Serie "Girlboss": Es hätte so gut werden können!

Ein Wochenende, eine Serie. Nach Kollege Daniel gibt sich diesmal Online-Redakteurin Arnika die volle Seriendröhnung mit der neuen Netflix-Serie "Girlboss".

+++ ACHTUNG SPOILER +++

Ein Leistenbruch zwang Sophia Amoruso 2006 einen bezahlten Job (mit Krankenversicherung) als Ausweiskontrolleurin in einer Kunstuniversiät anzunehmen. Aus Langweile durchstöberte sie dort eBay-Auktionen auf der Suche nach günstigen Vintage-Stücken und erkannte schließlich das Geschäftspotenzial der verkauften Secondhand-Schnäppchen.

Fortan peppte sie Kleidungsstücke, die sie günstig am Flohmarkt oder bei Nachlass-Verkäufen fand, auf und verkaufte sie gewinnbringend bei eBay. Aus einem kleinen eBay-Shop wurde innerhalb weniger Monate ein millionenschweres Unternehmen und Amoruso zur Selfmade-Millionärin. In ihrem Buch #girlboss, beschrieb 2014 Amoruso ihren märchenhaft-schrägen Aufstieg und lieferte damit einen Bestseller (und den besten Tischableger, den sich ein Blogger je wünschen konnte).

Der perfekte Stoff also für eine Girlpower-Serie, die Millennials mit Charme, Witz und Feminismus abholt? In der Theorie JA, in der Praxis? Naja, eher nicht.

Aber nochmal von Anfang an. Die Serie (Netflix, 2017) erzählt die Geschichte der erfolglosen Sophia Marlowe (gespielt von Britt Robertson aus "Kein Ort ohne dich" & "Under the Dome"), die in San Francisco lebt und sich mit Gelegenheitsjobs, Dumpstern und kleinkriminellen-Dasein durchs Leben schlägt. Eines Tages, sie wurde gerade erneut als Verkäuferin gekündigt, kommt ihr beim Thrift-Shopping die geniale Idee, aufgemotzte Vintage-Stücke beim Auktionshaus eBay zu verkaufen und somit in Zukunft ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Was folgt sind eine Reihe skurriler Verkaufserlebnisse (Sophia läuft schreiend über die Golden Gate Bridge, um ein Hochzeitskleid rechtzeitig zu liefern), Streit mit jedem einzelnen ihrer sozialen Kontakte (allen voran ihrem Vater) und jede Menge schräger Ereignisse, die schließlich zur Gründung ihres Online-Shops "Nasty Gal" führen.

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Ein gutes Buch macht noch keine gute Serie

Leider lassen die halbwitzigen Dialoge die offensichtlichen Drehbuch-Schwächen (Sophia klaut vor den Augen eines Teppichhändlers einen Teppich, er lässt es ihr durchgehen, weil sie "so schön" ist) und den überdrehten Charakter von Sophia nicht vergessen und so wird aus einer Serie mir großem Potenzial eine über weite Strecken seicht-unterhaltsame Produktion mit wenig Tiefgang.

"Sophia nervt", schreibt Die Zeit über Girlboss und hat leider recht. Was eine starke Serie rund um die Emanzipation einer Frau hätte werden können, ist eine (zu) bemühte Serienproduktion geworden, in der so viel passiert, dass man als ZuseherIn kaum noch mitkommt. Stattdessen konzentriert sich Serienmacherin Kay Cannon ("Pitch Perfect") zu sehr auf die schrägen Konflikte und Ereignisse in Sophias Leben.

Girlboss hätte ein bisschen weniger Geschrei und Skurrilität gut vertragen können. Denn während Sophias Privatleben in jeder Einzelheit (und über weiter Strecken "frei erfunden") ausgeschlachtet wird, kommt eines in der Serie ziemlich kurz: Sophias Unternehmen "Nasty Gal" selbst. Denn wer glaubt, man würde hier etwas über Mode oder ihr Leben als Selfmade-Millionärin erfahren, der wird bei Girlboss lange danach suchen müssen.

"Verdammt, es hätte so gut werden können!", schreibt eine Freundin auf Instagram am Wochenende über die Serie. Ich könnte ihr nicht mehr zustimmen.

Übrigens: Obwohl Amoruso in der Serie schlussendlich einen Megaerfolg mit "Nasty Gal" feiert, sieht es im wahren Leben für die Gründerin weniger rosig aus. Im letzten Jahr meldete Amoruso mit ihrem einstigen Erfolgs-Unternehmen Insolvenz an. Seitdem ist es um eine der einst "einflussreichsten Frauen unter 30" (Forbes) ruhig geworden. Ob daran die Serie etwas ändern wird, wird man sehen. Ihr Misserfolg wird in der Serie jedenfalls nicht thematisiert.

"Girlboss" ist seit 21. April auf Netflix weltweit abrufbar. In der Hauptrolle spielt Britt Robertson, als Co-Produzentin ist die Südafrikanerin Charlize Theron beteiligt.

Die Serie enthält 13 Folgen á 20 Minuten.

 

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