Sex nach der Krebs-OP

Vor 1,5 Jahren erkrankte Christine (37) an Brustkrebs. Der Sex mit ihrem neuen Freund machte ihr fast mehr zu schaffen als Chemotherapie, Bestrahlung und Brustamputation. Bis ...

"Während der zweiten Chemo verließ mich mein damaliger Freund. Wenn man gemein ist, würde man sagen: Er kam nicht damit zurecht, dass mir die Haare ausfielen, ich kotzend überm Klo hing. Wahr ist aber: Ich hatte mich verändert - innerlich. Ich suchte plötzlich nach dem Sinn in den Dingen. Welchen Wert haben schon BMW oder Dachterrasse, wenn man um sein Leben kämpft?!

Ein paar Monate lang war ich froh, keinen Partner zu haben. So musste ich für niemanden stark sein und konnte mich nur auf mich und meine Genesung konzentrieren. Doch als ich dann über den Berg war, hätte ich schon gern jemanden gehabt, der das (Über-)Leben mit mir genießt ...

Ich fand ihn in Florian. Wir lernten uns im Krankenhaus kennen. Er besuchte dort seine Mutter, die auch an Brustkrebs erkrankt war. Vielleicht lag es daran, dass ich mich gleich auf ihn einlassen konnte. Bei ihm hatte ich nicht das Gefühl, ihn schützen zu müssen. Er kannte die hässliche Fratze der Krankheit.

Obwohl es super lief, hatten wir am Anfang der Beziehung über ein halbes Jahr keinen Sex. Ich war noch nicht bereit, jemanden in meinen gerade wiedergewonnenen Körper zu lassen. Florian verstand das. Überhaupt war er großartig in dieser Zeit. Er gab mir das Gefühl, trotz Perücke schön zu sein, ermutigte mich, dekolletierte Kleider anzuziehen, auch wenn mir der Busen fehlte. Kurz: Er bestärkte mich in meinem Frausein.

Das erste Mal mit ihm zu schlafen, war dennoch eine emotionale Challenge. Natürlich hatte er mich davor schon nackt gesehen, auch meine Narben gestreichelt. Doch Sex ist eben noch eine andere Qualität von Intimität. Und vor der schreckte ich zurück. Meine Sorge: Hatte die Krankheit mir das Vermögen genommen, mich fallen zu lassen? Schließlich war ich ja während der Krankheit immer sehr ,bewusst' gewesen, wenn es um meinen Körper ging. Hatte jedes Ziehen hinterfragt -mit Angst.

Und so war es dann auch beim ersten Mal. Ich genoss nicht, sondern drehte mich gedanklich hinein in eine Spirale von ,Ist das normal?! Hat sich das früher auch so angefühlt? Fehlt mir eine Erregungskomponente, so ohne Busen?'. Der Sex war deshalb auch dementsprechend mies und angespannt. Nicht nur für mich, sondern auch für Florian.

Doch er reagierte großartig:,Das können wir besser', sagte er hinterher - mit einem Lachen. ,Lass es uns gleich noch mal probieren.' Haben wir dann auch gemacht. Und dann noch mal. Und bei jedem Akt wurden wir tatsächlich besser, freier, entspannter. Sicher: Es wäre schön gewesen, mit diesem tollen Mann gleich beim ersten Sex voll Wonne zu jauchzen. Aber irgendwie war es so sogar noch viel besser: Denn wir haben erfahren, dass wir mit- und durch einander wachsen können."

Sextherapeutin Rose Hartzell:

"Hat man eine schwere Krankheit überwunden, ist man körperlich oft noch gar nicht fit genug für Sex. Immerhin: Auch dann kann man schon mal den Grundstein legen für spätere Intimitäten. Indem man die emotionale Verbindung zum Partner durch Gespräche und Zärtlichkeiten aufrechterhält, damit nicht der Eindruck entsteht, es liege an der Beziehung, dass es derzeit keinen Sex gibt. Geben der Arzt und das eigene Gefühl dann irgendwann das Go für Sex, empfiehlt es sich, die Sache langsam anzugehen. Nicht nur Sie, auch Ihr Partner muss Ihren veränderten Körper kennen (und lieben) lernen. Vielleicht erfordert die Veränderung ja auch eine Umstellung der Sexualität, sprich: andere Stellungen oder Wege der Erregung beim Vorspiel. Tasten Sie sich gemeinsam und langsam an den Sex 2.0 heran."


Dieser Text erschien erstmals in der WIENERIN Nr. 04/2014 vom 27.03.2014.

 

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