Severin Groebner: "Optimismus ist reiner Selbstzweck"

Der Wiener Kabarettist Severin Groebner entpuppt sich als Katastrophenschutzexperte erster Klasse.

Nur wer sich das Allerschlimmste ausmalen kann, ist auf Katastrophen - die mit Sicherheit eintreffen werden – vorbereitet. So gesehen gilt der Wiener Kabarettist und Autor Severin Groebner als zuverlässiger Ratgeber und Kenner in Sachen Apokalypse. Schließlich hat er – stets auf Augenhöhe mit den eigenen Lebenskrisen – schon alle Worst-Case-Szenarien sprichwörtlich rauf- und runtergespielt.

Die größte Gefahr für eine Kultur besteht darin, wenn die, die sie verteidigen wollen, eigentlich gar keine besitzen.

von Severin Groebner, Kabarettist

Flirting with Desaster

Sein Programm „Der Abendgang des Unterlands“ versteht sich als „Orientierungshilfe für den überforderten, okzidentalen Endverbraucher“ und listet u.a. praktische Last-Minute-Untergangstipps für die HedoninstIn von heute. “Optimismus ist reiner Selbstzweck“, weiß der regierungskritische Überlebensexperte, der nicht nur in wöchentlichen Kolumnen in der Wiener Zeitung seinen Senf zum Politigeschehen in Österreich abgibt, sondern auch zusammen mit den Stefanie Sargnagel und Hosea Ratschiller die Letzte Wiener Lesebühne (nächster Termin 25.11. Vienna Ballhaus) ins Leben gerufen hat. Im Oktober 2018 erschien übrigens Groebners „Lexikon der Nichtigkeiten - ein Rundumschlagwerk für Zeitgenossen“.

WIENERIN: In deinem Solokabarett-Programm „Der Abendgang des Unterlands“ (am 03.11.2018 in Graz in der Kleinkunstbühne im Theatercafé) beschreibst du ganz prophetisch einige Untergangsszenarien. Wie ist jetzt die richtige Haltung der Apokalypse gegenüber? Resignieren? Oder sich schnell noch ein gutes Achterl bestellen, wie du in deinem Kabarett-Programm nahelegst? Ausgezeichnete Option übrigens. Darin erkenne ich mich wieder.

Severin Groebner: Man braucht überhaupt keine Haltung zur Apokalypse, weil die Apokalypse nicht kommen wird.

Doch, in deinem Kabarett-Programm sagst du sogar die exakte Uhrzeit voraus...

Die Apokalypse wird nicht kommen und wenn sie tatsächlich kommen sollte, weil irgendein Verrückter mit Atomraketen um sich wirft, wird auch der schönste Bunker nix helfen. Insofern ist die richtige Haltung der Apokalypse gegenüber, dass man das Leben, solange man es leben kann, genießen soll.

Das hört sich nach einer sehr Wienerischen Einstellung an …

Das ist einfach eine hedonistische Einstellung. Der eine oder andere Mexikaner könnte sie auch unterschreiben oder Franzose. Alle Menschen, die das Leben gern genießen, würden das unterschreiben. Mein Schwiegervater ist Deutscher, sogar er würde das unterschreiben.

Woher kommt die Lust am Untergang?

Ich persönlich hab überhaupt keine Lust am Untergang. Aber das Thema liegt einfach in der Luft. Spätestens seit dem Jahr 2014 haben viele Leute das Gefühl, dass „jetzt gleich alles zusammenbricht“. Angst breitet sich aus. Warum das so ist? Darüber könnte man viele Thesen aufstellen. Am wahrscheinlichsten ist für mich ist die These, dass viele Menschen, die noch in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen sind, davon ausgehen, dass nix passiert, wenn die Welt in zwei Blöcke geteilt ist und sich zwei Mächte gegenüberstehen. Dabei ist ein konfliktfreier Zustand eine historische Anomalie. Wenn es wie jetzt, viele unterschiedliche, kleine Interessen und größere und kleinere Mächte gibt, die gegeneinander intrigieren und miteinander kurzfristige Bündnisse schließen oder sich kampfbereit gegenüberstehen, dann ist das historisch gesehen – der Normalfall. Schon die Hethiter und die Ägypter haben sich gegenseitig gründlich den Schädel eingehaut und die Welt hat sich einfach weitergedreht. Die Menschheit verhält sich heute noch genau so, wie sie es auch in den letzten 10.000 Jahren verhalten hat.

Severin Groebner Interview Catherine Gottwald WIENERIN

Dafür, dass du keine Angst vorm Untergang hast, zelebrierst du ihn aber in „Der Abendgang des Unterlands“ ganz ausgelassen. Selten war Hysterie und Orientierungslosigkeit so unterhaltsam …

Natürlich macht es Spaß, den Untergang durch den Kakao zu ziehen. Wie heißt es so schön? Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Wenn man sich das einmal kurz durchdenkt, wie das wirklich sein könnte, dann kommt man auch drauf, dass Angst das ist, was einem überhaupt nicht hilft. Wenn du im Wald stehst und ein angeschossener Wildschweineber steht vor dir und glaubt, du hättest ihn angeschossen, dann ist Angst eine gute Sache. Denn dann rennst du ein bissi schneller und dann hast du eine Chance diesem wilden Eber zu entkommen. Ansonsten ist Angst immer eine schlechte Reaktion oder führt zu nichts. Respekt, Furcht vielleicht, weil dann machst du irgendeinen Blödsinn nicht, aber dauernd Angst zu haben, hilft niemanden, dir nicht, mir nicht, den anderen Leuten nicht. Deshalb die Lust am Untergang einfach als Gegenreaktion auf die Angst. Man muss auch mal in die Scheiße hineingreifen, damit man weiß, wie sie riecht.

Trotzdem greifst du ein reales Bedrohungsszenario auf, vor dem sich viele Menschen seit 2014 fürchten.

Nein, absolut nicht. Ich gehe von keinem realen Bedrohungsszenario aus, weil die Leute sich ja vor den falschen Dingen. Die Leute fürchten sich davor, dass die Islamisten hier in Europa die Macht übernehmen. Das wird nicht passieren. In Deutschland gab’s letztes Jahr laut einer Statistik 700 islamistische Straftaten. Gleichzeitig gab es im selben Zeitraum 11.000 rechtsradikale Straftaten. Jetzt stellt sich natürlich die Frage „Wovor soll man sich denn wirklich fürchten“? Vor den 700 oder den 11.000? Das ist ja das Interessante: Es werden dauernd lauter Scheindiskussionen geführt. Die große Gefahr ist nicht dass, eine geheime Weltregierung, wo die auch immer sitzen mag – die Macht übernimmt, sondern die große Gefahr ist, dass wir manipuliert werden und uns Cambridge Analytica und die Nachfolger, die es bestimmt auch geben wird, uns via Facebook so das Hirn wäscht, dass das wir dann genau denken, was wir auch denken sollen, wenn es nach den Auftraggebern von Cambridge Analytica geht, weil sie uns mit falschen Informationen füttert.

severin-groebner-buehne

Zitat aus deinem Programm „Wiener haben den Weltuntergang mit der Muttermilch aufgesogen“. In einem Interview vor vier Jahren hast du gesagt, „der Wiener Schmäh funktioniert dahingehend, dass wir uns das Leben zunächst einfacher machen, indem wir Probleme mittels Schmäh auf die lange Bank schieben“ etc.

Dazu steh ich immer noch.

Funktioniert diese Vogelstrauß-Politik weiterhin?

Sie funktioniert sogar besser, weil, wenn man sich anschaut, welche Regierung wir mittlerweile haben, dann sieht man ja, dass sogar die Regierung das auch schon macht.

Welche Kräfte wirken dem Untergang entgegen oder beschleunigen ihn? Du bezeichnest den türkischen Präsidenten Erdoğan oder US-Präsidenten Trump als „Beschleuniger des Untergangs“

Die große Kraft, die dem Untergang entgegen wirkt, ist die Biologie. Auch Herr Trump, Herr Erdoğan, Herr Putin und Herr Assad werden eines Tages ein Bankerl reißen und dann sind sie nicht mehr da. Und das lehrt und ja auch die Geschichte, dass auch die größten Verbrecher irgendwann nicht mehr da sind. Und dann können sie nicht mehr weiter ihre scheußlichen Sachen machen.

Aber das kann noch ein Zeitl dauern, aber was machen wir bis dahin?

Wir versuchen sie daran zu hindern, alles kaputt zu machen. Das ist nicht so einfach. Konstruktiv zu sein, ist immer der schwierigere Weg. Wir kennen das aus der Kindererziehung: Ein kleines Kind, hat wahnsinnig viel Spaß daran, Dinge zusammenzuhauen, umzuwerfen und kaputt zu machen und es braucht dann erst den Entwicklungsschritt im Kind, das es draufkommt, das es auch Spaß macht, Dinge aufzubauen, Dinge zu gestalten. Die Gesellschaft muss sich bewusst sein, dass Konstruktivität immer etwas Schöneres ist als Destruktivität. Die Kräfte, die den vermeintlichen Untergang beschleunigen, gehen von einer ganz bestimmten Spezies eines interessanten Säugetiers aus, nämlich vom homo sapiens. Weil sitzen auf einem sehr schönen Raumschiff in einem lebensfeindlichen All und tun alles dazu, das dieses Raumschiff für uns nicht mehr lebenswert ist.

Du hast konkret keine Angst, dass unsere Ressourcen aufgebraucht werden, dass dein Sohn nicht mehr Auto fahren kann …

Ich bin froh, wenn mein Sohn nicht mehr Auto fahren wird, weil Autofahren ein Blödsinn ist. Ich war in Frankfurt im Senckenberg Naturmuseum. Dort erklärt uns eine Darstellung des Erdmantels, die Zukunft der Erde. Seither weiß ich, dass uns die nähere Zukunft uns zwar unbekannt, die fernere Zukunft aber sehr wohl bekannt ist: Wir werden alle als graubraune drei Zentimeterdicke Schicht im Erdmantel enden. Welches Auto wir gefahren, welche Sonnenbrille wir getragen oder welche Kleider wir angehabt haben, wird alles sehr, sehr Wurscht sein, weil es alles zu einer kleinen, grau-braune Schicht im Erdmantel zusammenschrumpfen wird.

Eine andere Perspektive: Dein Sohn wird in 30 Jahren kein Rindfleisch mehr essen können, sondern ernährt sich von Würmern. Ist dir das auch Wurscht? Oder siehst du das gar nicht? Klimaerwärmung. All diese Szenarien sind für dich keine Bedrohung?

Rindfleisch, wird er wohl essen können, nur eben nicht so oft wie wir, weil es vielleicht wegen den klimatischen Verhältnissen schwierig wird fürs Rind. Rind wird auch viel, viel teurer sein. Es verhält sich damit genauso wie mit dem Genuss von Flusskrebsen. Vor 200 Jahren waren Flusskrebse das billigste Essen, das man bekommen konnte. Kutscher, Stallknechte und anderes „niederes Personal“ weigerten sich täglich mit Flusskrebsen abgespeist zu werden. Ihre Forderung fand sogar Eingang in die österreichische Gesetzgebung. Mittlerweile gibt es in Österreich und Europa auf Grund der Umweltverschmutzung so wenig Flusskrebse, dass sie als Delikatesse gelten, extra gezüchtet werden und extrem teuer sind. Und so ist die Zukunft des Huhnes, des Schweines und des Rindes. Es wird nicht verschwinden, es wird nur ein bissl teurer werden.

Woher nimmst du deinen Optimismus?

Ich hab mich viel mit dem Dritten Reich und seinen Verbrechen beschäftigt. Es haben jene im KZ überlebt, wenn sie denn überlebt haben, die sich gedacht haben „auch das geht vorbei. So schlimm die Gegenwart ist, das geht vorbei.“ Sofern sie nicht umgebracht worden sind und es auch körperlich durchhalten konnten, haben sie die psychische Stärke entwickelt, zu überleben. Insofern ist Optimismus reiner Selbstzweck.

Das ist jetzt auch eine Strategie eigentlich, oder?

Natürlich.

Zitat aus deinem Kabarettprogramm: „Die größte Gefahr für eine Kultur besteht darin, wenn die, die sie verteidigen wollen, eigentlich gar keine besitzen.“ Das ist ja eigentlich wieder einmal eine totale Absage an die Regierung …

(lacht) Das tut mir persönlich sehr leid.

 

Aktuell