Selbstzweifel: Ich kann das … oder nicht?

Es hat eine gewisse Ironie: Während ich diesen Text schreibe, bin ich von der Angst, Fehler zu machen, fast gelähmt. Ich habe mir die böse Ge­dankenspirale der Selbstzweifel, die viele Frauen kennen, genau angeschaut, ihr eine Stimme gegeben – und Tipps gefunden, wie man sie zum Schweigen bringt.

Ich kann das... oder nicht?

Frauen haben mehr Angst davor, zu scheitern und Fehler zu machen – eine komplexe theoretische Annahme, die die halbe Weltbevölkerung betreffen soll. Doch worum geht es dabei eigentlich? In der Praxis geht es um mich, die ich hier sitze, das Blatt anstarre und nach sechs Zeilen bereits sicher bin, dass niemand das hier lesen will. Nicht, weil ich mich in dem Thema nicht auskenne oder mein Handwerk nicht beherrsche; sondern einfach nur, weil die Gedanken in meinem Kopf mir permanent einreden, dass ich Fehler machen werde.

Es geht um uns alle

Und damit bin ich nicht allein: Es geht in diesem Artikel um meine Mutter, die seit fast 30 Jahren das Rückgrat eines großen Unternehmens und Betriebsratsvorsitzende ist und sich trotzdem aufarbeitet, aus Angst, gekündigt zu werden. Es geht um meine gute Freundin, die die Entwicklung ihres Kindes akribisch mit anderen im gleichen Alter vergleicht, um sicherzugehen, dass sie keine schlechte Mutter ist. Es geht um meine Schwester, der am ersten Tag in einer technischen Schule vorgeworfen wurde, sie wäre nur dort, um Jungs kennenzulernen, und würde niemals abschließen. Es geht um die Gründerinnen, die nur 14,8 Prozent ausmachen, weil es sich viele andere Frauen nicht zutrauen.

Am Ende des Tages geht es um uns alle. Es geht um die Sozialisation, die dazu geführt hat, dass wir Frauen von klein auf mit weniger Selbstbewusstsein erzogen werden als Männer. Und um die Erwartungshaltung der Gesellschaft, die Frauen oft als weniger kompetent einstuft. Haben wir mehr Angst davor, zu scheitern? Ja. Fühlt es sich manchmal so an, als würde die Welt nur darauf warten, dass wir Fehler machen? Für mich zumindest schon.

Haben wir mehr Angst davor, zu scheitern? Ja. Fühlt es sich so an, als würde die Welt darauf warten, dass wir versagen? Für mich schon.

Die gläserne Klippe

Doch woher kommt das? Bilde ich mir das nur ein? Ursula Athenstaedt ist Universitätsprofessorin an der Universität Graz und spezialisiert auf Geschlechterforschung. Während sie die gläserne Decke im Beruf in den letzten Jahren weniger stark wahrnimmt, spricht sie inzwischen von einem gläsernen Labyrinth. Es ist für Frauen zwar möglich, beruflich erfolgreich zu sein, aber ihr Weg ist viel weniger geradlinig und weit mühsamer als der von Männern. In den letzten Jahren hat sie zusätzlich etwas bemerkt, das als Glass-Cliff-Phänomen bezeichnet wird.

Die Professorin erklärt: "In vielen Unternehmen sind Frauen in Führungsetagen immer noch unter­repräsentiert. Als Zeichen der Veränderung lassen die Unternehmen nun Frauen die gläserne Decke durchbrechen, befördern sie aber in un­sichere Positionen. Das passiert besonders oft während Krisenzeiten, oder wenn es andere ungünstige Voraussetzungen gibt, die es wahrscheinlicher machen, dass die weiblichen Führungskräfte scheitern werden. Es entsteht eine gewisse selbsterfüllende Prophezeiung."

Sehen und Nachmachen

Die Frauen scheitern, obwohl sie in einer fast unmöglichen Posi­tion waren, und bestätigen damit die externe und auch interne Wahrnehmung: Sie haben nicht das Zeug dazu, diesen Job zu machen. Je weniger Frauen man in führenden Positionen wahrnimmt, umso weniger Mädchen haben den Mut, darauf hinzuarbeiten und sich einen solchen Job als Ziel zu nehmen. Es fehlt an Rollenbildern, die dieses Leben vorleben.

Was wir sehen

Diese Wahrnehmung wird durch den Medienkonsum zusätzlich bestärkt. Die Studie Schreib ihre Geschichte neu! aus dem Jahr 2019 hat sich die erfolgreichsten Kinofilme der Welt 2018 angesehen und die Rollenbilder darin untersucht.

Nicht nur in der Produktion, bei der Regie oder den Drehbüchern sind Frauen unterrepräsentiert, sondern auch in der Darstellung. Männer sprechen in den erfolgreichsten Kino­filmen doppelt so häufig und besetzen zweimal so viele Rollen. Frauen werden außerdem so gut wie nie in Führungspositionen gezeigt.

Kinder sind nicht gleich

"Diese Darstellung beginnt bereits bei Kinderfilmen und Kinderbüchern. Das beeinflusst Kinder darin, was sie sich zutrauen. In der Erziehung wird oft eine unterbewusste Erwartungshaltung an Mädchen erzeugt, in etwas nicht gut zu sein", erklärt Athenstaedt.

Als Beispiel nennt sie Mathematikaufgaben, die bei Mädchen genauer kontrolliert werden als bei Buben. Von den männlichen Mitschülern wird erwartet, dass sie das können und richtig gemacht haben. Obwohl LehrerInnen und Eltern das nicht bewusst tun, bekommen Mädchen das Gefühl, es würde von ihnen erwartet, dass sie scheitern. Diese wachsen dann zu unsicheren Frauen heran, die nicht in ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen.

Die Frauen scheitern, obwohl sie in einer unmöglichen Position waren, und bestätigen damit: Sie haben nicht das Zeug, diesen Job zu machen.

Meine Zweifel und ich

Und hier schließt sich der Kreis. Unsichere Frau ist mein Stichwort. Wir sind wieder bei mir und meiner Angst davor, zu scheitern, Fehler zu machen und zugeben zu müssen, dass die Selbstzweifel in meinem Kopf berechtigt sind. Doch wie kommen wir Frauen aus dieser Spirale? Was können wir tun, um auszubrechen?

Ein erster Schritt, wie Athenstaedt sagt, ist, sich klarzumachen, woher diese Gedanken kommen: "Es ist ein Teufelskreis, der uns von klein auf antrainiert wurde. Wenn man sich dessen bewusst ist, hilft es, kurz innezuhalten und sich zu fragen: Habe ich diese zweifelnden Gedanken aufgrund meiner Fähigkeiten – oder weil sie mir anerzogen wurden? Welche Erfolge habe ich bereits verbucht? Wieso glaube ich, das nicht zu können? Ist das ein Ergebnis meiner Sozialisation?"

Was kann ich?

Wer erkannt hat, dass die Bedenken unbegründet sind, kann sich vor Augen führen, was das Schlimmste ist, das passieren kann, wenn man es einfach versucht. Wie viel kann man verlieren? Denkt man sich das durch, erkennt man oft: gar nicht so viel. Ein weiterer Praxistipp ist, sich immer wieder aufzuzählen, was man gut kann. Wenn sich die negativen Gedanken um die Arbeit drehen, ist es gut, sich zu erinnern, in welchen anderen Bereichen man großartig ist. Bin ich eine gute Zuhörerin? ­Backe ich das beste Brot? Spiele ich gut Tennis oder kann ich lustige Witze erzählen?

Vielen Frauen fällt es zudem schwer, sich selbst zu loben oder die eigenen Fähigkeiten hervorzuheben. Besonders beim beruflichen Networking ist das aber wichtig. Frauen können und müssen sich hier gegenseitig unterstützen. Das tun sie, indem sie Netzwerke gründen oder sich eine*n Mentor*in suchen und gegenseitig ihre Fähigkeiten in den Vordergrund stellen. Dieser Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung führen dazu, dass mehr Frauen berufliche und private Chancen bekommen und nützen und das Leben leben, das sie sich wünschen.

Vorbildwirkung

Dadurch inspirieren sie weitere Frauen, dasselbe zu tun. "Wenn ich Frauen sehe, die BWL und Jus studiert haben und dann Teilzeit in der Arztpraxis ihres Mannes das Telefon abheben, frage ich mich, ob sie das wirklich möchten – oder ob das passiert, weil es ihnen anerzogen wurde", so Ursula Athenstaedt.

Sie ruft Frauen dazu auf, weniger Angst vor Fehlern zu haben und die gelernten Muster zu hinterfragen. Nur dann kann langfristig in der Gesellschaft etwas verändert werden. Und nur so kann die Zweifelspirale von uns und der nächsten Generation Frauen zum Schweigen gebracht werden.

Und ich?

Was bedeutet das jetzt für mich und diesen Text? Ich höre auf, daran herumzueditieren, ihn zu zerlegen und mich selbst zu kritisieren. Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn ich einen Fehler mache? Nicht viel, wenn ich ganz ehrlich bin.

Stattdessen sage ich mir: Meine Unsicherheit hat nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun. Und wenn das nicht hilft, weiß ich immer noch: Meine Karaokeperformance von The Time Of My Life ist absolut sehenswert, ich mache ein unglaublich leckeres Schokomousse und lese wirklich schnell. Außerdem gewinne ich fast immer bei Scrabble.

 

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