich habe Angst, dass alles nur wegen der Schwangerschaftsstreifen ist.

Robert, 32: Sobald wir das Schlafzimmer verlassen, ist alles wunderbar. Aber die Initiative für Sex liegt in 99 Prozent aller Fälle bei mir. Selbst wenn wir uns mehrere Wochen nicht sehen, verspürt meine Freundin keinen Drang, noch am Tag meiner Rückkehr mit mir zu schlafen. Sie sagt, dass der Sex mit mir schön ist und dass sie meistens auch einen Orgasmus hat. Erklären, warum sie trotzdem nicht öfter will, kann sie mir allerdings nicht. Wenn wir uns täglich sehen, schlafen wir etwa drei Mal im Monat miteinander. Ich habe schon versucht, mich eine Zeit lang zurückzuhalten, so dass sie mal die Initiative übernehmen kann, aber leider kam von ihrer Seite überhaupt nichts. Ich habe auch schon andere Sachen probiert: Ich war extra nett, habe einen romantischen Abend gestaltet, sie massiert usw. Alles mit eher geringem Erfolg. Und da der seltene Sex auch nicht besonders leidenschaftlich ist und eher wie ein Pflichtprogramm abläuft, sehe ich für uns leider keine große Zukunft.

Martina, 34: Mein Mann ist und war immer sehr stürmisch und fordernd. Am Anfang unserer Beziehung hat mir das sehr geschmeichelt. Mittlerweile ist es für mich aber mehr Druck und Pflicht als Lust. Da ich mit Job und Kindern ziemlich überfordert bin, habe ich einfach nicht die Kraft und den Kopf dafür. Öfters wirft er mir vor: Von dir kommt überhaupt nichts. Und ich antworte dann: Wie denn auch, wenn du sowieso immer schon darauf lauerst? Wenn ich ihm vorschlage: "Dann warte halt einmal darauf, bis ich zu dir komme!" meint er nur: "Da kann ich ja ewig warten." Er lässt es nicht darauf ankommen, was passiert, wenn er einmal nicht zum Sex drängt. Und ich - lasse ihn halt ab und zu, damit der Haussegen nicht schief hängt.
Nicht jedes Paar findet eine Lösung. Wenn etwa einer von Natur aus eine starke und der andere eine schwache Libido hat, werden sie langfristig kaum auf einen für beide befriedigenden Nenner kommen.
von Dieter Schmutzer, Psychotherapeut
 

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